Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit, Nr. 8. «Seite 6. zählt. Auch die große Revolution, die zwar trotz ihrer Schreckensherrschaft und all ihrer anderen Auswüchse völkerbefreiend wirkte, zeigt uns deutlich, daß das französische Volk, w e i l e s eben f o lange g e k n e ch t e t; w a r, die plötzlich erlangte Freiheit nicht vernünftig anszunützen verstand und schließlich, beinahe mitten im Freiheitstaumel, unter Trommelwirbel und Trompetenschall sich in das Napoleou'sche Joch spannen ließ. Wie die Justiz in Frankreich aussiehi, lehrt uns wieder der Panamaskandal, den die jeweilige Regierung immer nur zu ihrem Vorteil ausnntzte. Und nun gar die Dreifußaffaire — eine unübersehbare Reihe von Niederträchtigkeiten und Rechtsbeugungen, wie sie nur ein mit Antisemitismus belastetes Gehirn ersinnen kann. Ist es dann ein Wunder, wenn aus einem solchen Boden der Antisemitismus nvpig in die Halme schießt? (Fortietzlmg folgt.) Mas verdankt das Christentum dem Judentum?*) Bon Jinmanuel Heyn, Pfarrer an der Kaifer-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, M. d. R. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Was verdankt das Christentum dem Judentum? Sie wollen mir frenndlichst gestalten, mich bei der Beantwortung dieser Frage auf ein Gebiet, auf das religiös-sittliche, zu beschränken. Die mir zur Verfügung stehende Zeit erlaubt mir eine weitere Ausdehnung kaum. Auch liegt fraglos auf diesem religiös-sittlichen Gebiete die stärkste Leistung des alten Israel. Hellas wird der Lehrmeister der Welt bleiben in der Kunst, in der Dichtung, in der Wissenschaft; Rom in Fragen der Rechts- und der Staatenbildung. Israels Vorzug ist und bleibt es, die religiöse Frage mit besonderer Energie und Tiefe angefaßt zu haben. Und gerade diejenigen, die sich Jünger Jesu nennen, sollten nie vergessen haben, daß ihrem Herrn und Meister jüdisches Blut in den Adern floß. Nicht bloß in physischem, nein auch in geistigem Sinne. Ju den Schriften des Alten Testaments, der Bibel seiner Zeit, hat er des ewigen Vaters Stimme gehört; mit ihnen hat er sich gegen menschliche Uebermacht und teuflische Versuchung verteidigt, in ihnen den Aufschluß über die Rätsel seines Lebens gesucht und' gefunden, in ihren Tönen die Not und den Jubel seiner Seele ausgesprochen. Und jndem ich mich nun anschicke, den bleibenden,in das Christentum übernommenen, religiös-sittlichen.Gehalt des Judentums darzustellen, darf ich seine ersten Entwicklungsstufen übergehen. Jede echte Religion wächst ja aus dunklen, verworrenen Anfängen zu höherer Reinheit empor. So trägt auch die älteste Gestalt, die Israel seinem Jahve gegeben, allerlei Menschliches, Allznmenschliches an sich: er ißt und lustwandelt, er sucht die Kühle, er zürnt über die Maßen, er ist auf Palästina beschränkt, er irrt und fehlt mannigfach. Aber diese älteste Gestalt der Gottheit ist zu Jesu Zeit in Israel längst vergessen, das Volk aus dem Polytheismus, aus dem Götzendienst, dem es bis in das sechste vorchristliche Jahrhundert immer wieder gehuldigt hat, endlich herausgearbeitet. Es glaubt längst an einen, allmächtigen, gerechten, heiligen Gott. Das ist die Leistung der Propheten. Wir können ne uns nicht groß genug denken. Sie leben in schwerer, zum Teil trostloser Zeit. Die äußere Existenz ihres Volkes ist aufs schwerste gefährdet öder gar vernichtet. Und drinnen bei hoch und niedrig, bei den Massen wie bei den einzelnen so oft, in Ungerechtigkeit und Uitsittlichkeit schnöder Abfall vün dem Gott, der sein Volk einst mit starkem Arm aus dem Knechtshause, aus Aegyptenland geführt hat. Trotzdem und obgleich der Umstand sie verlacht oder bedroht, riesen die einen Unter den Propheten unbeirrt in die Nacht hinaus: „Dein Licht kommt, und die Glorie Gottes geht aus über dir! Jahve kann und will sein Volk, sein erwähltes Kind, nicht zugrunde *) Vortrag gehalten von Herrn Pfarrer Abg. Heyn in einer Versammlung der Berliner Ortsgruppen O. und C. des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am 30. Jänner 1913. gehen lassen. Er hat sich ihm ja zugeschworeu/ und wenn bt .c Rot aufs höchste gestiegen isß. wird er! vom Himmel her dreiüsahren. und das .Volk seiner Liebe unwiderstehlich erretter. Zweifelt ihr? Zion, steige aus einen hohen: Berg. Umschau: zu-, halten! Siehe, schon naht!der Vortrab der Heere deines Gottes! Wohlan) hebe deine Stimme aus mit Macht, hebe ans und fürchte dich nicht, sage dM Städten Judas: Da ist euer Gott! Jerusalem soll noch einmal blühen, eine Fürstin unter den Völkern!" Andere Propheten sind noch erleuchteter, noch kühner. Ihnen ist das Gericht, das über ihr Volk ergeht, nicht mehr wie den ersten in dem Augenblick, wo es sich vollzieht, ein unentwirrbares Rätsel göttlicher Weltregierung; nein, gerade in ihm zeigt sich, das Walten der Gerechtigkeit, die ihrer nicht spotten läßt. Und dennoch kann der Ewige sein Volk, seinen trauten Sohn nicht lassen. Mit dem verbleibenden Rest des Volkes wird er einen neuen Bund schließen. Nicht wie der Bund war, den er einst mit den Vätern geschlossen hat. Nein, wie Jeremias verkündete, er wird sein Gesetz, in den Sinn seines Volkes hineinschreiben, er will seinen Geist in sie geben, daß sie in Gottes Geboten wandeln und seine Rechte halten und darnach tun, und der Glanz Zions wird hinausstrahlen in die Länder und ans die Meere und alle Heiden locken, vor ihm, dem Ewigen, anzubeten! _ ' Hosea, der mit Unrecht unter die sogenannten kleinen Propheten gerechnet wird und der vielmehr einer der tiefsten Denker Israels ist, wird besonders hart vom Geschick erfaßt. Sein Weib hat ihm die Treue gebrochen und ist unter die Verlorenen gegangen. Er muß um seiner Kinder willen sich von ihr , scheiden. Aber er kann sie nicht vergessen; er hat sie einmal mit warmer Liebe umfaßt, und sie ihn. Und schließlich dringt der Gedanke in ihm durch: Du bist doch mitverantwortlich, auch jetzt noch, für das. Ergehen deines ehemals geliebten Weibes. Er bittet sie, in sein Haus znrückzukehren. Zuerst hält er sie in ernster Zucht. Er muß versuchen, ihr den lockeren Sinn zu ändern, sie an ernstes Denken zu gewöhnen. Aber dann, wenn das Ziel erreicht ist, dann wird er aufs neue ein Leben der Liebe und Hingebung und Treue und Geduld mit ihr führen. In der Tat — es gibt keinen ergreifenderen Beweis fürprophetisches Gottvertrauen, als wenn nun Hosea in diesem schmerzlich-süßen Verhältnisse zu seinem Weibe ein Abbild der Liebe Jahves sieht, die ihn mit seinem Volke verbindet. Es hat ihm auch die Treue gebrochen und ist. zu fremden Göttern gegangen. Aber er wird es in seiner Hand behalten, wird ihm den Sinn ändern, es genesen lassen von all der Verirrung. Dann wird der Bund Gottes mit seinem verlorenen und wiedergefnudenen Volke aufs neue geschlossen sein. Oder nehmen Sie den Dichter des 73. Psakms. Er steht vor schweren Rätseln des Daseins. Er versteht nicht, warum ihm das Geschick sein Glück zertrümmert hat und weshalb leichtsinnige Menschen, die nicht mit derselben Energie des Willens sich an das Gute gemacht haben, blühen und gedeihen. Er kommt sich der Gottheit gegenüber vor, wie ein Tier, das von nichts weiß, wie ein Narr, der verstummen muß. Dennoch, spricht er, . dennoch bleibe ich stets an dir;• denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich in Ehren an. Wenn ich nur dich .habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde; wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil!" — Solch heroisches Gottvertrauen sucht man in Babel, das man vielfach der alten Bibel nicht bloß gleich-, sondern übergeordnet hat, sucht man auch bei den großen Geistern des klassischen Altertums ganz vergeblich. Und offen gestanden, es ist mir tatsächlich unverständlich, wie Männer wie Haeckel nnd Ostwald vor solcher Kraft und Tiefe echtesten religiösen Empfindens nicht größere Achtung haben. Noch in anderer Beziehung ist klar, daß Männer wie Amos, Jesaia, Hosea, Jeremia, einen tiefen Blick in das Wesen wahrer. Religion getan haben. „Ich hasse", so läßt Amos Gott den Herrn zu seinem Volke sagen, „ich hasse und verachte eure Feste und kann nicht riechen eure feierlichen Versammlungen) Wennihr mir Brandopfer und eure Gaben darbringt, so nehme ich es