Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063682--08335-3075493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion und Administration: Wien. II/, Novaragasie 27 Tclevtzon: Redaktion 5509/1V. Administration 4938/11, Jhil'ßrate: Dlviermal gejvalteu- Itonvareille-Zeiie 25 Heller. rrdüiinkmenlS- und Juiertionsd'iraae und in Wie» z>ividar und klttgönr. 8. k. üsterr. Nostsparkaffa- Slveck-Konlo Nr. lvv.918. Auabhängige Herlfchrift für jüdische Jntere^eu. Erscheint jeden Kreita»;. Motto: „Daa .Siegel Motte» Jet Wahrheit!“ Rez»0»z»rei»: (iiuiiji‘>Övirt.K 14.- Halbiiidria. K 7.— Mir Stnltiivbaimte: tUiutüiiibviii. K In Filt Vln-luub: tttoitAlÜQlivl.M 'JJtuvf K Mnvet oder U» ^rc». Ur. 8. Wie», 21. Februar Inhalt : Jüdische Wohltätigkeit. — Der Antisemitismus eine erbliche Belastung. — Was verdankt das Christentum dem Judentum? — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit." Jüdische Wohltätigkeit. Tinius Eufus — gewöhnlich in der Geschichte Israels „Tirannos Eufus“ genannt — stellte einmal an R. Akiba folgende Frage: „Wenn ener Gott die Armen liebt,, warum unterstützt er sie nicht kräftigst, damit sie ebenfalls ein menschenwürdiges Dasein fristen könnten, ohne erst an eure Mnnifizenz appellieren zu müssen?" „Die Armen", .entgegnete R. Akiba, „sind deshalb gezwungen, sich an uns zu wenden, damit uns Gelegenheit geboten werde, uns durch Wohltätigkeit und echte Humanität nnverwelkliche Verdienste erwerben und etwaige Sünden sühnen zu können". Mit anderen Worten: Eine gleichmäßige Güterverteilung hat die gütige Vorsehnug nicht für zweckentsprechend gehalten: denn der Mensch, der nie Not gelitten, nie die Bitterkeit des Wortes „Armut" empfunden-, nie Not leiden gesehen und daher auch nie Gelegenheit hat, beim Anblick 'der bitteren Not ergriffen zu werden, dessen Herz wird verhärtet und verstockt. Ein solcher Mensch kann sich nie für eine edle Tal erwärmen, er lebt tierisch, genießt tierisch und zieht auch am Ende von dannen, spurlos, wie das Tier. Derjenige aber, der beim Anblick der Not und des Elends ergriffen wird und sich angeregt fühlt, zu helfen und zu retten, dessen Herz wird veredelt und dessen Geist erleuchtet; ein solch warmfühlender Mensch ist auch gerne bestrebt und bemüht, Unglücklichen. Schwergeprüften mit Rat und Tat beiznstehen, Teänen zu trocknen, Wunden zu Heilen und sich durch seine segensreiche Tätigkeit unverwüstliche Verdienste zu erwerben, die Unsterblichkeit zu erringen, zedoko tazil mimowes, „die echte Wohltätigkeit rettet den Menschen vor ewiger Vernichtung". Das Wort zedoko heißt eigentlich Gerechtigkeit, das will sagen: der Wohltäter soll, wenn er echte Wohltaten ausüben will, gerecht und vorsichtig sein, denn es kommt nicht selten im Leben vor, daß Jemand in dem Momente, wo er glaubt, eine edle Tat vollsührt zu haben, sich schwer versündigt hat, indem er sich von einem unwürdigen Subjekte täuschen nnd versuchen ließ und somit das Laster unterstütze hat. — Der Wohltäter muß also vorsichtig sein, muß wissen, w i e, w a n n u n d w e n er unterstützen soll. Arbeitsscheue, leichtlebige Individuen. die das erbettelte und erschwindelte Geld vergeuden mtb verprassen, verdienen durchaus nicht, unterstützt zu tverden. Moralisch nnd sittlich verkommene Menschen, Dalim werekim, die ihre körperliche Kraft nicht dazu benützen, um sich durch ihrer Hände Arbeit ehrlich und redlich ihr Brod zn verdienen, soll man, wenn sie an die Mnnifizenz der Begüterten appellieren, entschieden abweisen. Würdige, verdienstvolle, v e r s ch ä m t e, durch Unglücksfälle herabgekommene Menschen hingegen soll man nicht nur kräftigst, sondern auch in w ü rd i g e r Weise unterstützen, damit ihr Ehr- und Schamgefühl nicht verletzt werde. „Eine Gabe im Geheimen löscht den Zorn." (Spr. 21.) „Wer öffentlich dem würdigen Armen eine Gabe reicht, begehr mehr Sünde, als wenn er ihm gar nichts gespendet hätte." (Chag. 5, Sabb. 104.) „Wehe dem, der den würdigen Armen öffentlich beschämt." (Mann. M. Mat. A. 11, 5.). Ein berühmter Lehrer, namens R. Jon a, lehrte: Wenn ein angesehener Mann seines Vermögens verlustig geworden, so verfüge man sich zn ihm und sage ihm: „Ich habe vernommen, daß du eine große Erbschaft zu erwarten oder eine große Schuld einznkassieren hast, du könntest, bis du in Besitz des Geldes gelangst, von mir ein unverzinsliches Darlehen anfnehmen, damit dn nicht inzwischen in eine Kalamität kommst." Will er daun später zahlen, so sage, daß es ein Geschenk war. (Jalk-Ps. 41.) R. Aba hatte die Gewohnheit, Geld in ein Tuch zu binden und es hinter sich unbemerkt fallen zu lassen, daß es die Armen ansheben können, doch war er dabei so vorsichtig, daß es nicht in die Hände unwürdiger S u b j e k t e gelange, denn man muß wissen, wen man unterstützen soll. Wenn man Leute unterstützt, die die erlangten Spenden u n n ü tz e r Weise verprassen, so unterstützt man nur das Laster und begeht eine schwere Sünde. Einer der hervorragendsten Lehrer der talmndischeu Zeit mar R. C h a n i n a b. D o s a. der sich nicht blos durch hohe Gelehrsamkeit, sondern mehr noch durch seine segensreiche Tätigkeit ausgezeichnet hatte. Er wird daher auch im Talmud zn den „Arische maaseh“, Männern der Tat, gezählt. Ileberall, wo es galt, Hilfe zu spenden, war er rasch zur Hand. Wurde jemand von einer schweren Krankheit heimgesucht, wandte man sich an Chanina b. Dosa, er möge zn Gott beten, da das Gebet eines so w a h r h a f t frommen Rabbi Erhörnng finden müsse. Hatte jemand mit Not und Elend schwer zu kämpfen, nahm man zn Ben Dosa seine Znfincht, und dieser appellierte sofort an die Munifizenz der Begüterten, veranstaltete Kollekten und suchte überhaupt seinen mächtigen Einfiuß zugnnsten der Armen und Dürftigen geltend zu machen. Er selber aber lebte in den dürftigsten Verhältnissen und ertrug geduldig das Joch der Entbehrung und Entsagung. „Die ganze Welt wird um meines Sohnes Chanina willen gespeist und mein Sohn Chanina begnügt sich mit einem sehr frugalen Mahle." (Berach. 18.) Seine wackere Frau ließ jeden Freitag den Backofen heizen, damit man glaube, sie hätte „zu Ehren des Sabbath" so viel Backwerk vorzubereiten, obwohl sie oft nicht die Mittel hatte, die allernötigsten Einkäufe zu besorgen (Ber. 24). Man ertrug