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Die Wahrheit · 1913-02-07 · Heft 6 (7.2.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wöchnerinnen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit." — Zwei in einer Woche. — Eine Kantoreu-Deputation beim Prager Oberrabbiner. Die Assimilatiousbestrebnngen der deutsche« Inden in der nachmendelssohn'schen Epoche. Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bise uz. Moses Mendelssohn, der in seinem „Jerusalem" es zwar nicht zum erstenmale aussprach, aber es so nachdrücklich wie nie zuvor Juden wie Nichtjnden zum Bewußtsein brachte, daß das Wesen des Judentums nur in der übereinstimmenden Anerkennung und Beobachtung gewisser Gebote besteht, bindet den Willen und die Tat des Individuums aufs strengste an das Wort des Gesetzes. Die französischen Schriftsteller jedoch, die man mit Recht als Vorgänger und-Verkünder der Revolution betrachtet, Rousseau, Voltaire und die Enzyklopädisten, übten mit ihren Ideen von Menschenrecht, von Toleranz, von der Alleinherrschaft der Vernunft einen mächtigen Einfluß auf die jüdischen Vorstellungen, und die Revolution selbst, welche die Verwirklichung^dieser Ideen verkündigte, wurde von den Juden mit allgemeiner Begeisterung ausgenommen. In diese Zeit der französischen Aufklärung fällt auch das Bestreben der Schüler Mendelssohns, durch zahlreiche Aufsätze und kleinere Schriften für allgemeine Geistesbildung unter ihren Glaubensbrüdern zu wirken. Doch auch für diejenigen Kreise, denen das deutsche Wort noch nicht verständlich war, erschien seit dem Jahre 1783 in Königsberg unter dem Namen „Der Sammler" die erste bedeutendere Zeitschrift für jüdische Interessen in deutscher und hebräischer Sprache, an der sich Männer wie Enchel. Wessely, .Friedländer und Homberg beteiligten. Nach und nach gelang es diesen Männern durch die Tüchtigkeit ihrer Leistungen ans den verschiedenen Gebieten der allgemeinen Wissenschaft, sich eine geachtete Stellung im Kreise ihrer christlichen. Mitbürger zu erringen. Diese soziale Selbstemanzipation der deutschen Juden, sowie die Zerstreuung des Vorurteils über ihre Bildungsfähigkeit machte in jener Zeit speziell in Berlin und Königsberg ungeahnt schnelle Fortschritte. Ganz besonders ragten einige jüdische Frauen und Jungfrauen in der preußischen Residenz durch ihre sichere Vertrautheit mit den Erzeugnissen der vaterländischen und französischen Literatur als die anerkannten Höhenpunkte der Gesellschaft hervor und die Fünfuhr-Thees einer Rachel und einer Herz bildeteten die Rendez-vous der ausgezeichnetsten Geister beider Konfessionen, die berühmten Vertreter der Wissenschaft und der Kunst; ja selbst Mitglieder des Hofes gewahrte man nicht selten in diesen glänzenden „Salons". In jenem allerdings nur kurzen Interregnum allgemeiner Bildungsfreiheit wurde indessen das Bedürfnis einer Reform des Kultus lebhaft empfunden. Man fühlte sich zurück und außer Verhältnis in Beziehung zur erhöhteren bürgerlichen Stellung und mit Geringschätzung glaubte man ans diejenigen blicken zu dürfen, die Alles für heilig hielten, was ihnen durch Alter und Tradition ehrwürdig schien. Von der Philosophie des Ln 6s siede hatte man sich die populärsten Schlagwörter angeeignel, um mit denselben skrupellos die Berechtigung jeder religiösen Autorität zurückznweisen. Der Name und der Ruhm Mendelssohns, der bekanntlich mir der strengsten Observanz an den Vorschriften des jüdischen Rituals hieng, verblaßte immer mehr und gerade diejenigen Kreise, die so viel äußeren Schliff besaßen, um sich auf den Parketten nichtjüdischer Salons ohne Anstoß zu bewegen, witzelten und spotteten über Glauben und Autorität. Ermuntert durch diese immer allgemeiner werdende Erscheinung der Frivolität und des religiösen Judifferemismns. die jener Aufklärungsepoche eigen war, drängten nun auch die halbgebildeten Juden, sich von der Last der Ritual- und Zeremonialgesetze zu befreien; ja sie schämten sich nicht, sich mit mißachtender Gleichgiltigkeit von den Interessen derjenigen Gemeinschaft zurückzuziehen, der mau durch gemeinsamen Glauben und durch gemeinsame Geschichte angehörte. Frei von jeder konfessionellen Fessel, emanzipiert von jeder Bevormundung der Vergangenheit, steuerten sie nun mit vollen Segeln der Assimilation mit ihren christlichen Mitbrüderu entgegen. Selbst die Jünger Mendelssohns fühlten sich zn schwach, den Strom der damaligen autoritätsloien und frivolen Zeit einzndämmen. Auch der sonst so besonnene und gelehrte David Friedländer wünschte eine interkonfessionelle, ethische Genossenschaft, ja er scheute sich nicht, eine allgemeine Vernunftreligion herbeisehnend, eine Schrift unter dem Titel „Sendschreiben einiger Hausväter jüdischer Religion an den allgemeinen hochverehrten Probst Teller" (1799) zn veröffentlichen, in der er den freisinnigen Oberkonsiftorialrat Teller um Rat resp. um Auskunft ersucht, wie man das Judentum mit dem Christentum versöhnen könne; er wolle, so ruft Friedländer mit dem Brustton voller Ueberzengung ans, nur das „allgemeine Menschliche" der-mosaischen Lehre erhalten wissen, da nur die Religion der freien Menschenvernunft imstande wäre, alle Unterschiede der beiden Konfessionen zn verwischen, und sollte das Christentum sich entschließen können, das Dogma der Dreieinigkeit aufzuheben, wäre er gerne bereit, im Judentum für die Wegränmung der drückenden und beengenden Zeremonialgesetze zn wirken.

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