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Die Wahrheit · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit, . . Nr. ^9. bestimmt werden, die gespielt werden sollen. Ein naives Komitee- Mitglied stellte den Antrag, man möge zur Abwechslung die Choräle ans „Hoffmanns Erzählungen" zu Gehör bringen, um so dem Tanzpublikum etwas Neues zu bringen. Der Vorsitzende fragt: „Von wem?" „Von.Offenbach", lautet die Antwort., „Offenbach? Geht nicht, er ist ja ein.Jude!", ist die öer=: nichtende Entscheidung. So geschehen im Jahre 1913 in der Musik-, Haupt- und Residenzstadt Wien des Großstaates Oesterreich.' Man braucht sich übrigens über die Dummheit der Spießbürger von Hietzing nicht so sehr aufregen, es gibt in Oesterreich, und speziell in Wien, hohe Aristokraten, die sich auf demselben geistigen Niveau besinden, wie die Hietzinger Gemeindevertreter. Bor einigen Tagen fand in Wien die Festversammlung der -Wiedner Frauenortsgruppe des Piusvereines statt. Es war dies eine überaus stark besuchte Versammlung, bestehend aus der tiLiibtz-volss des österreichischen Hochadels. Zuerst wurde natürlich der geschäftliche Teil, die Berichterstattung über die Kaffagebahrung erledigt. Man entnahm derselben, daß die Einnahmen 1985 K und. die Ausgaben 35 L betrugen, woraus hervorgehl, daß sich die hohen Fürstlichkeiten sowohl in den BeitriHsleistungen als auch hinsichtlich der Ausgaben, großer Sparsamkeit befleißigten, was auch immer dort der Fall ist, wenn Juden nicht augeschuorrt werden können. Hierauf hielt der Ehrenpräsident Graf Harrach einen Vortrag über die Presse, in welchem er in geradezu agressiver Weise gegen die Inden rmd ihre Religion loszog. Dieser hochgeborene Graf stammt nämlich ans Böhmen. Einst haben die Ritter von Harrach in den böhmischen Wäldern arme, wehrlose Juden überfallen und sie ausgeplündert. Das edle Handwerk des Ranbrittertums hat zu bestehen anfgehört, aber die Herren von Harrach überfallen noch immer die Juden, wenn nicht in den böhmischen Wäldern, so in der Reichs-Haupt- und Residenzstadt Wien, wenn nicht auf der einsamen Landstraße, so doch in einer äußerst stark besuchten Versammlung von frommen Männern und'Weibern und in Gegenwart hoher und höchster Herrschaften. Darin besteht auch der - Fortschritt der Kultur. Vor einigen Tagen wurde Dr. Ferdinand Kronawetter zu Grabe getragen, eiu Mann, der es verdient, auch in einem ausschließlich jüdischen Interessen dienenden Blatte gewürdigt zn, werden. Dr. Kronawetter war einer der wenigen Altliberalen, die dem Liberalismus treu geblieben sind. Ursprünglich mit Dr. Lueger alliiert, sag;e er sich von ihm los, als dieser seinem liberalen Programm untreu wurde und die christlichsoziale Partei ins Leben rief. Damals prägte Dr. Kronawetter das bekannte Wort: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls von Wien". Es gab eine Zeit, in der Kronawetters Popularität größer war, als später die Dr. Luegers. Er hat sie aber nie zu Herrschaftszweckeu ausbeuten und sie nicht durch Verrat an seinen politischen Prinzipien in persönlichen Vorteil verwandeln wollen. Er war ein warmherziger Freund und Verteidiger der Juden; bekannt und berühmt waren seine Reden, die er im Reichsrate zum Schutze der Juden hielt, als Lueger mit seinem Antisemitismus öffentlich hervortrat. Dr. Kronawetter wurde am Abend seines Lebens politisch einsam, aber es wird die Zeit kommen, in der man das Urteil über ihn und seinen einstigen politischen Freund, Dr. Lueger, gerne revidieren wird, und es ist kein Zweifel, Dr. Kronawetter wird bei dieser Revision nicht zu Schaden kommen. Das österreichische Judentum wird ihm aber stets eiu treues Andenken bewahren und es in dankbarer Erinnerung behalten. Die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" vom 3. Februar brachte folgende Zuschrift ans ihren Leserkreisen, die weitgehendste Beachtung verdient. Sie lautet: „Bei der bevorstehenden Ueberlassung bulgarischen Territoriums an Rumänien werden die bisherigen Bewohner Bulgariens, wenn sie nicht den Nachteilen des rumänischen Fremdengesetzes unterworfen sein wollen, die Staatsangehörigkeit des neuen Vaterlandes annehmen müssen. Die abzutretenden Gebietsteile sind von zahlreicher jüdischer : Bevölkerung bewohnt. Von der Einsicht. König Ferdinands und seiner Regierung kann man erwarten, daß er für seine treuen jüdischen'Untertanen in gleicher: Weise sorgen wird "wie für die christlicheil und' daß in dem betreffenden Vertrage, unzlveihentig zum Allsdrucke gebracht-wird, daß' die bisherigen b ulgar i sch en jüdischen Einwohner ohne weitere Förmlichkeiten der rumänischen Staatsbürgerschaft voll lind "ganz teilhaftig Werdern Einer Untreile/ wie sie Rllmäüien demBerliner'Vertragegegenüberbisher beging, muß durch die Signatar-Mächte> und durch Bulgarien bei dieser Gelegenheit für die Zukunft unbedingt vorgebengt werden. Jetzt,/ wo alle den Balkan bewohnenden Völker ihre Freiheit erringen, ist es an der Zeit, auch den Inden in ganz Rumänien zu den ihnen bisher-, vorenthaltenen Rechten zu verhelfen.^ Gleichzeitig aber berichten die hiesigen Tagesblätter güs Bukarest, daß der bekannte Antisemit Johann Bnrsnk in einem längeren Artikel eines offiziösen rumänischen Blattes gegen die Gleichberechtigung der Juden in'den Provinzen, welche Rumänien von Bulgarien zu erhalten hat,. sich ansspricht und für die Gleichstellung der ehemaligen bulgarischen Untertanen jüdischen Glaubens mit den rumänischen „Fremden" plädiert — Am 3. Oktober 1911 entdeckte der Wiener Astronom Regierungsrat Palisa einen Planeten, der in astronomischen Kreisen großes Interesse erweckte. Dieser Planet führt die provisorische Bezeichnung „M. T- 1911". Die Astronomen der Wiener Sternwarte haben beschlossen, dem neueutdeckteil Planeten zur dauernden Erinnerung an den Mäcen, dem die Wiener Sternwarte und die Astronomie in Oesterreich so ungemein viel Unterstützung und Förderung zn danken hat, zur Erinnerung chn Albert Freiherrn von Rothschild, den Namen „Albert" zn geben. Es sollte diese Namensgebung ein Zeichen ihrer Dankbarkeit sein, indem, sie ihrem Mäcen ein Denkmal setzen, von dem mau wohl sagen kann, daß es „äere perennius“ ist. - Gin Kachemord unter Inden. In der letzten Woche erregte ein dreifacher Rachemord das Entsetzen und Granen der guten Wiener. Ein alter Jude reiste von Budapest mit einem geladenen achtlänfigen Revolver nach Wien, um seine Schwäger zu erschießen, mit beneu er sich überworfen hatte und führte die entsetzliche Tat aus. — Die Judenheit besonders ist starr über dieses Vorkommnis, weil bekanntlich derartige Taten unter den Juden geradezu unerhört find. Mollen wir es einmal versuchen, die psychologischen Ursachen der fürchterlichen Tat zn entwirren. Nach den Zeitungsberichten hat der Mörder feine Kindheit in Neutra unter wirtschaftlich geordneten Verhältnissen seiner Eltern verlebt, die ein gut gehendes Hotel und eine einträgliche SLellwagenunternehmung leiteten. Die Familie war ungewöhnlich kinderreich (9 Kinder) und wenn nach den Zeitungsmeldungen die Kinder auch eine bessere Erziehung genossen haben, wird die Sorgfalt in der G em nts erzi eh u n g wohl nicht besonders genau gewesen sein, was bei der großen .Kinderzahl und bei der ungewöhnlichen Inanspruchnahme der Eltern durch das Geschäft nicht wunderlich sein kann. —, Nach dem Tode der Eltern zerstreute der Ernst des Lebens die Kinder in alle Welt und ein Bruder des Mörders suchte und fand nach Zeitungsmeldungen in Wien sein kärgliches und beschwerliches Brod als Stellwagenkondukteur, was wohl darauf hinweist, daß die Eltern ihren Kindern keine Reichtümer hinterlassen' hatten. Der Täter, Emil A., kam nach Wien, heiratete die Tochter wohlhabender Eltern und trat als Reisender ins Schuhwarettgeschäft ein, das von seinen Schwägern mit großem Erfolg weiter geleitet würde. Hier ist wohl die erste Wurzel der fürchterlichen Tat zu suchen. Nicht wahre Liebe hat wohl dieses Eheband geknüpft, sondern einerseits des Streben des Ehewerbers,, durch die Frau ein auskömmliches sicheres Unterkommen zu finden, andererseits die Gelegenheit, die heiratsfähige Schwester o h n e große O p f e r au einen schmucken, anscheinend leistungsfähigen jungen Mann zu bringen. .Der Wille aber, den' Schwager zum T e i l h a b e r des Geschäftes zu erheben, wird ebenfalls entweder gar nicht vorhanden oder recht minimal. gewesen sein. Emil A. sah sich deshalb bald zurückgesetzt und verlor den nötigen Eifer und die Freude

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