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Die Wahrheit · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wabrüeil. Nr. 7. nung erklären, nachdem doch die eine Religion aus der anderen hervorgegangen ist und eine nicht zu leugnende Verwandtschaft zwischen beiden besteht? Antwort: Das w a r das W e rk religiöser Unduldsamkeit, das Werk fauaiif ch e r P r i e st e r! H i er einzig und allein i st. wie wir sogleich sehen werden, d e r U r s p r u n g alles Unheil s, al l der gräßlichen Leiden, d i e d a s jüdische Volk sei 12000 Jahren zuerdnlden h a t, z n s u che u. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. zerstreuten sich die Juden im ganzen Römischen Reiche und dieser Umstand trug sehr viel zur Verbreitung des Christentums durch die Judenchristen bei, die Judeuchristen, welche damals großen Verfolgungen ausgesetzt waren, unterhielten einen regen und äußerst freundschaftlichen Verkehr mit den Juden im Römischen Reiche. Letztere boten ihnen jederzeit, insoweit dies ihr Einfluß gestattete, Schutz und Hilfe u it d die Synagoge bildete d e n M i t t e l p u n k t ihrer Zusammenkünste. Es gab damals im Römischen Reiche auch kleine Gemeinden der Heideuchristen. doch alle Christen nannten sich Brüder, keiner hatte vor dem anderen einen Vorrang, ihre Pflichten, wie ihre Rechte waren vollkommen gleich. Dessenungeachtet bestanden in ihren religiösen Anschauungen große Unterschiede. Die Heidenchristen beteten Jesu als Sohn Gottes an, die Jndenchristen hingegen verehrten in ihm bloß den kommenden Messias. Das erzeugte natürlich eine große Verwirrung in den Lehren der christlichen Kirche und um derselben ein Ende zu machen und festzustellen, wer sich Christ nennen dürfe und wer nicht, berief Kaiser Konstantin im Jahre 325 u. Chr. eine Kirchenversammlung nach Nikäa. Hier stritten 318 Bischöfe gewissermaßen um einen Buchstaben. Die Judenchristen, denen sich viele Heideuchristen anschlossen, standen unter der Anführung A r i u s, Presbyters und Priesters an der Laukalis-Kirche in Alexandrien. Sie wollten für Jesus das Wort (Llomoiu.8io8) „im Wesen ähnlich" zugeben, seine Gegner aber bestanden auf (801000.8108) „im Wesen gleich" und wollten dem Arius „kein Jota nachgeben", woher denn auch diese bekannte Redensart stammt. Das Konzil endete mit einem Siege der Letzteren. Doch der Streit hatte mit dieser Abstimmung keineswegs sein Ende erreicht, er gewann vielmehr an Ausdehnung und Erbitterung. Die Anhänger der „Go t t g l e i ch h e i t" und „G o t ta h u l i ch k e i t" gerieten in offenen Krieg und in der Hauptkirche zu Konstantinopel fielen die ergrimmten Gegner über einander her und lieferten sich eine Schlacht, in der gegen 3000 Menschen erschlagen wurden. Der.Kampf dauerte noch weitere sechzig Jahreund endete 381 n. Chr. auf der Synode zu Konstantinopel mit dem vollständigen Siege der Gegner des unterdessen verstorbenen Arius. Von nun an betrachtete es die katholische Geistlichkeit als ihre wichtigste Lebensaufgabe, das so teuer erkaufte Gut „die heilige Dreifaltigkeit" für alle Zeiten zu sichern. Dieses Ziel konnte sie aber n u r d a n n e r r e i ch e n. wenn es i h r g e l a n g, z w i s ch e n I u d e n und I u d e u ch r i st e n und überhaupt zwischen den B e k e n n e r n des „einig-einzige n" u n d je n e n des „d r e i e i n i g e n" Gottes einen nn ü b e rw i n d l i ch e n Haß, eine unüberbrückbare Kluft zu schaffen. Durch den unermüdlichen Hinweis auf die Kreuzigung des Gottessohnes und auf die gräßlichen Folterqualen, die er.durch die Juden zu erdulden hatte, gelang ihr dies aufs vortrefflichste. Was früher ans Berechnung geschah, geschah später aus Gewohnheit und die Gewohnheit wurde schließlich zur zweiten Natur. Dieser Schluß ist durchaus kein gewagter, wenn man bedenkt, daß nach Ansicht der berühmtesten Naturforscher sogar der Instinkt der Tiere nur auf angeerbte Gewohnheit sich zurückführen lasse. Tatsächlich hat auch ein Teil der Geistlichkeit im Gegensätze zu den überaus menschenfreundlichen Lehren des Heilands bis auf den heutigen Tag. nicht aufgehört, den Judenhaß sowohl auf der Kanzel wie in der Schule zu Predigen. Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch lebhaft, wie der Katechet,, dieser Diener Gottes, seines heiligen Amtes in der Schule waltete, wie er aus allen Kräften bemüht war, den Judenhaß, in das für alles empfängliche Kindergemüt zu pflanzen. Die Besprechung der Leidensgeschichte Jesu bot ihnen selbstredend vollauf. Gelegenheit hiezu. Wer noch nie einem solchen Unterrichte angewohnt hat, kann sich unmöglich eine Vorstellung machen, in welch aufreizender Weise derselbe mitunter erteilt wild. Der Stoff wurde so lebhaft, packend und ergreifend vorgebracht, daß die gesamte Schuljugend in Tränen zerfloß. DieJuden kamen natürlich so schlecht als möglich dabei weg. Und dann kam die Wiederholung des Stoffes an die Reihe. Hier zeigte sich unser Katechet als seltener- Meister in der Züchtung des Judenhasses. Mit einer vor Rührung vibrierenden Stimme begann er nngefähr also: Wer hat Jesu viele Mühseligkeiten und Drangsale bereitet? Wer hat Jesu geschlagen und verwundet? Wer hat ihn verachtet und verspottet? Wer bat Jefn verlästert und verleumdet? Wer hat ihn ans bloßem Neide bei Pilatus angeklagt? Wer hat Jesu ans Kreuz geschlagen? Wer hat ihn also getötet?*) Auf jede dieser Fragen antwortete die gesamte Schuljugend in steigender Erregung: „Die Inden!" Der Vortrag war in.der Regel von so nachhaltiger Wirkung, daß die katholische Jugend es noch nach Wochen für ihre heiligste Pflicht hielt, den Tod Jesu an ihren jüdischen Mitschülern zu rächen. Dieser Priester der Religion der Liebe hütete sich wohl, durch irgend ein Wort, wie zum Beispiel: „Kinder, die heutigen Juden sind an dem Tode Jesu unschuldig, oder: . Jesus befahl, unsere Feinde zu lieben, denen wohlzntnn, die uns hassen, für die zu beten, die uns beleidigen und verfolgen nsw., den unauslöschlichen Haß, den sein Vortrag in das Herz der Schuljugend gepflanzt hat. äbzuschwächen. Es muß jedoch bei dieser Gelegenheit wahrheitsgemäß hervorgehoben werden, daß sowohl im Katechismus, als auch im Evangelium und in der biblischen Geschichte das Leiden Jesu in einer ruhigen, leidenschaftslosen Sprache geschildert ist, indem hier nur auf die von Pharisäern und Schristgelehrten, Priestern und den Ael- . testen des Volkes verführten und anfgehetzten Juden hingewiesen wird. Wir fühlen uns ferner verpflichtet, zu konstatieren, daß es auch unter den Katecheten sehr viele rühmenswerte Ausnahmen gibt, Katecheten, die in wahrhaft toleranter Weist, also ganz im Sinne des Erlösers, in der Schule wirken. Wir glauben hiemit die Quelle, aus der der Judenhaß seit Anbeginn des Christentums bis auf den heutigen Tag hervorsprudeln, genügend beleuchtet zu haben und gelangen nun zu den .Konsequenzen, die diese ewige Verhetzung für die bedauernswerten Juden, welche trotz Not und Jammer ihre Bedrücker an ethischem Wert überragen, im Gefolge hatte. Es ist eine heute allgemein bekannte Tatsache, daß geistige oder körperliche Eigentümlichkeiten der Vorfahren bei den Nachkommen in mehr oder minder starkem Grade wieder auftreten. Ewald Her i n g (lieber das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion des organisierten Materie) erklärt die Erblichkeit als eine G e d ä ch t i s f u n k t i o n der Materie, du r ch w e l ch e der organisierte Keim befähigt w e r d e, n a ch d e m b i o g e n e t is ch e n G r n n d g e s e tz i m m e r dies e l b e E n t w i ckl u n g z n w i e d e h o l e n, welche seine A h n e n . d u r ch g e m a ch t h a b e n. A u ch hie r st. ä r! e die öftere Wiederholung dieses W e g e s (U e b u n g) d i e S i ch e r h e i t d es G e d ä ch t n i s s es. Der Antisemitismus ist nichts anderes als eine im Laufe der'Jahrhunderte ererbte Abneigung gegen die Juden, die sich aus. religiöser Und ul d s a m k e i t herausgebildet hat. Viele Christen sind sich dieser Abneigung mehr oder weniger bewußt und wollen ihn mit einem angeblich angeborenen R a s s e n h a ß erklären. Freilich wirft sich dann die Frage von selbst auf, warum z. B. der Italiener diesen Rassenhäß nicht kennt?' Auch würde dann die Tatsache, daß der Araber, dieser semitische religiöse Fanatiker, d e n I u den nicht wenige r als den Christen haßt, der Aufklärung bedürfen. Ja, aber R e l i g i o n s h a ß riecht nach Mittelalter, R a s s e n- *) Bekanntlich waren damals die Juden römische Untertanen und als solche, nicht in her Lage, ein Todesurteil zu fällen, geschweige zu vollziehen. Auch war die Kreuzigung niemals bei den Juden, wohl aber damals bei den Römern in Anwendung. ' -

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