Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063683--08352-3075511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Die Wahrheit . - Seite 9. Wie aus diesen wenigen Andeutungen hervorgeht, haben sich dadurch, l Daß die Ueberschreitung des in' seinem Stiftsbriefe fest umschriebenen | Wirkungsreises' des Kuratoriums bisher stillschweigend geduldet wurde, für die Dauer unhaltbare Uebelstände ergeben, welche endlich zur energischen Selbsthilfe aufriefen. Aber kaum, daß die hiesige Jlldenschaft ihre - allzulange geübte Toleranz aufgab und aus ihrer Reserve herauszutreten begann, scheuten sich diejenigen, welche den Kultus in Meran für ewige Zeiten gepachtet zu haben glaubten und' die sich nunmehr in ihrer allmählich herausentwickelten' mächtigem persönlich en Interessesphäre bedroht sahen/ nicht, ein Kesseltreiben einzuleiten. r - , DäDic einzig mögliche Lösung, die Konstituierung einer selbständigen Knltllsgclnelnöe für Südtirol, in naher Zukunft kaum erreichbar schien, giüg das vorbereitende Komitee, dem ihm anvertrauten Mandate entsprechend, zunächst an die Schaffung eines Provisoriums in der Form, daß gemäß dem. für die Juden Südtirols derzeit geltenden Statut der .Kultusgemeinde Hohenems in Vorarlberg ein „K u l t u s k o m i t e e" gewählt werden sollte. In vollem Einvernehmen mit dem Herrn Bezirkshäupftnann würde die Wahl ausgeschrieben und im Amtsblatte der k. k. >Bezirkshanptlüannschaft publiziert. Die Wählerlisten waren bereits in den Aintsräunien' der hiesigen Kurvorstehuug zur Einsicht aufgelegt, alle maßgebenden Persönlichkeiten hatten ihr weitgehendes Entgegenkommen bekundet — die k. k. Bezirkshauptmaunschaft hatte die Delegierung eines Vertreters zum Wahlakte zngesagt, die Knrvorstehnng das Wahllokal zur Verfügung gestellt — da warfen die derzeitigen Alleinherrscher ihre Larve ab. Waren sie vorher in einer gemeinsamen Konferenz nur der Schaffung einer selbständigen K u l t n s g e m e i n d e mit leicht zu wiederlegenden Einwänden begegnet, die finanziellen Lasten würden größere werden, die Behörden würden im Erstreben einer zweiten Knltusgemeinde in Tirol -.(außer der noch in weite Ferne gerückten Kultusgemeinde für Nordtirol mit dem Sitz: in. Innsbruck) eine Bedrohung der Glaubenseinheit sehen usw-, hatten sie gehofft, durch ein allzu durchsichtiges Verschleppungsmänöver die bestehenden Verhältnisse für unabsehbare Zeit zu fixieren und nur zum Scheine vorgegeben, sie würden der Schaffung eines Knltuskomitees keine Schwierigkeiten bereiten, begannen sie nunmehr mündlich und schriftlich, durch Jntriguen und Protest: die maßgebenden Faktoren umzüstimmen. Der Präsident des Kuratoriums der Königswarterstiftung, Herr Dr, K o r e f, intervenierte persönlich bei der Knrvorstehnng, das -Komitee störe den konfessionellen Frieden, es handle sich um die Aktion einiger Privatleute, die eine Minorität hinter sich hätten, während doch durch zirka 70 — Unterschriften jüdischer Steuerträger Merans der untrügliche Beweis erbracht war, daß sich die überwiegende M aj o r i t ä t sich gegen das gegenwärtige Regime auflehnt und jene Ausstreuungen der Wahrheit direkt ins Gesicht schlagen. Im Vereine m i t der Kultnsgeme ind e H o hene m s ist es denn auch den Quertreibereien, der „Vertretung" der Meraner Juden rühmlich gelungen/ die unter Opfern von Geld und Arbeit für den 26. Februar anberaNmte Wahl eines gesetzlichen „Kultus-Komitees" unmöglich zu machen: die kk. Bezirkshauptmannschaft Meran wiederrief ihre Zusagen' und lehnte jede Jngerenz ab, die Knrvorstehnng Meran schickte die Wählerlisten zurück und weigerte sich, das Wahllokal zur Verfügung zu stellen und die Kultusgemeinde Hohenems f t st i e r t e ohne Angabe von Gründen d i e W a h l. Doch darauf soll Demnächst näher eingegangen werden. Uolksschristen über die jüdische Religion. Herausgegebeu von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. Trotz Religionsunterricht und gelegentlichen Vorträgen ckeunt der moderne Jude seine Religion entweder gar nicht, ober -er gewinnt von ihr durch antisemitisch gefärbte populäre Schriften ein verzerrtes Bild, so daß ihm sein Jndentum mehr als Unglück denn als Quelle der Erhebung und des Trostes erscheint. Er ckann keine Liebe zu einer Religion haben, deren Grundlage, wie man ihm allseitig versichert, ein Nationalgott der Rache ist. Wie Liebe ist ja nur beim Christentum! „Jüdisch" oder gar .„pharisäisch" bezeichnet ja alles, was häßlich, unredlich, heuchlerisch ist — das besagt ja der Sprachgebrauch der Christen, mnd die unwissenden Juden wissen oft gar nicht, wie sehr sie sich selbst beschimpfen und wie sehr sie vom Sprachgebrauch — belogen werden! Es ist wirklich Zeit, daß die Inden ihre Religion Wirklich kennen lernen —- nicht mtu der Religion wegen! Freilich, sollte man meinen, wäre unsere älteste Volksfchrift, die 'Bibel, das beste Mittel dazu, die Vorurteile über Juden und Jndentnm zu zerstreuen. Ihre Erlernung müßte gefördert, ihre Kenntnis müßte verbreitet werden bei der Schuljugend Wie bei der Intelligenz. Aber immerhin ist auch Zieglei-s Unternehmen freudig zu begrüßen, welches dahin zielt, durch Verbreitung von Volksschriften über die jüdische.Religion Liebe -und Achtung für sie bei der jüdischen Intelligenz zu erwecken. Allerdings müßten diese Schriften nicht nur populär gehalten, sondern auch wirklich schön geschrieben sein, damit jeder Gebildete darnach greifen nnd mit steigendem Interesse darin lesen sollte. Leider können wir nufer Jdeab in den bereits erschienenen vier Schriften nicht erblicken. Gleich das erste Heft -— „D ieRe l igion der Prophe.ten" von Dr. Max Wiener-Stettin — ist. geradezu ungenießbar und einem jüdischen Leser nicht zu empfehlen. Der Verfasser ist allzusehr von der antisemitischen Bibelkritik infiziert, um einem Juden —: Religion beizubringen! Viel besser steht es um die folgenden Hefte. „Pharisäer und S a d d n z ä e r" von Dr. Rudolf Leszynsky-Berlin wäre eine gute Abhandlung zu nennen, aber nicht populär genug gehalten. Auch fußt hier der Verfasser ganz auf Geiger, ohne auf Chwolson oder Levy Rücksicht zn nehmen. Ein Meisterwerk an Darstellung und Inhalt hat Doktor B. Jacob-Dortmund im Doppelhefte „Die Thora Moses" geliefert, aber leider mehr für Fachmänner als für Laien. Es wird ein prächtiger Leitfaden in der Hand von Religionslehrern sein, aber ein nicht fachmännisch Gebildeter wird es kaum zu Ende lesen wollen — und Volksschriften sollen doch vom Volke gelesen werden! Ebenso hat die sonst prächtige Schrift „Jüdisches im Christentum" von Dr. L. Ventianer-Ujpest, einen fachmännischen Leser im Auge. Immerhin wird auch der Laie darin viel Belehrendes und — Erbauliches finden und wir können diese Schrift allen Gebildeten wärmstens empfehlen. Aber den folgenden Mitarbeitern des Zieglerschen Unternehmens können wir nicht genug ans Herz legen, immer im Auge zu behalten, f ü r w e n die Volksschriften bestimmt sind. Denn für das Volk kann man nicht — volkstümlich genug schreiben. Dr. Kahan. Znaim. geteilt zur Kffege hebräischer Wustk. Berlin im Februar 1913. Innerhalb des stark pulsierenden Musiklebens der Reichshauptstadt haben die Konzerte des Vereines zur Pflege hebräischer Musik sich eine gewisse Bedeutung zn verschaffen gewußt. Am 3. Februar trat der Verein wiederum mit eiuem reichhaltlgeu Programm in dem Blüthnersaal vor die Oeffentlichkeit. Mir dem großzügig angelegren Jigdal-Chor Lewandowskis leitete das Konzert feierlich ein. Wie ein Johann Sebastian Bach zu s.iner Zeit und für seinen gottesdienstlichen Kult Unsterbliches schuf, also kann das Jndentum mit Stolz auf den Berliner Chormeister Hinweisen, der mit seiner Liturgie ein Fnndamentalwerk geschaffen, das den jüdischmusikalischen Gottesdienst zn künstlerisch-ästhetischer Einheit geformt hat. Sein Nachfolger Albert Kellermanu, der sich verdienstvoll um die Leitung des Vereines beinüht, hat mit einigen Bearbeitungen für Violine und Orgel Zeugiris des feinsinnigen Musikers abgelegt. Die Melodie des „W'hogen baadenn" von dem einst so berühmten Chasau Wafferzug, noch mehr unter dem Namen Chajim Wilnaer bekannr, lebre wieder in-moderner Gewandung ans und wurde von Lonis van Laar mit ausgezeichneter Technik wiedergegeben, ebenso wie die übrigen Piecen, die der Charakteristik nicht entbehrten. „W'schomrn und Waj'chulln" Bachmanns atmen den Geist jener Sphäre, der der Komponist entstammt. Diese Werke sind vermutlich noch in Odessa entstanden, wo Bachmann als Kantor fungiert nnd das Elend der dortigen Juden mir eigenen Augen gesehen hat.'Das ist die charakteristisch klagende Weife ans dem Ghetto, die durchweht ist vom Sabbatfrieden. Fleißig hat der Chor seinen Studien obgelegen, um den schwierigen Stil in der Wiedergabe zn beherrschen. „W'feeraw", vom Oberkantor Klein mit innigem Empfinden nnd schönem Ton zum Bortrag gebracht, zeigte nns den Geistestiranen Salzer in jener traditionellen Art, die in seinen Werken nur spärlich vertreten ist. Der nun folgende „Tauw l'haudans" von Kellermanu weist viel harmonische Erfindung aus. doch die Frage ist naheliegend, weshalb wird dieser lichte, strahlende Text Mit dem schwermütigen Moll umkleidet? Unsere gottesdienstliche Liturgie beherrscht schon ohnehin so viel klagende Ghettostimmnng. daß wir die wenigen Jnbelpsalmen nicht auch noch durch eine musikalische Mollillnstration verdüstern wollen. Biel eindruck-voller stellte sich uns der darauf folgende „Adannoj moloch" dar, der den Ton der scheuen Ehrfurcht zutreffend wiedergab, mit dem von der Erhabenheit und Größe Gottes gesungen wird. Die Ansdruckssorm wird hier ganz vortrefflich durch die einleitenden Unijonosätze angedeutet, die sich dann zur vierstimmigen Harmonie verdichten. „Adannoj sichoronn", von Kellermann nach einer kurzen Weise komvoniert, deutet auf den unverfälschten jüdischen Stil hi». Hier zeigte der Komponist, daß ihm die Weise der alten „Chasanim" und „Meschorrerim" ilicht fremd ist. Das Amt des Vorsängers hatte hier — eine Dame übernommen : Fräulein Brünn. Sie besitzt eine schöne Altstimme, von jenem warmen Wohllaut, der diese Art von Stimmen so sehr sympathisch gestaltet, ihre Anffaffung der ihr zugewiesenen Solis zeugte auch von durchaus vornehmer Künstlerschaft. Doch die kritische Sachlichkeit bedingt anszni'vrechen. daß für die der Dame Angewiesenen Solis der Vorsänger mit seiner männlichen Stimme und der uim einmal typisch eigenen Ausdrucks»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.