Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wadrdeir. Nr. 10 Der antisemitische.-Gemeinderat'. — einem Denunzianten verleiht er die größte Auszeichnung, einem Künstler, den unser erhabener Monarch die Stütze des Burgtheaiers nennt, -versagt er sie./ ' ' /. /' ' ' \ :• Noch einmal der antisemitische Gemeinderat — trotzdemer der schrecklichen Wohnungsnot und der unermeßlichen-Teuerung mit verschränkten Armen zusieht, behauptet er sich immer wieder. Die christlichsoziale Partei — sie verfolgt arme jüdische Hausierer unerbittlich, sie verweigert armen jüdischen Waisen eine Subvention, sie setzt jüdische Kaufleute auf die Proskrip- Lionsliste, sie schließt 170.000 Juden trotz ihrer g e-w a l t i g e n Steuerleistung von jeder kommunalen Anstellung ans und doch gehen sie hin. die Frommen und singen: „Friede auf Erden und den Menschen em Wohlgefallen"; ein gleiches Los harrt der jüdischen Steuerträger, so sie sich um Staatsanstellnngen bewerben und doch ist Oesterreich ein — Rechtsstaat. - Der Jude von Nazareth — wollte er eine christlichsoziale Versammlung besuchen, der Eintritt würde ihm verwehrt werden; eine öffentliche Anstellung zu erlangen, wäre für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. H i l s n e r. das größte Opfer des Antisemitismus der letzten Jahrhunderte, — jedermann weiß heute, daß er schuldlos verurteilt wurde, trotzdem gehört dieser Unglückliche schon mehr als zwölf Jahre zu den Lebendigbegrabenen; selbst eine kulturell so hoch stehende Nation wie die czechische, ans der diese Verurteilung heute wie ein Alp lastet, kann sich zu einer erlösenden.Tat nicht aufraffen. Unsere antisemitische studierende Jugend- — sie wirft sich zum Richter in eigener Sache auf und erklärt alle Juden für iatissaktionsunsähig; dieselbe Studentenschaft — sie offenbart ganz andere Grundsätze, wenn es sich znm Beispiel um die Satisfaktionssähigkeit eines Sohnes des Freiherrn v. Hammerstein oder irgend eines andern ähnlichen arischen Ehrenmannes handelt. Wenn Mazedonier, Malifforen oder Albanesen sich gegen die Oberherrschaft der Türkei anflehnen, dann begleiten sie die Sympathien der gesamten Christenheit, wenn aber ein russischer oder rumänischer Jude nicht die nötige Begeisterung für sein Vaterland ausbringt, dann werden sogleich alle Inden zu Vaterlaudsverrätern gestempelt. Die Deutschradikalen schätzen die Semitengefahr so hoch ein, daß sie auf die Stimmen der Juden verzichten, sie in das Lager der Gegner drängen und es vorziehen, sich den eines jeden nationalen Gefühles baren Klerikalen, diesen Feinden des Fortschritts und der Freiheit, zu verpflichten. Ein Antisemit läßt sich niemals durch Beweise, und wären sie noch so schlagend, bekehren. Antisemitische Priester — sie besudeln das alte Testament und daher ihre Religion, sie treten aber auch das Dogma der Nächstenliebe mit Füßen. Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott und hasset seine Nebeumenschen. so ist er ein Lügner. (I. Joh., IV. 20 u. 21.) Am 10. Jänner 1913 brachten einige Wiener Blätter folgende Notiz: „Prag. In der hiesigen Josesstüdter Volksschule hat der katholische Katechet zu Weihnachten ein Büchlein (Nr. 35 der ersten Serie Tiroler Bildchen) an die katholischen Schüler verteilt. Die erste Geschichte erzählt, wie die Inden einen Christen bestechen, sein Kind ihnen anzuvertranen. wie sie dann dieses Kind in den Wald führen und wie hier der grausame Rabbiner das Kind tötet und ihm das Blut abzapft." Der Antisemitismus hat eine noch nie dagewesene Verrohung der Jugend herbeigeführt, so daß man, so es gilt, einen Vergleich zwischen Juden und Antisemiten aufzustellen, mit Recht sagen kann: ..Die Inden gaben der Menschheit das Christentum, die Antisemiten die Blütezeit der — Plattenbrüder und Apachen." Die Juden schlagen entsetzt die Hände zusammen, wenn irgend ein Abgeordneter ihre Ehre besudelt. Ein solcher Tobsuchtsanfall involviert zwar eine Beleidigung für die betreffende Körperschaft, für die Regierung, für den Staat, niemals aber für die Inden, deren Moral, jene der Antisemiten gewiß überragt.' Es ist ganz ausgeschlossen, daß das nioralische Verhalten er Inden irgend welchen Einfluß auf den Antisemitismus ausübt. Der Ä n ti sem it i st mit dem b e sten W i llen anß e r S t an de. de n I u d e.n gerechte zu b e n r t e i l e n. Die Juden könnten rein wie die Engel auf Erden wandeln, den Antisemiten würden sie's doch niemals recht machen. Wer das Gegenteil behauptet, der kennt die Strömung nicht; d e r I n d e m nß um jeden Preis sch lech t s ei n! Es ist auch ganz natürlich, daß ein solches Vorurteil, jahrhundertelang vererbt, sich zur „f ix e n I d e e" ansbildet. Man fordere einmaleinen solchen Judenfresser auf, er möge nur einen Juden aus seiner Umgebung nennen, den er als erwiesen schlecht hinstellen kann und wir wetten tausend gegen eins — wir sprechen ans Erfahrung — daß der liebe gute Mann in die größte Verlegenheit gerät; dessenungeachtet wird ihn aber mir die eine Sorge plagen, ob es besser sei, die Juden anfznknüpfen, oder ins Wasser zu werfen. Wenn der Antisemitismus diesmal andere Formen als in früheren Jahren annimmt, so darf man nicht vergessen, daß auch das 19. und 20. Jahrhundert eine andere Staatsform und überdies ein stehendes Heer besitzt. Znm großen Teile aber haben es die Juden der in allen zivilisierten Staaten eingefnhrten^ allgemeinen Schulpflicht zu verdanken, wenn sich heute die Antisemiten zu einer geänderten Kampfesweise gezwungen sehen. Die Schule ist es, die das Volk selbständig denken lehrt, so daß es sich nicht, und wenn es antisemitisch erblich noch so stark belastet ist, bis zum Verbrechen verleiten läßt. Der Antisemitismus vergiftet die sozialen Zustände, er schädigt die wirtschaftliche Lage und untergräbt die moralischen Grundfesten des Staates. Ein Staat ohne Moral arbeitet aber unaufhaltsam an seinem Untergänge, denn er baut im Innern der Anarchie goldene Brücken, während er nach Außen an Achtung und Vertrauen verliert: Es liegt daher im Interesse einer jeden Regierung, der das Wohl des Staates am Herzen liegt, dieser krankhaften Strömung einen Damm zu setzen. Welche Mittel hier mit Erfolg angewendet werden, hiefür bietet uns England, ein Staat, in dem auch seinerzeit der Antisemitismus furchtbar wütete, ein lebendes Beispiel: N-u r ei n R e ch t s st a a t im str e ng st e n S i n n e des Wort es, d e r d i e D u r ch f ü h r n n g derGesetze rücksichtslos handhabt, der die g e i st i g e u n d materielle Heb ungdes Volkes sich zur Hauptaufgabe st e l l t und der endlich f ü r d i e H e r a ub i l d u n g wahrhaft ch r i st l i ch e r P r i e st e r s o r g t, wird den Antisemitismus für im m e r ans s e i n e m B e r e i ch e bannen. Dr. Maximilian Steiner. Mit aufrichtigster Teilnahme wurde in den weitesten Kreisen der Wiener Knltnsgemeinde die Trauerknnde vernommen, daß Dr. Maximilian Steiner an den Folgen des Unfalles, den er vor 14 Tagen erlitten hat, Sonntag, den 2. März, gestorben ist. Der Heimgang dieses seltenen Mannes, bei dein Geist und Herz in gleicher Vollendung funktionierten, bedeutet einen unersetzlichen Verlust für die Wiener Kultusgemeinde. Seit Jahrzehnten war er einer der begabtesten und fleißigsten Arbeiter im Vorstandskollegium und es gab fast keine Frage auf. dem Gebiete des Kultus, des Unterrichtes und des Wohltätigkeitswesens, an welcher er nicht hervorragenden Anteil genommen hätte. Er war reich an schöpferischen Ideen und besaß dabei die große Gabe, durch die zwingende- Gewalt seiner formvollendeten Rede auch andere für seine Ideen zu begeistern. Was aber seiner Persönlichkeit einen besonderen Zauber verlieh, das war seine geradezu rührende Einfachheit und Bescheidenheit, die an antike Größen erinnerte. Montag, den 3. d. M. veranstaltete der Vorstand der Knltnsgemeinde eine offizielle Tranerkundgebung im Sitznngssaale, bei welcher Präsident Dr. Alfred Stern folgendes treffendes Bild über die Persönlichkeit des Verblichenen sowie über sein Wirken und Schaffen entwarf: