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Die Wahrheit · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7. ___Die Wahrheil Seite A - 'Die weiten, prächtigen Fluren und' die hohen, lichten Räume bergen -eine Füllendes Schönen und Anregenden. Wer kann die Namen all der 'Persönlichkeiten aufzählen, deren Bildnisse von den Wänden grüßen und vielfach an verflossene Zeiten mahnen? Arnstein, Wertheimer, Fischhof, .Fellinek, Sulzer, Kuranda, Sonneuthal und -so viele andere. Prächtige Allarvorhänge, reiche Decken bedecken die Wände und ringsum bilden die Bildnisse jener den Rahmen, deren Leben sich auch sonst davor abspielt. Im sogenannten „Wiener Zimmer" erblickt man ein Modell des ersten Wiener Ghetto, dunkel und düster anzusehen, das Siegel der ersten Wiener Jndengemeiiide, Pläne, Bilder und Illustrationen, die herüberleiten zur Zeit des zweiten Ghetto. In einer Ecke steht der Schreibtisch Stiaßnys, in der anderen der Snlzers und Vitrinen enthalten kostbare Adressen und andere Ehrengeschenke. - Der nächste Raum enthält Proben des hochentwickelten Knnstgewerbes. Keramische Gegenstände, reich verziert, oft mit biblischen Szenen geschmückt, .Hultgegenstände,.aus Silber gefertigt, von erlesenstem Geschmack und sorgfältigster Ausführung erregen außerordentliche Bewunderung. Besonders aber stannt man über die farbenprächtigen Textilarbeilen, die die höchste .Kunstfertigkeii ^verraten.. Durch einen kleinen, hellgetünchten Borraum betritt man die „Sabbathstübe", die von Isidor Kaufmann gebaut und eingerichtet wurde. Liebevoll, getreu ist alles nachgebildet. Das Weiß der Wände, des Feiertagstisches, gibt - dem Raume tiefen Ernst, die Lichter der Kerzen brennen feierlich. '.Fromme Weihe umfaßt einem indem stillen Raume. ' Auch sonst ist noch viel Sehenswertes ausgestellt. Grabsteine aus 'Arabien) Illustrationen zur Bibel, Münzen aus der Makkabäerzeit. Modelle, die die kulturelle Seite beleuchten und eine Ueberfülle des Jnteresiauteu für den Altertumsforscher. Vor kaum zwei Jahrzehnten begründet, ist das Museum durch eifriges Sammeln und liebreiche Förderung rasch gewachsen und repräsentiert sich nun in seinem neuen Gewände höchst schmuck- und eindrucksvoll. : . k. MurKantoren-Depntation beim Prüft dritten der Prager Knltnsgemeinde. Die Prager Kantoren entfalten eine rührige Tätigkeit iuubezng auf Bekämpfung der Uebelftäude, welche bei den kanto- -ralen Funktionen bei Trauungen außerhalb der Synagoge Platz gegriffen haben. Schon vor zirka anderthalb Jahren haben die rKantoren bei her Knlrusgeineinde angesucht, daß dieselbe ihre Mabbiner beauftrage, nur mit Bernfskantoren zu fungieren, gemäß .-dem Spruche unserer Weisen: Kirr ettn ns nxnn ba rS. Dieses Gesuch blieb jeöoch bisher unerledigt. In einer rKantorenversammlnng wurde daher beschlossen,, eine Kantoren- Deputation in der ' in Rede stehenden Angelegenheit zum Präsidenten der Knltnsgemeinde zu entsenden. In Ausführung dieses Beschlusses haben sich am 4. d. M., die Herren Mirsky, Kormitzer und Gutmann-beim Präsidenten Herrn Dr. Rosenbacher Lingefnnden. Kollege Kornitzer ersuchte den Präsidenten, er möge ums sagen, was wir gegen die tristen, die Interessen des Kantorenstandes moralisch und materiell schädigenden Verhältnisse unternehmen könnten; daß wir uns hiebei nicht bloß von materiellen vielmehr von idealen Motiven leiten lassen, geht daraus hervor, 'daß die Kantoren sich bereit erklärt haben, die in Frage stehenden 'kantoralen Funktionen ohne Honorarzwciug zu übernehmen. Der Präsident bedeutete uns, daß mit dem-Hinweis, daß nur die Mabbiner ein staatliches Privilegium besitzen, die Knltnsgemeinde nn dieser Angelegenheit schwer etwas tun kann. Kollege Mirsky warf ein, daß die Kantoren gesetzlich wohl ikeitt Privilegium haben, aber vom jüdischen Standpunkte wohl ein solches besitzen: 25,112^ cma,, Schließlich überzeugt, riet der Präsident der Deputation, daß die Kantoren -ein diesbezügliches Gesuch bei der Knltusgemeinde einbringen sollen. Als Kollege Mirsky darauf hinwies, daß ein solches seit ^1^/2 .Jahren bereits vorliegt, versprach Herr Dr. Rosenbacher -dieses zu unterstützen. Dr. Waise Ainzi. - r;-- Der berühmte Advokat und Menschenfreund Dr. Moife Finzi ist in Florenz im 82. Jahre gestorben und, seinem Wunsche gemäß, ohne 'Prunk unter großer Beteiligung beerdigt worden. Dieser allseitig beliebte Mann stand in allen Kreisen in großem Aiisehep. Er war Hochschullehrer mnd hielt Vorlesungen über römisches-Recht. - Die Güte und das Wohl- -wollen seiner Handlnngen, seine religiösen Anschauungen, wie sein ruhiger, gleichgestimmter Charakter zogen mächtig an. Jedes Jahr beim Seder am 'Pessachfeste vereinigte er um sich seine Freunde sowie'viele Fremde und Arme. Wenn er da begeistert ausrief: kol dichfin jese wjechol, we hungert, der komme und esse mit, kol dizricli jese wjifsaeh, wer in No nnd Kummer, der feiere mit mir das I*assa, das paßre so recht zu seiner sozialdemokratischen Weltanschauung, war er doch einer der bedeutendsten italienischen Sozialisten. König Viktor Emanuel, der Großvater des jetzigen Königs, gab chm einen hohen Orden und erhob ihn zum Cavaliere. Nie sah man aber bei Finzi einen Orden, noch hörte man eine Standesbezeichnung. Als das Ghetto in Florenz demoliert wurde, da wollten die armen Juden nicht ans ihren Nestern, sie hätten die Hassaka, riefen sie, d. h. ecbgeseffene Chassak (stark im Recht) auf ihre Wohnung. Die italienische Regierung wollte das nicht verstehen, wie jemand, ohne Hausbesitzer zu sein, solche Rechte beansprucht und der General-Regierungsadvokät wurde beauftragt, gerichtlich zu intervenieren. Da entstand in Dr. Finzi ein Verteidiger der Hassaka, so daß die armen Leute ihre Rechte abgelöst erhielten. Merkwürdig, so geht es auch in Rom zu. Das liberale Italien will keine Ghettos und wenn es auch Forscher gibt, die behaupten, daß es schon zur Zeit als Agrippa, der Verwandte des Herodes, in Rom weilte, die Inden ein Ghetto hatten, er sie dort schätzen und achten lernte und dann als König von Judäa ihre letzte Stütze war so will das freie Italien keine Erinnerung an die Drangsalierung von Brüdern und Schwestern. Da werd in Rom ein prachtvoller Tempel gebaut, herrliche Häuser und Billen lasten sich die Israeliten von ersten Künstlern auf» richten, aber in den Resten des alten Ghettos hausen eingepöckelt die Ebräi, sie verteidigen ihre Chassaka. Emil Frankel, Religionsprofefsor. Die Malkandetegierterr üöer die Iubenfrage. Man schreibt der „N. I. K." aus London.: Im Aufträge der „Jewish Chronicle" hatte deren Mitarbeiter Dr. S. M. Melamed, vorige Woche eine Unterredung mit den Friedens» delegierten der Balkanstaaten über die Rechtslage der Juden iu den vom Balkanbnnd eroberten Gebieten. Dr. Daneff, der Chef der bulgarischen Delegation, äußerte sich u. a. wie folgt: „Die 40.000 bulgarischen Juden befinden sich im Vollbesitze aller bürgerlichen Rechte und Freiheiten. Sie nehmen am staatlichen Leben mit demselben Eifer und Ernste teil wie die besten meiner eigenen Volksgenosten. Unser nationaler Handel liegt in ihren Händen, und wir wüßten in der Tat ohne sie nichts anzufangen. Sie sind keine Jobber, wie ihre Feinde behaupten, sondern Kaufleute im besten Sinne des Wortes. Namentlich jetzt sind die Inden uns durchaus unentbehrlich, denn sie sind berufen, die neueroberten Gebiete wirtschaftlich zu erschließen und so das Werk der Bulgaren erst nutzbar zu machen. Bezüglich der jüdischen Bevölkerung der neuen bulgarischen Provinzen kann ich feierlich versichern, daß sie mit ihren Brüdern in Altbulgarien vollkommen gleichgestellt sein werden. Keine Macht der Welt kann uns verleiten, unseren guten Traditionen nach dieser Richtung hin untreu zu werden. Auch Rußland, dem wir sehr zu Dank verpflichtet sind, könnte uns niemals bewegen, eine antisemitische Politik gegen die Inden unseres Landes einzuschlagen. Es gibt in Bulgarien jüdische Richter, aktive jüdische Offiziere, höhere jüdische Staatsbeamte und jüdische Abgeordnete, die den verschiedensten politischen Parteien angehöreu". — Dr. Daneff gab schließlich seiner Berwundernng Ausdruck, daß einzelne von Inden geleitete europäische Tageszeitungen die Partei des judenfemdlichen Rumäuieus gegen Bulgarien ergreifen. Herr Venizelos, der Chef der griechischen Friedensdelegation, versichert ebenfalls in einem Schreiben an den „Jewish Chronicle", daß die Juden in Griechenland in jeder Beziehung mit dem hellenischen Be» völkernngsteil gleichberechtigt sind und die griechische Regierung es mit den jüdischen Bewohnern der nenbesetzten Gebiete ebenso halten werde. Bezüglich der Ausschreitungen in Saloniki sagte der Kabinettschef des Herrn Venizelos in seiner Unterredung mir dem Vertreter des „I. Chr.", daß die griechische Regierung über die Vorgänge in Saloniki anfänglich falsch unterrichtet worden sei (!), sonst hätte sie gleich energische Maßregeln zum Schutze der jüdischen Bevhlkernng ergriffen. Ein anderes Mitglied der griechischen Friedensdelegation, der Wiener Gesandte Dr. v. Streit, sagte dem Interviewer, der größte Teil der Berichte von den judenfeindlichen Ausschreitungen der Griechen in Saloniki stamme ans tendenziöser türkischer Quelle. (!). In Wirklichkeit lebten die Juden und Griechen friedlich nebeneinander. (!) Wenn die griechischen Staatsmänner glauben, durch derartige „Darstellungen" die Greueltaten von Saloniki sühnen und das Vertrauen der Inden gewinnen zu können, so werden sie sich gründlich täuschen. Bon einer Bestrafung der griechischen Pogromhelden in Saloniki hört man noch immer nichts und auch die Londoner Friedensdelegierten Griechenlands haben sich über diesen Punkt gründlich ansgeschwiegen. Unter diesen Umständen erscheinen die feierlichen Beteuerungen von der Freiheits-, Friedens¬ und Gerechtigkeitsliebe der Hellenen sowie von den freundschaftlichen Beziehungen des griechischen Herrscherhauses zu einzelnen Juden als leere Redensarten, die niemand über die judenfeindliche Gesinnung weiter griechischer Volks- und Regierungs kreise hinwegtäuschen können. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Bortrag aus jüdischer Ges ch i ch te. L i te r atu r und K n l t n r.) Donnerstag, den 20. Februar 1013, 1j2S Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Bereines, I. Eschenbachgaste 9, ein Vortrag des Herrn Profestor Dr. Ludwig Stein aus Berlin statt. Thema: „D e r O p t i m i s m u s als Weltanschauung."

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