Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063682--08339-3075497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrheit Seite 7. Nr. 8 nicht gnädig auf, und wenn ihr mir ein Heilsopfer aus euren ' 'Mafikälbern bereitet, so sehe ich nicht hin. Hnuweg von mir rmil dem Geplärre eurer Lieder, das Rauschen eurer Harsen mag ich,nicht hören!" : Jene Männer haben klar erkannt: nicht Opfer und Büßnngen und Gebete, nicht die Zugehörigkeit znm Samen Abrahams schützt vor dem Gericht des Heiligen, in dem allen besteht wahre .Frömmigkeit nicht. Nein, es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr, dein Gott, von dir fordert: Recht üben und Güte lieben und demütig-sein vor deinem Gott! Recht möge sprudeln wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versigender Bach! — Welcher sittlich und ernst denkende Mensch hätte nicht auch heute seine Freude an solcher tiefen Auffassung? Das ist die doppelte Leistung der-Propheten: sie lehren ihr Volk zu dem einen, heiligen, allmächtigen und barmherzigen Gott beten, der, so gewiß er Israel zu seinem Eigentum, zu dem Sohn seiner Liebe erkoren, doch der Herr .und Richter der . Welt ist. Und sie haben die Frömmigkeit in ihrem innersten Wesen als Hingabe der Menschenseele an den Willen Gottes ersaßt, die ihre Echtheit mit der Erfüllung eben dieses Willens beweisen muß. Es ist nicht zu leugnen: die Erben der großen Männer waren ein kleines Geschlecht, in dem der tiefe Strom religiöser Innigkeit und Begeisterung versiegte und verflachte, in dem der Geist festgelegt werden sollte durch den Buchstaben. Meine verehrten Damen und Herren! Es ist ja immer so: wer die Religion nicht als lebendig strömenden Quell, nicht als von selber, von innen drängenden heiligen Geist in seiner Brust trägt, der sucht und prägt dann ganz andere Normen. Formeln, Paragraphen, die ihm den Willen Gottes kund tun, die. aber bald als Gebote -Gottes selbst gelten und nun das Leben bis ins kleinste hinein regeln. Dem pflanzen sich dann aber auch gar zu leicht Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort. Muß nicht die Gestalt des Ewigen selbst verblassen, zurücktreteu, je mehr äußere Stock- Tueifter und Vormünder, Paragraphen, und Satzungen neben dem Menschen herwandern und ihm bei jedem Schritt und Tritt ins Ohr rannen: so mußt du sagen und so nicht, dies mußt du tun und jenes lassen? In Israel treten in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten an die Stelle der Propheten die Schriftgelehrten, sie, die beides waren. Theologen und .Juristen. Als Theologen hatten sie vor allem das heilige Gesetzbuch, das als Werk des Mose galt, sin seinem wirklichen und noch mehr in seinem verborgenen Sinne auszulegen. Als Juristen hatten sie die Regel auf. den einzelnen Fall anzuweudeu. .Beides aber, die Theologie und die Jurisprudenz, äst von jeher für , die Religion eine Gefahr geworden. (Beifall.) Die Theologen haben es gar zu oft geliebt, ihre Gedanken, ihr Verständnis 'der Wahrheit als die Wahrheit selbst auszugeben. Da schufen -sie schwere Sätze und belegten jeden mit dem Bannfluch, der -sie zurückwies. Wird aber das religiöse Gebiet als ein Rechtsgebiet angesehen, auf dem Gesetze erlassen und Uebertretungen geahndet werden, dann kann die Rechtswissenschaft in Tüfteleien und logischen Folgerungen das Unglaublichste leisten; aber die Religion, das freie und innere Leben der Seele in Gott, kümmert desto sicherer dahin. So ist es in der katholischen, so in der evangelischen Kirche gegangen, so ging es auch in Israel. Seine Frömmigkeit ward -mehr und mehr eine gesetzliche, äußerliche, spitzfindige, und das umso sicherer, als bald neben das heilige Gesetz des Mose mit ebenso verpsiichteuder Kraft das eben durch jene Schriftgelehrten gebildete Gewohnheitsrecht, die sogenannte Halacha, trat. Nun ward das königliche Gebot, das im Gesetz stand: „Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt, mit allen deinen Kräften, und du sollst seinen Volksgenossen lieben wie dich selbst!" immer mehr und mehr verdeckt und zurückgedrängt durch tausend Verordnungen über reine und unreine Speisen, über Fasten und Waschungen, über Sabbathtage und Festtage, über Sünde, Schuld. Dauk, Speisopfer, über Gebetsriemen und Gebetsräume, 'Gebetsstunden und Gebetsstellung. Das alles ist. unleugbar eine schwere. Gefahr für echte Religiosität. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie». (Predigt im L e o v o l d st ä d t e c T e m p L l.) Herr Rabbiner Dr. I. M. Bach wird am Freitag Abend, 21. Februar b.~ I. im Leopoldstädrer Tempel eine Predigt halten. Wien. Der II. Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde Herr Hofrat Dr. Benjamin Rappaport begeht Sonntag, den 23. d. Mts. seinen 70. Geburtsrag. Wie». Das Borstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde Dr. Maximilian Steiner ist Sonntag gegen 9 Uhr vornnrrags schwer verunglückt. Der 80 jährige Mann ist auf dem Kaiser Wilhelmring von einem fahrenden Train der Straßenbahn abgesprungen und gestürzt. Er wurde vom Beiwagen gestreift und har mehrfache rechtsseitige Nippenbrüche erlitten. Die Rettungsgesellschafr hat ihm erste Hilfe geleistet und ihn in seine Wohnung. Alsergrund. Güuthergafse 2, gebracht. Wie uns mitgeteilr wird, ist das Befinden Dr. Steiners ein verhältnismäßig gutes. Wien. Sonntag, den 9. d. Mrs., fand im Zeremoniensaale des Stadttempels die Trauung des Fräulein Klara Chameides, Tochter des unseren Lesern bekannreu Nathan Chameides. mit dem Privatbeamten, Herrn Paul Fischer, unter Anwesenheit zahlreicher Hvchzeirsgäste statt. Den Trauungsakc vollzogen Rabbiner Dr. Bach und I. Kantor Matyas. Dr. Bach erinnerte in seiner Ansprache an den Großvater der Braut, den hervorragenden Talmudisten Süßkind Chameides, während der Brautvater seit Jahren auf literarischem Gebiete für die Ehre des jüdifcheir Namens tätig fei. Die Trannngsgesänge wurdeir vom I. Kantor Matyas glänzend vorgetragen. Wie». Herr Abraham S ch ne e w e i s raeta Z w i v k. ivnrde. nach einem mit vielem Beifall aufgenommenen Probevortrag, für den Tempel XIV.. Storcheugasse, als I. Kantor gewählt und hat derselbe bereits sein Amt angetreten. Wien. Der k. k. u.-ö. Landesschulrat har sich mit dem Erlasse vom 13. Dezember 1912. Z. 5622— H, bestimmt gefunden, den mit Ende August 1912 in den Ruhestand versetzten Volksschullehrer erster Klasse an der allgemeinen Volksschule für Knaben, XU.. Leopoldsplatz 9, Adolf Ehrenf e st, in Wüdignng seiner vieljührigen, ersprießlichen Tätigkeit im öffentlichen Schuldienste die Anerkennung anszusprechen. Auch der Bolksschulrat des XXI. Bezirkes hat dem pflichtgetreuen. bewährten Pädagogen ein Belobnngsdekret zukommen lassen. Wien. (B o r t r a g a u s j ü d i s ch e r G e s ch i ch t e. L i t e r a t u r und Kultur.) Donuerstag. den 27. Februar 1913. ^8 Uhr abends, findet rm Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Bereines, I. Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Oberrabb'.ner Dr. Ludwig V e n e t i a n e r aus Ujpest. Dozent an der Landesrabbiner - Schule in Budapest, statt. Thema: „W as har das Judentum der Menschheit g eg e b e n?" Eintritt frei, ohne Karten. _ Wien. (Jüdische Toynbeehalle. XX.. Ochmargaffe 46.) Beginn der Vorträge: An Wochentagen 1j2 8 Uhr. Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen, Vortrags-Programm für die Zeit vom 22. bis 29. Februar 1913: Samstag, den 22., Konzert. Arrangement: Frl. Freystädr. Sonntag, den 23., „Ankläger-Richter-Verteidiger". Dr. Karl L i f c s i s. Montag, den 24., Deutscher Literatur-Zyklus (Fortsetzung). Dienstag, den 25., „Bilder' aus dem alten Griechenland." Dr. Moriz Kauf m a n n. Mittwoch, den 26., „Stimme und Sprache." Univ.-Prof. Dr. Wilh. Roth. Donnerstag, den 27.. „Was hält das Judentum zusammen?" Dr. Th. Jänner. Freitag, den 28.. Bibelvorrrag. Wien. F r e i t a g-A den d-B o r t r ä g e im B e t-H a m i d r a s ch „Talmud-Thor a". II., Malzgasse 16, auch Frauen zugänglich: Am 21. Februar : Herr Professor M. A n r s ch e r l : „E i u neuer Solu mbus auf altjüdischem Wiener Boden und seine Entdeck u n g e n." Am 28. Februar: Herr Rabbiner L. G o l d st e i n. „D e r G a o n E l i a v o n W i l n a." Beginn jedesmal um 7 Uhr 45 abends. Wien. (Israelitischer S y n a g o g e n - B e r e i n „B e t h Israel".) Sonntag, den 16. Februar d. I. fand im Bereiussitzungsiaale die ordentliche Generalversammlung dieses Vereines statt. Der Obmannstellvertreter, Herr Ignaz Zolles, eröffnete dieselbe und begrüßte in einer läilgereit Ansprache die zahlreich erschieneneil Bereinsmitglieder sowie den Delegierten der Israel. Kultusgemeinde. Knltusvorsteher Herrn Adolf Schramek. Hierauf brachte der Vorsitzende den Rechenschaftsbericht zur Verlesung, der mit einem warmen Nachruf für die verstorbenen Mitgiieder, die Herren: S. D e i ch e s, S. H e i r und Dr. Salo Rappaport begann und den die Versammlung stehend anhörce. Nach Erstarrnng des Revisionsberichtes durch den Rechnungsrevisor, Herrn Max K a r p, wurde dem Vorstände das Absolutorium erteilt. Die hierauf vorgenommenen Wahlen ergaben folgendes Resultat: Es erschienen gewählt als Vereinsvorsteher die Herren: Hermann Bartfeld. M. Heibln m. Emil P o in e r a n z, S. Schindel, Ferdinand Sperber; als Bethausvorsteher die Herren: I. M. Bels, David Ko lieb; als Revisoren die Herren: Heinrich Hirschfeld, Max Karp, I. H. Waltuch und als Schiedsrichter die Herren: Wilhelm Flieg, Nord. R a p p a p o r t, M. S ch n e i d. .In Erledigung des Punktes 4 der Tagesordnung wurde der Obmauu, Herr Max R o s e n f e l d. in Würdigung seiner langjährigen, ersprießlichen Tätigkeit und außerordentlichen Verdienste um den Verein, von der Generalversammlung einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt. Wien. (Verein zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender. Wien, II., Malzgasse 1.) In der Samstag, den 15. Februar d. I. stattgehabcen Ausschußsitznng hielt der Vorsitzende Saul Klausner dem am 14. verstorbenen zweiten Obmannstellvertrerer^ Herrn Selig W e i n i » g e r, folgenden Nachruf: Ein tragisches Ereignis