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Die Wahrheit · 1913-02-21 · Heft 8 (21.2.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite fr. Nr. 8. zu Fulda; 1241 Frankfurt; 1243 Bielitz; 1258 Hildesheim; 1260 Weißenburg; -1261 und 1301 Magdeburg; 1276 Lorch; 1283 Bachrach; 1285. München; 1287 und 1294 Bern; 1290 und 1384 Nördlingen; 1292 Kolmar; 1303 Weißensee; 1305 Prag Und Wien; 1309 in Süddeutschländ; 1310 Steiermark; der Hostienschändnug bezichtigt 1289 in Franken; 1336—1338 Bayern und Oesterreich, 1338 in Elsaß, in Schwaben und Franken; 1334 von den Geißelbrüdern schwer heimgesncht. Als der schwarze Tod (1348) so viele Menschenopfer forderte, schob man die Schuld ans die Juden, sie der Brunnenvergistung anklagend, erpreßte durch die Folter Geständnisse, verwarf die entlastenden Beweise der berühmtesten Aerzte, um durch Mord vieler Tausende von Inden die Raublust zu befriedigen; 1384 und 1385 Franken und Schwaben; 1420 Mainz; 1420 und 1421 Oesterreich; 1424 Freibürg i. Br.; 1424 und 1435 Zürich, 1426 Köln, 1432 Sachsen, 1435 Speier, 1438 Mainz, 1439 Augsburg, 1460 Bayern, 1452—1455 auf Veranlassung des fanatischen Reisepredigers, des Franziskanermönches Johann v. K a p i st r a n o in ganz Schlesien. Die Schweiz hat seit 1348 (Schwarze Pest) noch Judenverfolgungen, 1401 Schaffhausen; 1435 in Zürich; 1490 in Gens und 1491 in Thurgau aufzuweisen. Seil 1496 fanden in Steiermark ebenfalls Judenversolgnngen statt. Nun wird wohl niemand bezweifeln, daß unter den Deutschen der antisemitische Humus in Unmassen ansgestreut wurde und sich auch nicht wundern, wenn auf diesem Boden der Antisemitismus so vortrefflich gedeiht. Der durch die Reformation erzeugte freie Geist kam in Deutschland den Inden nicht zu gute. Man beschuldigte sie noch immer der Hostienschändnug und des Ritnalmordes. Erst das Ansehen Mendelsohns vermochte das Los der Juden ein wenig besser zu gestalten. Auch das Toleranzedikt Kaiser Josefs II. und die Weltherrschaft Napoleons brachten den Inden eine erhebliche Erleichterung. Im großen ganzen hat aber der Antisemitismus von dem Augenblicke an, wo er sich stark genug fühlte, die Juden besudeln und quälen zn können, trotz der in allen zivilisierten Staaten eingeführten Gleichberechtigung bei den Deutschen tatsächlich bis heute ohne Unterbrechung f o r t g e b l ü h t. Scheinbar verschwunden und nur in E i n z e l f ä l l e n ein Lebenszeichen g e b e n d, r a st er bei der geringsten Veranlassung, a l l e s m i t sich reißend, wie e i n e E p i d e m i e über weite Strecken dahin. Gibt es doch noch heute im 20. Jahrhundert Antisemiten, unter denen natürlich wieder gewisse Priester obenan stehen, welche die Inden, ein Volk, das den geringsten Prozentsatz an Mördern liefert, sogar des Mordes zu religiösen Zwecken zeihen. Angesichts eines solchen Blödsinns, der überdies mit Ernst und Würde vvrgetragen wird, muß doch jeder ehrlich denkende Mensch bis in sein tiefstes Innere empört sein. Ja, ihr superklugen Herren, warum hat es n o ch n i e e u e r B e f r e m d e n e r r e g t, d a ß v o n den vielen H u n d e r t t a u s e n d e n Juden, die zum Christentum übertreten, kein einziger als Grund h i e f ü r den R i t n a l m o r d anführt und auch die Ausführung eines solchen n ä ch w e i st? D er Nachweis einer f olche n Beschuldigung müßte doch jede mProse.liten sehrwill kommen s e i ii, t) a er s e i n e n U e b e r t r i t t, e i n A k t, d er n i cht als besonders ehrenhaft a u f g e f a ß t wird, vollkommen rechtfertigen w ü r d e. Ein Ritnalmord, wenn schon ein solcher als möglich angenommen wird, ist doch unzweifelhaft eine Tat. an der sich zumeist mehrere Personen beteiligen müßten, ein Umstand, der entschieden geeignet erscheint, den Behörden vielfache Handhaben zur Festellnng eines solchen Verbrechens zu bieten. Wie läßt es sich aber erklären, daß seit dem Bestände des Christentums noch kein Ritualmord — abgesehen von Geständnissen, die mittels der Folter abgerungen wurden — als klar erwiesen verzeichnet werden kann, während es im Gegenteil eine geschichtliche Tatsache ist, daß Antisemiten christliche Kinder, ja selbst eigene Kinder gemordet haben, unr hiedurch eine Jttdenverfolginig ins Leben zn rufen und sich bei dieser Gelegenheit auf Kosten der Inden zn bereichern. Wie wollen endlich jene Herren die Tatsache erklären, daß dieses arme Jndenvolk trotz der unermeßlichen, beispiellosen Leiden, die es zn erdulden hat, an einer Religion, welcheeine solche Niedertracht vor schreibt, mit all e ii Fasern des Herzens fefthält? Oder ist es etwa gar so verlockend, ein Jude zu sein? —- Sollten wir nicht vielmehr ansrnfen: Wie erhaben muß eine Religion sein, für die ein solch kluges Volk, wie die Inden es sind, alle erdenklichen Drangsale geduldig erträgt und stets bereit ist, selbst sein Leben einziisetzen! Sind das etwa die habsüchtigen Inden, die nur das goldene Kalb anbeten und sonst keiner edlen Regung fähig sind. Wahrhaftig, diese gräßliche, die ganze europäische Kultur schändende Beschuldigung einzig und allein ist schon geeignet, für eine immense krankhafte Belastung der Antisemiten zu sprechen. Unwillkürlich fühlt sich-der Verfasser gedrängt, hier noch eine Reminiszenz aufzufrischen: Es war um die Zeit des Hilsner- Prozesses, er saß im Kaffee „Heinrichshof", als zwei ihm sehr gut bekannte Herren sich am Nachbarlifche niederließen. Beide waren in demselben Orte geboren, saßen in der Volks- und Mittelschule auf derselben Schulbank und erreichten an einem und demselben Tage den Doktorgrad. Sie vertieften sich sogleich in die Zeitnngslektüre. Plötzlich blickte der eine von ihnen ans und sagte ziemlich laut, so daß es Schreiber dieses hören mußte: „Du hör' einmal, is was d'ran an diesen Ritualmordgeschichten, du mußt es doch wissen?" Der Angesprochene sah ihn einen Augenblick erstaunt an, dann sprach er bitter: „Also auch du bist deiner Sache nicht gewiß? Glaubst du denn, daß ich noch heute Jude sein würde, wenn nur das A l l l e r g e r i n g st e daran wahr wäre, ich, der nur seiner Konfession wegen bereits zwei Jahre hindurch eine öffentliche Anstellung vergebens anstrebe?" „Mein Gott, mein Gott," antwortete der andere tief erschüttert, indem er sich mit der Hand vor die Stirne schlug, „da hast du ja ganz recht; o, ihr armen Juden, ihr seid wirklich sehr zu bedauern!" Der Antisemitismus in Frankreich. Auch die Franzosen, die sogenannte „grande nation“, sind für die Reize des Antisemitismus nicht ganz unempfänglich. Diese Tatsache wirkt im ersten Augenblick geradezu verblüffend und unwillkürlich fragt man sich, wo denn hier der Beweggrund zn einer solchen Erscheinung liegt. Ist er etwa in der allgemeinem Notlage zn suchen? Nein, denn Frankreich zählt zn den reichsten Ländern der Erde! Ist es der jüdische Konkurrent, den man durch den Antisemitismus treffen will? Unmöglich, denn in Frankreich bilden die Juden einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung, das Verhältnis dürfte sich ungefähr wie eins zu tausend gestalten. Ist vielleicht der Panamaschwindel daran schuldtragend? Auch der nicht, denn die „Libre Parole“ zählte schon eilte große Anzahl Anhänger, bevor es noch einen Panamaskandal gab, auch die Affaire Dreifuß, die sich doch noch später ereignete, kann die antisemitische Bewegung nicht hervorgernfen haben. Im Panamaausschuß saßen überdies mit Ausnahme eines Judenstämmlings ausschließlich unverfälschte Arier und unter den bezahlten Abgeordneten waren wieder, von dem einen Jndenstämmling abgesehen, alle arischer Abkunft. - Gehen wir aber der Sache etwas näher auf den Grund, indem wir in die Vergangenheit dieses Volkes ein wenig hineinleuchteu, so finden wir das ganze Rätsel gelöst. Schlagen wir die Geschichte Frankreichs, speziell jene während der Regierungszeit Phillip II, August. Ludwig des Heiligen, Phillipp IV, Karl VI und Ludwig XII auf. so werden wir uns sogleich überzeugen, daß auch die große Nation in der Verfolgung und Abschlachtung der Juden tatsächlich Großes leistete. Wir haben es also auch hier mit einer erblichen Belastung zu tun. Es bedurfte demnach nur des geringsten Anreizes — den lieferten die Zeitungsberichte aus Deutschland und Oesterreich in Massen — und die Krankheit mußte zum Ansbruch kommen. Es darf weiters nicht vergessen werden, daß Frankreich seit undenklichen Zeiten nur von den Klerikalen beherrscht wurde, ja, daß noch vor kurzer Zeit beinahe das gesamte Schulwesen in den Händen dieser Partei lag und daß noch heute der größte Teil des Offizierskorps zn ihren Anhängern

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