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Die Wahrheit · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Sldminiftration: Wien, II/, Nvvaragaffe 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Unabhängige Aertfchrift für jüöifche GanzjiiVrig.K 14.— Halbtiidria.K 7.— Administration 49S8/II. •R. I. Ssterr. Nostsvarkasta- <8check»Ronlo Nr. 100.918. Anlerejfe«. Für KiiltuSbenmte: iMiuiüitiljviii.K 10. — JuJ'cratß: ■ Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ireitag. Für Ausland: Abonnementsnnd JnsertionS- <A»»ziayrig.ft Mark betröge sind in Wie» zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 illubtl oder iti ftrtB. Ur. 9. Wien. 28. Februar Inhalt: Aphorismen zu Franz Schuhmeiers Ermordung. — Eine Faschingsbetrachtnng. — Ein Rachemord unter Juden-Aus der Wiener Kultusgemenide. — Konstituierung einer selbständigen Kultusgemeinde in Süd-Tirol. — Volksschriften über die jüdische Religion. — Verein zur Pflege hebräischer Musik. — Verschiedene Nachrichten. Aviso! Wir ersuchen um Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge. Aphorismen zn Frau; Schuhmeiers Ermordung. Ueber das allgemein Menschliche des tragischen Falles ist nicht viel zn sagen, da braucht es nicht vielerWorte, denn wem krampst sich das Herz nicht entsetzt zusammen bei der Vorstellung, daß der urgesunde, lebensfrohe Mann in später Wiuternachtstnnde niedergeknallt wird, als wäre e\- vogelfrei, und wer fühlt nicht in der eigenen Brust schreckensbangen Widerhall, wenn er des namenlosen Jammers der von so furchtbarer Kunde aus ahnungslosem Schlafe aufgestörteu Familie gedenkt? Doch weder poetische Totenklage soll aus deu folgenden Zeilen kliugen, noch weltweise Reflexionen über das Verhältnis, in welchem Lust und Leid in dieser unserer besten aller möglichen Welten zu einander stehen, sondern bei diesem Anlaß naheliegende Betrachtungen über Sozialismus und Judentum. * * * Alles berechtigte Mitgefühl in Ehren, mußte ich doch über die Schmerzintensivität staunen, von der viele sozialistisch angehauchte Juden meines Bekanntenkreises befallen waren. Ohne zu übertreiben, ließe dieser Schmerz sich in die Klage Davids um seinen Freund transponieren: „Ihr Töchter Israels, weinet über Schuhmeier, der so gefallen im Streit. Es ist mir leid um dich, nkki'n Genosse Schuhmeier; ich habe große Frende und Wonne von dir gehabt. Deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist." Diese Synthese von Judentum und Sozialismus berührt eigen. Nicht in dem Sinne zwar als ob jenes mit diesem unvereinbar wäre. Brauchen wir ja nur die Bibel anfzuschlagen, um dieselbe, d. h. die mosaische Gesetzgebung von sozialen Elementen, wie von einem roten Faden durchzogen zu sehen. Aber die Institutionen nuferes großen Gesetzgebers verloren sich niemals in Utopien, verflogen nicht in ein Wölkenkuckucksheim, sie waren vielmehr stets fest gegründet auf der sicheren Basis einer tiefen Kenntnis der menschlichen Natur. Plato baute seinen Jdealstaat in unerreichbares Aetherblau, dort schimmert und lockt er seit Jahrtausenden als fata morgana, trotzdem er mit einigen wesentlichen Zügen des spartanischen Gemeinwesens ausgestattet erscheint. Aristoteles verfährt schon viel realer, indem er auf jede künstlich gewaltsame Kon» struktion verzichtet und zum Individualismus zurückkehrt, die Freude am Besitz als eine der Haupttriebfedern des menschlichen Strebens erkennend. Moses war kein Philosoph, er mühte sich nicht mit unfruchtbaren Abstraktionen und Begriffsbestimmungen ab, sondern ein Genie der Tat, sich mit der Notwendigkeit des Gegebenen absindend, schmierte er seine Staatsmaschiue nicht mit einem Tropfen sozialdemokratischen Oeles, sondern mit einem ganz erklecklichen Quantum, so daß der Gegensatz zwischen Hoch und Nieder, die Spannung zwischen Reich und Arm, alle die unvermeidlichen Konflikte und Reibungen auf das mindeste Maß der Erreichbarkeit sich reduzierte. Glücklich die Zeit, die eingesehen haben wird, daß es das Ersprießlichste ist, den Knlturrnf erschallen zn lassen: „Zurück zu Moses!" und dreimal selig jene fernere Zeit, die bei Moses wieder anlangt. Die Einzelheiten dieses Mosaio-Sozialismus anzuführen, geht nicht an, sie sind übrigens von berufenerer Seite gewüdigt worden. Im Jahre 1882 oder 1883 habe ich den berühmten Kauzelredner Jellmek anläßlich einer Jom-Kippur- Predigt in geradezu klassischer Weise über diese Materie sprechen gehört und der Tenor seiner Worte tönte mir ungeschwächt in Ohr und Seele heute nach drei Jahrzehnten, nach einem Meuschenalter, noch fort. Jahr um Jahr erscheinen tiefgründige, hochgelehrte Werke, die pompösen, hochtrabenden, wissenschaftlichen Benennungen mehren sich in unheimlicher Weise. Es gibt heute schon eine S o z i a 1 e t h i k, deren reinster?, bodenständigsten Ausdruck man eben bei Moses suchen müßte, eine Sozialhygienik, deren Quintessenz Moses vorweggenommen, eine Sozial Pädagogik — wer war in höherem Maße Volkslehrer und Erzieher als Moses — eine S o z i a lp h i l o s op h i e, eine S o z i a l p s y ch ol o g i e und Soziologie, Disziplinen, wo Moses freilich versagt, die man aber füglich als luxuriösen Alexandrinismus bezeichnen kann. In all den hochtrabenden Büchern dieser Pseudowissenschaften sucht man den Namen Moses vergeblich, obwohl man die Namen aller griechischen Philosophen, von Anaximander, Anaxagoras, Lenokrates. den jollischen Natnrphilosophen angefaugen bis auf Aristipp und Diogenes, alle Kirchenväter, darunter Duns Skotus, Thomas von Aquiuo u. s. w., darin verzeichnet findet. Einzig der Amerikaner Georges in seinem Werk „Fortschritt und Armut" sucht dem Genie Moses in anerkennenswerter Weise gerecht zn werden. & * * Ich frage, kann Inda nicht von dem unglückseligen Hang lassen, fremden Götzen nachzulanfen? „Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht", sie kennen ihre

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