Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Die - Wahrheit Gelte EL ijöi^iSeftäVib^u^^äjjögir iehiem 'öoii beibeii, sondern dem KerleM ^erstorbenen Prof. Hetzer in Leipzig, Diese. Polemik erinnert an eine' vor kurzem erschienene Streitschrift bezüglichder pochheil.Hozialisten so hochgerühmten Marxschen „Theorie' über den Mehrwert", .in der liiiter Berufung auf Prof. Anton Menget'und Ludwig Brentano dargelegt wurde, daß diese Theorie nicht dem Marxschen Gehirn entsprungen,, sondern . nur von englischen sozialistischen Schriftstellern des 17/ Jahrhunderts wie Hodgskin und Pötty, ans der Schule Ricardos entlehnt, also einfach abgeschrieben haben. Dem sei nun, wie ihm wolle. Jedenfalls liegt eine gewisse Ironie des Schicksals für Müller darin, daß er seiner eigenen Idee zum Opfer gefallen ist. Er, der die die europäische Gelehrtenwelt so. aufregende Streitfrage „Babel und Bibel" zu lösen und so die Polemik bezüglich des babylonischen und mosaischen Gesetzes so glücklich zu - bannen verstand, indem er die Ansicht vertrat, daß beide Gesetze einem älteren Urgesetze entnommen sind; er hat es nicht verstanden, die zwischen ihm und Prof. Schlögl entstandene Polemik zu bannen oder ehrenvoll zu lösen, oder doch wenigstens ruhig zu prüfen; eine Polemik, die gewiß nicht ohne Einstuß auf den Seelenznstand und' auf die Gesundheit des Gelehrten geblieben sein dürfte. So wie nach einem vulgären Sprichworts Schuster sehr oft zerrissene Schuhe und Schneider gestickte und schäbige Kleider tragen und Pädagogen mißratene Kinder anfgeigeit, so passiert es oft auch Gelehrten, daß sie ihren eigenen Ideen selber zum Opfer fallen, oder richtiger gesagt, daß an ihnen selber ihr Handwerk, ihre Berufstätigkeit verloren geht. Hierin liegt in gewisser Beziehung die Ironie des Schicksals der Gelehrtenwelt. Und diese Ironie zeigt sich auch in der geführten Polemik. drrr. Or. Markus Epstein. Dr. Kndnng Kend iener. Von W. Singer. Der Heimgang - dieses selten populären Mannes hat säst alle Gesellschaftskreise aufs tiefste ergriffen. Was Dr. Bendiener für die große Oeffentlichkeit gewirkt, wird in den Annalen der Geschichte nicht nur der Inden Böhmens lange forttönen. Aber auch die jüdischen Knltnsbeamten werden sich immer an ein Wort dieses Mannes mit Dankbarkeit erinnern. Als vor säst einem Vierteljahrhnndert eine neue Knltusgemeindeordnung und die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse gesetzlich festgesetzt wurden und die Regierung sich damals das Votum der israelitischen Kultusgemeinden bezüglich des Verhältnisses der Vorbeter zu den Gemeinden einholte, da fiel dasselbe bekanntlich sehr zuungunsten der Kantoren aus, indem von der Kultusrepräsentanz Prag das Gutachten abgegeben wurde, daß znm Vorbeteramt jeder beliebige Glaubensgenosse, der des Hebräischen mächtig ist, befähigt sei.*) Ich hatte nach einer Zeit Gelegenheit, über diesen wunden Punkt, der uns Kantoren aller österreichischen Länder sehr nahe ging, mit Dr. Ludwig Bendiener Rücksprache zu nehmen. Leider war die Sache beschlossen, aber quasi entschuldigend und sichtlich von der Ungerechtigkeit dieses Ausfalles überzeugt, sagte er mir: „Ich w a r l e i d e r nicht der Referent dieser Angelegenheit; wäre ich damals zugegen gewesen, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen, denn der Kantorenstaud ist als fachwissenschaftlicher Stand anzuerkennen". Auch bei anderen Gelegenheiten interessierte es ihn, von den Fortschritten auf dem Gebiete des Kantorates zu erfahren. Es sei nur vermerkt jene freudige Genugtuung, die er empfand und die er dem Schreiber dieser Zeilen durch seinen verehrten Sohn Dr.. Karl Bendiener ansdrncken ließ, als er erfuhr, daß der Vorstand des Kantorenvereines die Absicht hege, einen Kantorentag in'Pragabzuhalten. Leider hat sich dies nicht realisiert, aber das eine ist gewiß, daß Dr. Bendiener es sich hätte nicht nehmen lassen, in eigener Person bei uns Kantoren zu erscheinen. *) Bekanntlich ist es das große Verdienst des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines, bei der Regierung mit großem Erfolge der Anschauung der Prager Kultusrepräsentanz entgegengewirkt zu haben. (Die Red.) , .' Seine Sympathie' für das Käntörat waL schon daraus zu erklären.daß er große Musikliebe besaß und daß in seinem Hause stetsMüsik gepflegt wurde. Es war einmal bei- Met Hochzeit, als ich, aus familiären Gründen Gelegenheit hatte, in einem der Präger Tempel neben ihm zu fitzen. Alle vom Kantor und Chor vorgetragenen Gesänge fang er mit einer Liebe und Innigkeit mit, daß man staunen und erkennen mußte, daß er das Kind eines echt jüdischen Hauses, in der Tradition ausgewachsen und erzogen wurde. Waren ja seine Eltern selbst so selten vornehmer Natur, und galt das Haus des Reb Menaffe Bendiener als eines der bestrenommierten, wenigstens in bezug strenger kaufmännischer Rechtlichkeit und Wohltätigkeit. Von seiner Mutter, Frau Eleonore Bendiener, konnte man sagen: eine Iseho chaschuwoh und ihr Wirken, im Geheimen nach allen Richtungen Gutes und Edles unter Armen, Witwen und Waisen ausgestreut zu haben, war ein offenes Geheimnis. Wie oft wurde sie angetroffen auf einer dunkeln Stiege, die zu einem Mansardenstübchen führte, Speise unter dem Shawltuche tragend für eine arme Wöchnerin, für eine herabgekommene Familie, für darbende Kinder. Selbst immer mit größter Einfachheit gekleidet, hatte sie ihre schönsten Toiletlenstücke —— für andere gekauft. Von solchen Eltern konnte ein solcher Sohn hervorgeheu. Nun ist dieser Genius jüdischen Edelsinnes dahin, der durch Jahrzehnte an allen Kulmraufgabeu unseres Vaterlandes mit fester Faust teilgenommen, sei es in politischer, humanitärer oder wissenschaftlicher Beziehung. Und diese seine vielverzweigie Tätigkeit, die er in den verschiedenen Körperschaften segensreich entwickelte, sie witrde von der Allgemeinheit dankbarst anerkannt, ja von Allerhöchster Stelle mit Auszeichnungen belohnt. Das Leichenbegängnis Dr. Ludwig Bendieners gestaltete sich zu einer machtvollen Kundgebung nicht nur des deutschen Prag, sondern überhaupt der ganzen Bevölkerung der böhmischen Hauptstadt. Im jüdischen Rathaus, als der Ställe seiner kommunalen Wirksamkeit, fand der Hauptakt der Totenfeier statt, zu welchem sich nebst den Vorständen und Repräsentanten der Jsraelitengemeinde und sämtlichen Rabbinern. Se. Exzellenz der Statthalter Fürst Thnn, Weihbischof Dr. Frind, der Bürgermeister Dr. Grosch, Polizeipräsident Krikava, Oberstaatsanwalt Dr. Meerhant, Landesschulräte, Professoren der Universität mit dem Usotor raaZirillouZ. Landesgerichtsräle, die Advokatenkammer mit ihrem Präsidenten Dr. Kaufmann u. s. w. einfanden. Nachdem die Leiche auf die Estrade gebracht wurde, um welche deutsche Studenten in voller Wichs und gezogenen Rapieren Wache hielten, stimmte Oberkantor Myrsky vom großen Tempel das Hazur tomim in Begleitung eines verstärkten Männerchors an, worauf Oberrabbiuer Dr. Brody ein in freier Vortragsform gehaltenes Gebet vortrug (der Verblichene hat gewünscht, von jedem Nachruf abzuseheu), welches folgende wirkungsvolle Stellen enthielt: „Die Familie hat ihr teueres Oberhaupt verloren, die Armen ihren Wohltäter, die strebsamen Jünger ihren Berater, wir aber unseren Führer, unser leuchtendes Vorbild. Er ist uns viel zu früh entrissen worden; doch verzeihe mir Gott dieses schnell entschlüpfte Wort. . . Nein, wir müssen dem Allgütigen danken, daß er ihn uns so lange erhalten, daß wir uns so lange in den Strahlen seines erhabenen Geistes sonnen und erquicken konnten." ... Unter dem Eindruck dieser wenigen aber erhebenden Worte, stimmte der Chor das düster gehaltene „Adonoj mo odom“ von Lewandowski an und nachdem dies geschehen, rangierte sich der Zug imter den hehren Klängen des Snlzerffchen „Joschew besesser“, welches in seiner nie versagenden wehmutsvollen Kraft hinausklang in die von tausenden Menschen besetzte Straße. Daselbst nahm der bereitstehende sechsspännige Galaleichenwagen die teuere Hülle Dr. Bendieners auf und fort gings über die Hauptstraßen Prags nach dem Friedhofe in Straschnitz. Dort angelangt, sprach der Prediger der Tempelgemeinde einige Abschiedsworte. Mit der Absingnng des „Schrwissi“ schloß die Bestattung. Der Sarg senkte sich maschinell in die Erde, die Erftchargierten der Rede- und Lesehalle neigten ihre Schläger — das „Meimcbo nechauno“ wurde gesagt, und schon rollten die Erdschollen dumpf ins