Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 7. Es war nämlich Antigonos aus Socho, der^ diese golderren Worte sprach, welche bereits Kants kategorischen Imperativ enthalten. Und damit sie wirtlich erhallen bleiben, und nicht wie manche stolze Denkmäler weggewischt werden, wurden sie nicht etwa in Stein gemeißelt oder in Erz gegraben,; sondern ganz einfach an die Spitze der „Sprüche der Väter" gesetzt und in den Siddur. das Buch der täglichen Gebete; Israels, eingefügt, wo sie noch heute, an Hellen Sommertagen, Sabbath nachmittags, den Inden daran erinnern, daß er nicht wie ein niedriger Sklave aus persönlichen Vorteil bedacht sein darf. . Eine Strecke weiter. Die Gegend wird öde und-trpstlos. Kahle Steine, kein Baum, kein Strauch. Aber unweit der Bahnlinie liegt Gimso. Was ist Gimso? Als Name eines Ortes säst ohne Bedeutung. Aber im Volksmunde änderte sich der Name in Gram-so und wurde zur Bezeichnung einer Weltanschauung. Nachum, der Optimist, trug diesen Namen, weil er in jeder Lebenslage, bei jeder Widerwärtigkeit, bei jedem Unglücke seinen heiteren Sinn und seine Zuversicht bewahrte, indem er sprach — was noch jetzt so mancher durch keinen Schicksalsschlag zu beugender Jude gerne zitiert — „Gam-so letowa“, „Auch dies wird zum Guten sein". Alles in der Welt ist nur zum Guten. Das ist der oberste Glaubenssatz des Judentums. Voltaire hat nach dem Erdbeben von Lissabon die Lacher auf seiner Seite zu haben geglaubt, indem er zur Persiflierung der optimistischen Weltanschauung seinen ^Öanäiäe" verfaßte. Aber die Vorstellung von der besten aller Welten siegt nichtsdestoweniger in jedem Zeitalter, sie bildet die schöpferische Kraft der Jugend und derjenigen Völker, denen eine Zukunft bejchieden ist. Der Pessimismus ist überhaupt nicht als eine Weltanschauung zu betrachten, sondern als eine Krankheit des Individuums. Derselbe Nachum aus Gimso war auch der Mann, der als Erster nicht nur jeden Satz, jede Redewendung, sondern auch jede kleinste Partikel im Pentateuch zum Gegenstände der Auslegung und Deutung machte. Ganz natürlich. In einem heiligen Buche, auf dessen erster Seite zu lesen ist: „Und Gott sah alles, was er geschaffen hatten und siehe, es war sehr gut", kann es kein Wort und keinen Buchstaben geben, vernicht von der höchsten. Weisheit inspiriert wäre. Wir fahren in der Nähe der Orte vorbei, wo der Held Simson seine Jugend verbrachte, zwischen Zorea und Esta ol, wo seine übermenschliche Kraft sich als eine Folge der ihm schon in der ersten Kindheit von seinen Eltern gegebenen Weihe entfaltete. Neuere Forscher wollen aus Simson durchaus einen Sonneumythus machen. Andere finden Aehnlichkeiten zwischenseinen Heldentaten und denen des Herkules und des Theseus. Es ist schade, daß der französische Dichter Edmond Rostand, nicht einige tausend Jahre früher gelebt hat; es wäre dann am besten, die Geschichte Simsons auf seinen Gllanteolor zurückznsühren, die wunderbare Dichtung vom heldenhaften Hahne, der den Sonnenaufgang verkündet. Die Delila — das wäre ja genau die Fasanin, die in ihrer verhängnisvollen Zärtlichkeit den Helden so lange quält, bis er das Geheimnis seiner Kraft verrät, feine Weihe und Bestimmung, den Schrei der Erde nach Sonnenlicht bei jeder Morgendämmerung auszustoßen. Oder sollte Rostand an das Buch der Richter gedacht haben? An der Stelle, wo Simson lebte, ist jetzt eine jüdische Kolonie, Artus, welche bereits verschiedene Wandlungen durchgemacht hat. Sie war ursprünglich von englischen Missionären begründet, welche auf den Seelenfang unter den armen Juden des heiligen Landes ausgingen. Eine Gesellschaft bulgarischer Juden, meist aus Sofia und Philippopel, welche die Kolonisation in Palästina fördern wollte, hat dann die Kolonie erworben und im Jahre 1896 haben sich dort auch einige jüdische Familien niedergelaffen. Die Ansiedlung prosperierte jedoch nicht. Erst in jüngster Zeit nahmen die Verhältnisse eine günstigere Entwicklung. Einer der eifrigsten Freunde des heiligen Landes, Herr J. L. Goldberg aus Wilna, erwarb dort eine große Besitzung. Mehrere neue Gebäude werden errichtet und die Jewish Colonization Association hat für eine Schule einen Beitrag in Aussicht gestellt. Eine Stunde vor Jerusalem. Eine Gluthitze wie im Juli. Man fahrt durch eine Art Steinwüste. Ein Karstgebiet wie in Mrstten und im Küsteulande in Oesterreich, unfruchtbar, ohne' Wald; ein Boden, der seine Bewohner nicht zu ernähren wer-- mag. Die Wäldverwüstnngen, die schon zur Römerzeit begönnest haben, sind unter der barbarischen Herrschaft her späteren Er-- oberer fortgesetzt worden und. man hat. jetzt Mühe, sich vorzustellen, .daß hier einst herrliche Bäume wuchsen, ans. deren Laub,- wie der Psalm schildert, der Gesang, der Vögel vernommen wurde.; ‘ f. •*'' $ . ■ ■ i <. * . Station „Lil. 73,9!" Eine Geistesarmut, die zur Oehe der Natur vollkommen paßt. In einem Lande, wo jeder Zoll hundertfache, die ganze Menschheit interessierende Erinnernngeq. wachrüft, weiß oie stumpfsinnige, herrschende Bevölkerung Bahnstationen nicht anders als wie etwa im, wilden. Westen von Amerika oder Kanada, durch, die Kilometerzahl zu bezeichnen^ Die Vergangenheit ist äusgelöscht. Der Jude, muß mit den neuen. Hoffnungen zugleich die ,historischen Erinnerungen in has- Bewußtsein der Bevölkerung zjirückbringen. Letzte Station: . B i t t i r.. Da» ist also nach der Ansicht der meisten Forscher das schauerliche B e th e r. der Schauplatz des Bar . Kochba-Krieges, in welchem das Blut , in Strömen floß, des letzten Verzweiflungskampfes gegen die Römer, der so oft auch dramatisch, zuletzt von J a ros la v Vrchlickst dargestellt wurde. Kein Denkmal erhebt sich, um das Andenken des todesmutigen Rabbi Akiba und seiner 24.000 Schüler zu verewigen, die ihren Tod fanden, „wie das Gesetz es befahl". Die vierte Benediktion unseres Tischgebetes, „hatow wehametiw^ wurde eingerichtet, um Gott dafür zu danken, daß die vielen, vielen Leichen nach langer Zeit wenigstens bestattet werden durften. Und doch hat der Feind nicht gesiegt. Wer denkt heute an eine Kolonie „Aelia Oaxitolina", die Kaiser Hadrian an Stelle Jerusalems errichten wollte? Die heilige Stadt ist wiedererstanden und ist heute zum überwiegenden Teile von . Juden bewohnt! Ein von Herrn Rabbiner I. Horoviez in Jerusaleim uns entgegengesandter.Bote bringt eine briefliche Begrüßung und teilt mit, daß wir am Bahnhofe erwartet werden. Bald- „stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem!" Es ist wer--, drießlich, daß man, der Stadt sich nähernd, deren nrjüdischelp Charakter nicht in hervorragenden Bauwerken der jüdischen Be-; völkerung ausgedrückt sieht. Andere Bekenntnisse drängen sichvor und werden zuerst bemerkt. Die ersten Häuser sind die der' Templer-Kolonie. Herr Baron P e r e i r a, der interimistische Leiter des österreichischen Konsulats in. Jerusalem, hatte , die, freundliche Aufmerk-' samkeit, mir einen Wagen mit dem Konsulatskawassen zum Bahn-- Hose zu schicken. Wir fahren in die Stadt zunächst am Tale Hinnom vorbei, am „Ge-liinnom“, wo die alten Kanaaniter" ihre Kinder dem Moloch opferten. Daraus wurde die „Hölle"' „Gelieima“. Man ist so leicht, geneigt, mit Rücksicht auf hier sich darbietenden Bilder von Stadt und Bewohnern, aus Dantes „Inferno" zu zitieren : Per me si ya nella citfcä dolente. Aus „Gehenna“ ist im Französischen „la gehenne“ unb dann. „1a gene“ geworden, die Bezeichnung für alles.Quälende und' Bedrückende. Was mich in dieser Stunde der Ankunft beim ersten- Anblick der heiligen Stadt bedrückt, „geniert" und mir als Hölle erscheint, ist zunächst noch verschwommen. Die schon langenicht zurückznhaltende unbehagliche Empfindung verdichtet sichzu einem Nebel, der die biblische Sonne mit einem düsterem Schleier umgibt. Es wird mir die Darstellung, nicht leicht fallen,, die ich von den ersten Eindrücken in Jerusalem geben muß. Jüdisches Museum ' Das Museum für Kunst- und historische Denkmäler des Judentumsist vor wenigen Tagen mit aller Feierlichkeit eröffnet worden. Der Präsident, Hofrat Prof. Politzer, begrüßte in herzlicher Weise Festgäste und- Freunde des Museums, gedachte sodann des verstorbenen Banrates W. Stiaßny, auf besten Anregung im Jahre 1895 das jüdische Museumgegründet wurde und dankte allen jenen, die an der Weiterentwicklung und der. Neugestaltungin dem-nenen-Heim-so tätig mitgewirkt haben. Mit glücklichstem Gelingen haben vor allem Hofrat Politzer, Doktor Siegmund Stiaßny und Maler Isidor Kaufmann das Arrangement dey umfangreichen Sammlung besorgt.