Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Stlbminiftronou: Wien. II;, Nvvaragasse 27 Tetevdon: Jiebafttou &&U9|1V. Hbrntitiitrarioit 4938/11, ' St. .1. öftere. Bostsvarkasia- Ecveck-Konto Nr. 100.918. Inserate: Die viermal gejvaltene Ronpareille-Zeiie 25 Heller. Abonnementsnitd JnserlionSbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Heitfchnft für jüöifche Intere^eu. Erscheint jeden Kr eilag. Noiio: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Gernü»r»ret»: (Muiiiliibiirt.K I*.— tjalbjiibvia.K 7.— ^•iiv Jlnltii'Jbruiiite: <M,unjiibliii. K lll — rVi’it AnSlnitd: 'i'mulilövlit.8 M»rk 6 Ulilvel oder IN Ar 10. Wie». 7. Marz Inhalt: Der Antisemitismus — eine erbliche Belastung. — Dr. Maximilian Steiner. — Was verdankt das Christentum dem Judentum? — Eine moderne jüdische Anthologie. — Israelitische Union. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Tage der Vorzeit. — Oesterr.-ungar. Kantoren-Berein, — Jsak H. Halpern. Der Antisemitismus — eine erbliche Kelastnng. Bon einem Wiener Kommmrallehrer. (Schluß.) Wenn schließlich auch in Rußland der Antisemitismus auflodert und einen blutroten Schein weithin verbreitet, so werden gewiß solche Schandtaten nie den befremden, der die asiatischen Zustände dieses Reiches kennt. Fanatische Priester, religiöse Unduldsamkeit, grenzenlose Korruption der Bureaukratie, das ungewöhnlichtiefe Bildungsniveau und das große Elend des Volkes müssen solche traurige Erscheinungen im Gefolge haben. Das, was für Rußland gilt, gilt znm größten Teile auch für die andern östlichen Länder Europas. Unsere Aufgabe wäre aber nur halb gelöst, wollten wir es unterlassen, auch die Tatsache, daß in einigen wenigen Staaten Europas, wie zum Beispiel in Italien und in den Niederlanden keine antisemitische Bewegung besteht, als Beweis für unsere Behauptung — Der Antisemitismus, eine erbliche Belastung — heranzuziehen. Selbstredend müssen wir zu diesem Behnfe wieder die Geschichte dieser Länder einer näheren Betrachtung unterverfen. In Italien konnte der Jude immer unbehelligt seiner täglichen Beschäftigung nachgehen. Unter den Ostgothen, unter den Longobarden, auch unter den fränkischen Herrschern genossen die Juden in Italien vollkommene Freiheit. Kaiser Ferdinand I. und König Robert von Neapel bewahrten ihnen eine besondere Zuneigung.; selbst die Päpste mit Ausnahme Gregor VII. und Jnnonenz III.. ließen ihnen eine milde Behandlung zuteil werden. Doch auch in Italien waltete, wie überall, die Inquisition ihres Amtes, auch in Italien wurden die Juden der Hostienschändung beschuldigt, also auch hier waren die Bedauernswerten nicht gerade auf Rosen gebettet, aber zu Judenverfolgungen, zu Iud enverfo lgnngen m it b lutigem Ausgangkam es nie! Italien war also nicht der Boden, auf dem der Antisemitismus die nötige Nahrung f and un d ist es bis h eu te nicht. , Erst in allerjnngster Zeit hat sich dieser freiheitsliebende Geist des italienischen Volkes wieder aufs glänzendste bewährt. Als die ganze Nation in Angst nnd Sorge um das Leben ihrer Söhne atemlos auf die Vorgänge in Tripolis hinhorchte, als ihr auch das Kriegsglück den Rücken zu kehren schien, da fehlte es Glicht v o ii g e w isser Seite an Bemühungen, den Juden die Schuld an dem ganzen Unglück znznschieben. Doch die Italiener wiesen die Versuchungen der Verleumder weit von sich, sie waren trotz der größten Not für den Antisemit i s m u s nicht zu haben. In den Niederlanden finden wir bereits um die Mitte des 4. Jahrhunderts Juden. Mit dem Fortschreiten der Christianisierung verschlimmerte sich auch hier ihre Lage. Doch können wir in den Niederlanden, und zwar in Brüssel, nur zwei. Judenverfolgungen verzeichnen; beide fallen in die Zeit der Krenzzüge. Die erste Judenverfolgung fand um das Jahr 1348—49 statt und wurde durch die „Geeselaers" hervorgerufen. Diese Mönche hatten auf ihrer Wanderung durch Deutschland über zahllose jüdische Gemeinden viel Unheil gebracht. Sie kamen nach den Niederlanden, um dieses Land von der Pestkrankheit zu befreien, indem sie zur Versöhnung des erzürnten Gottes die Vernichtung aller Inden empfohlen. Im Jahre 1370 fand die zweite Judenverfolgung statt. Die Geistlichkeit beschuldigte die Juden des Kirchenraubes und der Hostienschäudung und unter ihrer Anführung wurde an die Ausrottung der Juden geschritten. Die irregeleitete Bevölkerung war aber nichts wenigerals ju den fein dl ich g es i n n t. Für diese Annahme spricht die Tatsache, daß die (1492) aus Spanien vertriebenen Knden, trotz der um diese Zeit in vielen Staaten Europas gegen sie veranstalteten Treibjagden, in den Niederlandeu und in Italien freundliche Ausnahme fanden. Wir sehen also, daß in den zwei einzigen Staaten Europas in denen kein Antisemitismus besteht, die Bevölkerung seit jeher den Juden gewogen war, ein Umstand, der für die Richtigkeit unserer Behauptung eine s e h r b e r e d t e S p r a ch e s p r i ch t. Und nun wollen wir bloß noch auf einige Erscheinungen des täglichen Lebens Hinweisen, die nur als Ausfluß einer antisemitischen Belastung, nie aber als das Resultat einer gesunden geistigen Tätigkeit anfgefaßt werden können: Ein hervorragender Antisemitenführer, sein Weib und seine Kinder sind Judenstämmlinge und er — Rasfenantisemit. Lueger, der frühere I u d e n k n e ch t, avancierte förmlich über Nacht zum Herrgott von Wien. Ein dentschantisemischer Recke -rer begeistert seine Wähler nnd ist eine „Zierde" seiner Partei, kämpft er doch für deutsche Freiheit nnd — für die Macht Roms. Die antisemitische Presse — welch ein Jubel, welch Behagen, wenn ihr endlich nach langer Sehnsucht ein unverfälscht jüdischer Lump in den Schoß fällt und sie nicht erst gezwungen ist, einen solchen zu erdichten.