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Die Wahrheit · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien, 11/, Nvvaragasse 27 Telrvhou: Siedaktion 6509/iV. Anhängige Hertfchnst für Mische Wernn»pret»: (i'iiiijliitiiirt.K 14.— ‘Calbiiitjvirt .K 7.— Ldminisiralion 4938/U. S.!. üsterr. Postsvarkasia- Scheck-Konio Nr. 100.918. Interessen. Fnr Jt'iiltiivbnimte: .K io — Inserate: Die viermal gejvaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areilng. Fiir Ausland: »bonnemems- und Insertion«-- '»«»zlttvria.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ Ü »knvel oder IN Frc». Ur. 7. Wien, 14 Februar UMS. Inhalt: Palus infamans. — Der Antisemitismus eine erbliche Belastung. — Die Pester Chewra Kadischa. — Aus einer kleinen Gemeinde. — Auf dem Wege nach Jerusalem. — Jüdisches Museum. — Eine Kantoren-Deputation beim Präsidenten der Prager Kultusgemeinde. — Doktor Moise Finzi. — Die Balkandelegierren über die Judenfrage. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit." — Publikationen des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines. Palus infamans. (Der Schandpfahl). Wahrlich, im Mittelalter war es in gewissem Sinne besser. Hatte sich Jemand gegen die Gesetze des öffentlichen Anslandes etwas zu auffällig vergangen, flugs wurde er, oder wurde „sie" nnnachsichtlich an den Schandpsahl gefesselt und damit der öffentlichen Verachtung, ja Mißhandlung preisgegeben. Wäre es nur nicht gar so leicht, mit dieser drakonischen Strafe schweren Mißbrauch zu treiben und würde sie sich nicht in so vielen Fällen mit dem Delikt in schreiendem Mißverhältnis befinden, man wäre versucht, sie zur Wiedereinfiihrung — für gewisse Verbrechen wenigstens — zu empfehlen! Für jene, wo es, weil zu selbstverständlich, keinen klar genug umschreibenden Paragraph gibt, zugleich gegen alle Jene, welche, obwohl zur Wahrung des Rechtes berufen, dennoch eine Rechtsbeugung ruhig geschehen lassen. Nur wenige Wahrzeichen ans Stein in einzelnen weltfremd gebliebenen Städtchen erinnern an diese gräßliche Barbarei eines Zeitalters, das kein Erbarmen, keine Menschlichkeit kannte.— Allein ist diese Humanität heute vorhanden? Wohl nur für die Machthabenden. Für die Unterdrückten nur dann, wenn es sich leicht machen läßt und ganz und gar n i ch t, w e n n e s gilt, ein geschehenes .Unrecht gut zu machen, möge es noch so furchtbar sein — sobald der höl zerne Paragraph dazu fehlt. Oder mindestens nicht gefunden wird, weil der Wille und der Mut dazu nicht aufzubringen ist. Dann stecken wir in grauester Vorzeit. Es wäre daher für solche Fälle mir recht und billig, wenn da das unbarmherzige Mittelalter eingeschaltet, dieser Anachronismus wenigstens gegen Jene zur Anwendung gelangen würde, welche sich dieser schwersten aller Rechtssünden schuldig gemacht, d. i. nicht s o f o r t nach dem Erkennen des begangenen Fehlers alles ausgeboten haben, um den unschuldig Leidenden in seiner Ehre wiederherzustellen. An den Pranger, an den Schandpsahl mit ihnen allen, die es in ihrer Macht haben, das gebeugte Recht wieder aufznrichten, es gleichwohl nicht über sich vermögen, ein alle Vernunft verhöhnendes, allen Tatsachen widersprechendes Urteil für null und nichtig zu erklären. Sie haben es erwirkt, mit dem Maße der übrigen Staatsbürger gemessen zu werden, da sie sich selbst, trotz aller modernen Bildung, in die schlimmste Periode des Mangels jeglicher ethischen Kultur zurückversetzt haben. Ihnen sei daher in mittelalterlicher Art vergolten, was sie am Rechte gesündigt-— Wir kennen sie nicht, wollen auch nicht missen, wer sie sind, oder ob es vielleicht nur ein Einzelner ist, wir wissen nur, daß unser Vaterland durch einen Fall einer geradezu unglaublichen Rückständigkeit gebrandmarkt ist, der förmlich betäubend, niederschmetternd wirkt und uns aus der Liste der Rechtsstaaten hinausweist. - Jnsolange wir nicht den physischen Pranger besitzen, müssen wir uns wohl oder übel mit dem moralischen Schand» pfahl begnügen — mit dem nicht gespart werden darf und soll. Wie der Anwalt des Rechtes in diesem einen Falle in seinem glänzendem Plaidoyer sehr richtig bemerkte, „kann alles, was man darüber denken oder sagen mag. stets nur zu maß» voll ausfallen. Das Gesetz durch Schmähung der Behörde oder Aufreizung zu Haß und Verachtung in diesem Falle zu übertreten, ist einfach unmöglich". Diese echten Mannesworte verpflichten jeden gerade und ehrlich Denkenden zu tiefem Dank! Wo bleiben aber alle unsere fortschrittlichen Vereine? Warum bedienen sie sich nicht ihrer Sprachrohre, vor allem der liberalen Abgeordneten, um einen allgemeinen Sturm auf dieses anscheinend uneinnehmbare Bollwerk der verbündeten czechisch-deutschen, klerikal-feudalen Reaktion zu unternehmen und all die feigen Schergen, die sich bei solchen Anlässen ja immer znsammenfinden, für immer hinwegznfegenl Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Antisemitismus — eine erbliche Drlastnng. Von einem Wiener Kommnnallehrer. Ueber die Ursachen des Antisemitismus, der seit mehr als sieben Lustren in einigen Staaten Europas grassiert, herrschen im großen Ganzen dreierlei Ansichten. Die eine derselben geht dahin, der Antisemitismus entspringe der allgemeinen Notlage, die andere führt aus, er sei das Produkt gewissenloser Hetzer, und die letzte behauptet, er lasse sich nur durch die Unmoral der Juden erklären. Wir jedoch sind vollkommen überzeugt, daß keine dieser Anschauungen, am allerwenigsten aber die zuletzt erwähnte, den Tatsachen entspricht und wollen dies nachstehend an der Hand der Geschichte, unser aller Lehrmeisterin, klar legen. Mit dem Tage, an dem das Christentum daK Licht der Welt erblickte, trat auch der Antisemitismus seine Laufbahn an und je größer und mächtiger sich das Christentum gestaltete, umso kräftiger und gewalttätiger ertönte auch das schauerliche Gekrächze des Antisemitismus. Wie läßt sich aber diese Erschei-

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