Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063682--08336-3075494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 4. Die Wahrveil. Nr. 8. im Hause Beu Dosas resigniert und gottergeben das härteste Geschick, nur durfte die Außenwelt nicht erfahren, welch bittere Not in diesem heiligen Tempel der Wissenschaft und Gottesfurcht herrschte. Einmal jedoch war die Not so groß, daß die fromme Gattin des allgemein verehrten Rabbi nicht umhin konnte, ihm zuzurufen: „Wie lange noch werden wir ein solch erbärmliches Dasein fristen müssen?" “Kn ^12 ->22221 bn nfc'K ny „Und was kann ich dagegen tun?" eutgeguete ihr Ben Dosa. „Dn, der du dir durch deinen frommen gott- und menschengefälligen Lebenswandel, durch deine überaus segensreiche Tätigkeit so viele Verdienste erworben, hast ja das Recht, deine Zuflucht zum himmlischen Vater zu nehmen und von ihm im andachtsvollen Gebete zu verlangen, daß er dir schon hienieden einen Teil von dem für dich im besseren Jenseits bestimmten Lohn gebe." Chanina willfahrte ihrem Wunsche, betete zu Gott und sein Gebet fand Erhörung; es wurde ihm ein Goldklumpen in Form eines Fußes verabreicht, so daß er nunmehr reichlich leben konnte. Er hatte es jetzt nicht mehr nötig, für die Armen und Dürftigen die Güte der Glückbegünstigteu in Anspruch zu nehmen und Kollekten zu veranstalten — was nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört — sondern er spendete ans eigenen Mitteln mit ganzem Herzen und vollen Händen. Jeder, der an seine Munifizenz appellierte, fand bei ihm ein geneigtes Ohr..— Es dauerte aber nicht lange, da kam seine Frau zu ihm und teilte ihm mit, daß sie einen sonderbaren Traum hatte, der sie sehr verstimmt habe. „Ich habe nämlich im Traum gesehen", erzählte sie ihm, „wie die frommen, hochverdienten Männer alle im besseren Jenseits auf von drei Füßen getragenen Thronen sitzen, während der Thron, der für dich aufbewahrt ist, des dritten Fußes entbehrte. Wird eine solche Zurücksetzung nicht ans dich einen deprimierenden Eindruck machen? Ich meinerseits würde lieber auf alle irdischen und zeitlichen Güter, als ans die Anerkennung und Würdigung deiner Verdienste verzichten." — „Nun, was ist da zu tun?" eutgeguete Chanina. „Bete zu Gott, daß er dir den dargeboteuen Goldklumpen wieder abuehme, damit das Piedestal, das dich einst tragen soll, nicht mangelhaft sei", lautete ihr wohlmeinender Rat. (Taan 25,) Welch ein tiefer Gedanke liegt in dieser Erzählung! Bekanntlich beruht das schöne, prachtvolle, imposante Religionsgebande des Judentums auf drei Säulen, diese heißen: Thora, Aboda und Gemilus Chassodim. Thora! Jede israel. Gemeinde ist moralisch verpstichtet, dafür zu sorgen, daß in ihrer Mitte sich eine Anstalt befinde, in der die Jugend wie die Erwachsenen mit der Kenntnis der Thora, mit den Grundlehren der Religion vertraut gemacht werden, denn ein Judentum ohne Thyra gleicht einem Körper ohne Seele, hat keine Zukunft, keinen Halt, keine Stütze. Aboda! Ferner ist es Pflicht einer jeden israel. Gemeinde, dafür zu sorgen, daß in ihrer Mitte eine Stätte der Andacht sich befinde, in der der Gottesdienst in würdiger, weihevoller, audachterwecken der Weise abgehalten wird. Gemillus Chassodim! Endlich ist es Pflicht einer jeden israel. Gemeinde, dafür zu sorgen, daß in ihrer Mitte humanitäre gemeinnützige Institutionen sich befinden, damit der Pauperismus nicht um sich greife. Jeder Jude, der für die Erhaltung dieser drei Säulen bereitwilligst sein Opfer bringt, erwirbt sich hohe Verdienste, durch die er sich die Unsterblichkeit erringt. Nun, so lange R. Chanina b. Dosa in dürftigen Verhältnissen gelebt, hatte er sich um die Erhaltung der drei Gäulen des Judentums große Verdienste erworben. Er hatte als hervorragender, allgemein gefeierter Lehrer, sowohl für die Verbreitung der Kenntnis der Thora, als für die Aufrechterhaltung der Ruhe, Würde und Andacht im Gotteshause durch seine Autorität hinreichend gesorgt. Auch für die Erhaltung der dritten Säule konnte er Vieles leisten. Wenn er auch nicht aus eigenen Mitteln Arme und Dürftige unterstützen konnte, so trug er doch wiel, sehr viel, dazu bei, daß den Bedauernwerten geholfen wurde. Er veranstaltete nämlich Kollekten und suchte überall seinen Einfluß zu Gunsten der vom Unglück hart Betroffenen geltend zu machen; natürlich durfte er sich nur für verschämte würdige Arme verwenden, da er. so er an die Reichen herantrat, beweisen mußte, daß es Würdige seien, für die er sich so warm eiusetzte, daß. er sich nicht von Schwindlern düpieren ließ. ■—Als er aber selber reich geworden und aus eigenen Mitteln die Armen unterstützen konnte, da war er nicht mehr so skrupulös, er spendete unausgesetzt, ohne erst recherchieren zu lassen. Jeder, der seine Hilfe in Anspruch nahm, wurde ohne weiters von ihm reichlich unterstützt. Es kam daher nicht selten vor, daß seine Güte von unwürdigen, arbeitsscheuen, sittlich und moralisch verkommenen Subjekten mißbraucht wurde, weit sie durch sonderbare Gesten, Verstellungskünste, wie durch mitleiderregende Red e n s a r t e n ihn zu täuschen, zu mystifizieren verstanden. — Dem Scharfblicke seiner biederen Gattin aber entging das nicht, sie gewann gar bald die Ueberzeugung, daß er anstatt Wohltaten auszuüben, unbewußt gefährliche, lasterhafte Hochstapler unterstützte, daher sie ihn darauf aufmerksam machte, daß sein Thron im Jenseits des dr it t e n Fußes, der Gemillus Chassodim, g e r e ch t e Wohltaten entbehre. —Zedoko fcazil mimowes, nnr die gerechte Wohltätigkeit rettet den Menschen vor ewiger Vernichtung. Es verdient daher besonders lobend hervorgehoben zu werden, daß viele Philanthropen der' modernen Zeit bei. der Verwendung von Millionen für 'humanitäre Zwecke ihr Augenmerk, mehr auf Gründung und Förderung gemeinnütziger Anstalten, wie Spitäler, Versorgnngshänser. und Heimstätten für verlassene unschuldige Kinder, als auf Unterstützung herumlungernder und vagierender Bettler „Orche Porcke“ richten. Solche Philanthropen zeigen, daß sie im Geiste der jüdischen Wohltätigkeit wirken. Mit Recht heißt es im Talmud: En osin nefosot lazadikim. Edlen Menschen, die in der Ausübung guter Taten gerecht und vorsichtig sind, braucht man keine Monumente zu errichten., denn Maaselien lien ken sickrononi, die Wohltaten, die sie hinnieden ausgeübt, die herrlichen Werke, der wahren Nächstenliebe und echten Humanität, die sie geschaffen, bilden ihre Monnmente, die selbst im Laufe der Zeiten nicht erschüttert und verwittert werden können. Armin W. 's ’ 1 -:- . Der Antisemitismus — eine erbliche Belastung Von einem Wiener Kommnüallehrer. (Fortsetzung.) Und nun wollen wir unser Augenmerk den Inden unter den Deutschen zuwenden. Nach Deutschland dürften die Inden schon im 3. Jahrhundert nach Christi eingewandert sein, denn, wie geschichtlich erwiesen ist. bestand bereits im 4. Jahrhundert nach Christi eine große jüdische Gemeinde zu Köln. Bis zum Beginn der Krenzzüge ist nns über das Schicksal der Inden in Deutschland wenig bekannt, aber so viel steht fest, daß sie mit den alten, freiheitsliebenden Germaneir, weil selbe als Heiden d e n A n t i s e m i t i s m u s gar nicht k a n n t e it,*) auf ganz freundschaftlichem Fuße lebten und nach jeder Richtung hin unbehelligt blieben. Kaum hatte aber das Christentum in Deutschland festen Fuß gefaßt, als auch die seitens des fanatischen Priestertums verbreiteten falschen Beschuldigungen, ferner religiöse Unduldsamkeit und Sucht nach jüdischem Besitz Veranlassung gaben, die Inden zu peinigen und zu quälen. Soweit die deutsche Zunge reicht, gibt es kein Fleckchen Erde, das nicht mit jüdischem Blute getränkt wäre. Dies geschah, trotzdem mehrere Päpste**) für die Unschuld der Juden eintraten und viele Bischöfe ihnen Schutz nnd Hilfe boten. -Wir wollen hier aus der Unmasse der Judenverfolgungen in Deutschland nur die bedeutend st e n herausgreifen: Unter Heinrich II. (1012) in Mainz nnd anderen Städten. Im Jahre 1066 plünderten und mordeten die Deutschen ganze jüdische Gemeinden, und zwar zu Trier. Speier. Worms, Mainz. Köln. Regensbnrg, Prag; 1196 zu Speier. Wien, Worms, Erfurt; 1198 nnd 1289 zu Nürnberg; 1205 Halle; 1212 Gotha; 1221 nnd 1266 zu Erfurt; 1225 Mecklenburg; 1226 zu Breslau und in Oesterreich; 1235 *) Was sagen unsere Urteutouen und Wotanverehrer, dazu? **) Gregor IX. Juuoceuz IV, Gregor X, Martin V, Paul II, Clemens IV, Sixtus VI, Alexander VII.