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Die Wahrheit · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. .- - - Die eigene Geschichte nicht, uichtderen Erhabenheit, nicht die sichdarin entfaltenden geistigen Errungenschaften, nicht endlich ihre Heroenihre „repräsentativen Männer". , ' Wenig Trost kann hiebei der Gedanke bieten, daß die Inden ans denselben geistigen. Tiefftand gesunken sind, auf dem sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts alle Welt befindet, nicht tiefer. Wenn auch die Druckerpressen vor lauter Arbeit stöhnen und ächzen, ihre Produkte bleiben Kaviar fürs Volk. Wer nimmt sich auch nur Zeit zur geistigen Einkehr und Selbstschau, wer hat überhaupt Zeit, es wäre denn für die hastende Bernfsjagd oder für die Vergnügungshatz? Wenn auch Aeroplane durch die Lüfte fliegen, ohne Draht telegraphiert wird, jeder Tag eine neue technische Erfindung, die Entdeckung eines aunoch nnbekauuteu Bazillus bringt: wir ersticken trotzdem im eigenen Fett, Hungern angesichts des Ueberflusses und die Atmosphäre der Urteilslosigkeit, der Unwisseuheit, in der wir atmen, die uns einhüllt, ist so dick, daß mau sie schneiden könnte; sie ist erschreckend, diese Unwissenheit. . . Bei solch trauriger Lage der Umstände wäre es ein komisches Ansinnen, eine ungerechtfertigte Zumutung, die Juden von heute zur Rechenschaft zu ziehen und sie zu fragen, ob sie sich des Rückschlages dieses ihres Verhaltens, des Einflusses, den ihre Zugehörigkeit zur radikalen Weltanschauung der Sozialdemokratie, auf ihre Stellung in Staat und Gesellschaft hat, bewußt sind? Der Jude, der Sprosse uralter Kultur, von Haus aus dazu berufen, die Dinge um sich, aber auch die Ideale auf ihre Wirklichkeit und Erreichbarkeit, nüchternen Blickes zu prüfen, sinkt so tief herab, in Volksversammlungen zu laufen, sich an den Ausführungen eines beredten Volksreduers zu berauschen, ihm wie einem Halbgott zuznjubeln, ans seine Worte zu schwören, um. wie nicht anders zu erwarten, bei seinem unerwarteten Tode in einen Paroxismus der Trauer zu verfallen, zu wehklagen, als wäre der Welt ein Heiland verloren, zu jammern, wie einst die Weiber getan, mit entblößten Brüsten beim Tod des schönen Adonis. Was kümmert es diese Juden, wenn die vielen Feinde — und zu diesen gehören nicht nur die Christlichsozialen, sondern auch alle, die sich zu den sogenannten staatserhaltenden Elementen zählen — hämisch konstatieren, daß der Semiten Eigenart in destruktivem Anarchismus bestehe, wenn sich alle unter einem Banner und dem Feldgeschrei: „Der Jude, das ist der Feind", zusammeuscharen! * * 4- Schuhmeier war ein einfacher Arbeiter, der in verhältnismäßig vorgerücktem Alter die Nase ins Buch steckte und Marx studierte. Dies ist ihm in unserer bildungsscheuen Zeit hoch anzurechnen. Vom Glück begünstigt, mit einer nicht gewöhnlichen rednerischen Gabe ausgestattet, schwang er sich über alle studierten Doktorendie im Brot und Dienst der Sozialdemokratie stehen, hinaus und wurde der beliebteste Arbeiterapostel, der mit Lueger Um die Palme der Popularität rang. Soll dies dem Juden Grund genug sein, ihm unbedingte Gefolgschaft zu leisten, muß er ans dem äußersten Flügel des Radikalismus zu finden sein? Für den Arbeiter war Schnhmeier gut genug, vielleicht viel zu gut, aber auch für den Inden? In der Stufenleiter menschlicher Befähigung steht das oratorische Element nicht am höchsten, wohlgemerkt, die Oratorik an sich, d. h., wenn sie nicht mit einer anderen hervorragenden Eigenschaft vergesellschaftet ist. Es sind doch nur Worte, große Worte freilich, denen aber die großen Taten fehlen. Den größten Redner des Altertums, Demosthenes, finden wir in einer Epoche des Niederganges. All seine Philippiken konnten den Untergang der griechischen Freiheit nicht verhindern. Auch die goldene Zunge Ciceros konnte den Verfall der römischen Republik nicht aufhalten, wenn sie freilich auch hinreichte, Kataliua zu stürzen. Es gibt zu denken, daß die größten zwei Redner der Vorzeit aus dem Sumpfboden der Dekadenz hervorblühen. Aber auch in der Neuzeit sehen wir das gewaltige Reduergenie Kossnths eine ganze Nation in den Wirbel der Begeisterung mit sich fortreißeu, diese Nation aber bei Vilagos ins Unglück geraten. Wahrheit. - - .Nr. 9. Wenn nlail Großes nntKl einem bergleichendarf. so war auch. Lueger ein solcher Rätteufänger von Hameln, so war dies auch Schnhmeier. Sie begeisterten beide ihre Zuhörer durch die Klarheit ihrer AusfuhrüNgech diesen Zuhörern eigenes Nachdenken und SindiUm ersparend. Ueberdies waren sie eigentlich keine Rattensondern HeNdelfänger, das Letztere beinahe im Büöäpester Sinne. Sprach Heinrich IV. von Frankreich das berüntte Wort: „Jedem Bauern des Sonntags ein Huhn, in den Topf'".,. so lief der Sinn aller Reden der Dioskuren Schnhmeier und Lüeger darauf hinaus, daß sie den Gegnern die Hendel wegznfangen und ihren Anhängern Tag für Tag in knusperigster Bratenform vorznsetzen und nobel zu servieren versprachen. So was zieht, muß ziehen, Hochrufe ertönen, ein Hoch auf Schnhmeier, ein Hoch Lueger, Hoch das neu zu begründende Reich der Schlaraffia! Fragt sich nur, ob in diesem vieltauMdstimmigen Chorus die Stimmen so vieler Inden mittönen müssen. * * * .. ■*<_ Den Gipfel der Unklugheit und Taktlosigkeit bildet chie Grabrede des Dr. Diamand. Man lese wie die „Reichspost" sogleich die schöne Gelegenheit wahrnimmt über die „Brandrede" und die Inden herzufallen. „Wenn die rote Fahne über Wien wehen wird, so wird man wissen, daß sie in Acüeiterblnt getaucht war", so lautet einer der bombastischen Sätze. Als. des großen Cäsars Totenfeier begangen wurde, war der.Römer. Antonius schlau genug zu rühmen: „Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann, das sind sie alle, alle ehrenwert" und entfesselte gerade mit dieser tückischen Lobpreisung den.flammenden Unbillengegen die Mörder. Daß gerade ein Jude so bar aller Diplomatie sein muß!' - - 4- -i- * ' Aber auch damit hat Dr. Diamand unrecht, wenn er von Schnhmeier als von einem Arbeiter spricht. Es war einmal,' aber Schnhmeier war längst kein Arbeiter mehr, er starb als Arbeiterkönig und hatte mehr Macht und Einfluß als manches Oberhaupt eines der vielen deutschen Duodezstaaten. Der Fluch dieser Größe verursachte ja das Attentat auf sein Leben. „Sollen dich die Raben nicht umschreien, darfst du nicht Knopf auf dem . Kirchturm sein"/ lautet ein Goethe'scher Spruch. Das ist ja der große schreiende Widerspruch der Sozialdemokratie, den sie trotz ' dessen Größe übersieht. Bebel länguet in der Theorie die großen intellektuellen Unterschiede der Menschen, muß sie vom praktischpragmatischen Standpunkt des Sozialismus, ans längnen, muß wie Deskartes und Rousseau von einer Summierung der Vernunft in der Masse sprechen, ^während Plato, Nietzsche und Carlyle die Summierung der Unvernunft konstatieren: in der Praxis aber, wer war unduldsamer, wütender bei jedem Widerspruch, als gerade dieser selbe Unfehlbarkeitspapst der Sozialdemokratie? - So sehen wir ans dem Schoße der Proletarierschaaren, denen sie kurz vorher die Gleichheit alles dessen, was Meuschenangesicht trägt, gepredigt haben, unheimlich herrschsüchtige Naturen entsteigen, so genießen wir ferner das eigentümliche Schauspiel, daß. die Menge sich vor ihren selbstgeschaffenen Idolen billig beugt, zumal sie mit dem Mantel falscher Bescheidenheit drapiert sind. Mit Speck sängt man Mäuse. ~ 4- 4- 4- Dem Wiener Kleinbürger war Lueger einer der größten, wenn nicht der größte Mann aller Zeiten und Völker, dem Wiener Sozialdemokraten war es der Schnhmeier. Was ist ihnen dagegen gehalten — wenn sie überhaupt ihre Namen kennen — Goethe, Kant, Napoleon? Die beiden Parteien standen unter dem Banne der Rednerknust Luegers und Schuhmeiers, aber einer schönrednerischen, gleißnerischen Kunst, wie sie etwa der griechische Sophist Jsokrates sein eigen nannte, von der er aber mit männlicher Offenheit bekannte, daß sie darin bestehe, das Kleine groß/ das Große aber klein erscheinen zu lassen. ■ " '; ' : - * - - * . 4- . •' - ' - *

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