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Die Wahrheit · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die. Wahrheit Nr. 4. Ich schrieb in mein Notizbuch: ,'nrrnrra a'::va rn irv’i7tr?' piss -an .a'sbxb imsri .nsrs invL'i? narr; nixis: ix en nub^K ,2nw xb: . jrnan: n-anbö cn'pn *t»i mn p ix ■ n:sb *ti.x napn ,rn na mn:j .r.mbn a'nb»b — -aan; matwb?n:ax »xni n*:» j*»b «3nb nas ns» ana-i» (Wer hat euch geschaffen, prächtige Blüten? Schlummerten Propheteuworte hier im Erdenschoß, drangen ans dem Boden, tausendfach gedeihend, man weiß nicht, sind's Bäume oder Sätze aus der Hastara? Waren Zitate ans Ruth und dem Hohen Liede hier gesäet, und hervorgewachsen, im Mondschein verzaubert, wurden sie zu Knaben und Mädchen, lieblich schwatzend in der Sprache von Betlehem, Senir und Rosch-Amaua?) Ich wollte die Lyrik bei der Landung in Jaffa tief ins Meer versenken. Sie ist also doch wieder hervorgetaucht. Die Iudenfrage in Amerika und Rußland. In dem neuen amerikanischen Einwandernngsgefetz, das vom Repräsentaulenhause mit 178 gegen 52 Stimmen angenommen worden ist, ist die Klausel bemerkenswert, daß ungebildete Einwanderer auch landen dürfen, wenn sie wegen „religiöser Verfolgung" ausgewandert sind. Mau hat bis jetzt den Bildunstest damit, begründet, daß es notwendig fei, die gänzlich ungebildete osteuropäische und italienische Einwanderung zu hemmen. Hier hat das Repräsentantenhaus zugunsten mancher verfolgter russischen Juden eine Ausnahme gemacht und damit einen hohen Beweis konfessioneller Vorurteilslosigkeit geliefert, der zugleich für Rußland tief beschämend ist. Die „Kreuzztg.", die ja von jeher eine starke Vorliebe für das heilige Rußland hat, bemerkt denn auch mit süßsaurer Miene: ■? „Wenn den Amerikanern so viel daran liegt, ihre jüdische Bevölkerung zu vermehren, die sich allein in New-Iork auf 1,200.000 Köpfe beläuft, so wird Europa ihnen das von Herzen gönnen. Auch Deutschland kann dadurch vielleicht von der Einwanderung russischer Juden etwas entlastet werden. In Zukunft mag das aber vielleicht die Vereinigten Staaten in eine Situation bringen, die das amerikanische Volk diesen Beschluß des Kongresses bedauern . läßt. Nach Lage der Sache — zumal angesichts der gespannten Beziehungen zwischen Rußland und Amerika — darf man in der neuen Bill auch Wohl eine Spitze gegen die russische Regiernngspolitik finden." Die den Juden nicht günstige Stimmung, die vor einigen Monaten in New-Iork anläßlich des berüchtigtes Falles Brandt herrschte, der unerhörte antisemitische Angriffe gegen einen der bekanntesten Fiuanzleute zeitigte, hat demnach in den gesetzgebenden Körperschaften keinen Wiederhall gefunden, und ist inzwischen wohl auch einer ruhigeren Anfsassung gewichen. Die „Neue Freie Presse" gab damals folgendes New-Iorker Stimmungsbild wieder: „Die gerichtlichen Untersuchungen (des Falles Brandt)' ließen nicht den geringsten Zweifel, daß es sich um schamlose Verleumdungen handelte, aber die wochenlange steberhafte Aufregung der ganzen Weltstadt zeigte zum erstenmal deutlich, welch starker Antisemitismus sich in New-Iork eingenistet hat. Das ganze Land war überrascht, denn in dieser Stärke vermutete man diese Gefühle nicht, und es ist kein Zweifel, daß sie vor ein oder zwei Jahrzehnten noch nicht bestanden. Zweierlei hat sich in diesem Zeitraum verändert: durch die ungeheure Einwanderung aus Rußland und Galizien, die fast ganz in New- Iork hängen bleibt, ist es dahin gekommen, daß Nem-Iork heute eme jüdische Bevölkerung von 900.000 Köpfen hat. Zweitens aber sind erst jetzt drei oder vier jüdische Bankiers in die erste Reihe der Großfinanzleute eingerückt und unmittelbar zn bedeutsamem Einfluß aus das wirtschaftliche Leben des ganzen Landes gelangt." Der Kongreß hat dieser vorübergehenden antisemitischen Schwäche der New-Iorker Bevölkerung klüglicherweije nicht Rechnung getragen, zumyl außerhalb von New-Iork von eineu Mißstimmung gegen die jüdischen Einwanderer nirgends etwas zu spüren ist.' ' / ' Ob andererseits die starke AnswändernUg des jüdischem Elements ein Segen für die wirtschaftliche'Entwicklung Rußlands ist, muß freilich stark bezweifelt werden. Selbst das Hanptorgan der russischen Antisemiten, die „Nowoje Wremja" schrieb einst „Der unrechtmäßige Verkauf von Spirituosen, der ehemals von den Juden monopolisiert wurde, hat mit der Ausweisung, der Juden aus den Dörfern-und Ländereien nicht anfgehört, sondern bedeutend zngenommen. Der einzige Unterschied besteht, darin, daß die jüdischen Wirte, durch christliche ersetzt worden sind. Außerdem hat die Ausweisung der Inden dem Schmuggel bedeutenden Vorschub geleistet, mit dem Unterschied, daß bie; Bauern an Stelle der Inden getreten sind und zum größteil Schaden des Staatsschatzes. Die Inden haben niemals gewagt und niemals versucht, den Schmuggel mit der Frechheit und dem Zynismus zu betreiben, wie es die Bauern tun. Ein schmuggelnder Jude ist in unserer Gegend zur größten Seltenheit geworden; dafür aber find es die Bauern. Sehr beachtenswert sind in dieser Beziehung auch die seiuerzeitigen Berichte der offiziellen Organe des russischen Finanz, miniftnriums, der „Torgowa Promyschlennaja Gazeta" über den Niedergang der Mannfaklurindustie in der Stabt und im Bezirke Moskau. Das ministerielle Organ konstatierte mit seltener Offenheit, daß die Ausweisung der Inden aus Moskau der dortigen Manufakturindustrie einen großen Schaden zugefügt hat. Dadurch haben die Moskauer Fabrikanten ihre Kundschaft an die Konkurrenten in Warschau ntid Lodz verloren. Bemerkenswert ist ferner eine schon vor mehreren Jahren veröffentlichte Aeußernng der amtlichen „Jekaterinosslawskija Gubernskija Wjedomosti", welche über den völligen Niedergang: des Getreidehandels in Taganrog folgendes schrieben: „Mit der Einbeziehung des Bezirkes Rostow in das Gebiet der Donschen Kosaken, wodurch die Inden aus demselben auswandern mußten, hat die Stadt Taganrog, dieses frühere Füllhorn für die Getreidehändler dieses Gouvernements, jede Bedeutung verloren, die nunmehr der Stadt Marinpol, wo den Juden der Aufenthalt gestattet ist, zu erwerben beginnt." Die allerernsteste Beachtung verdient jedoch eine Eingabe,, die im Oktober 1912 die Moskauer Industriellen und Fabriks-- besitzer an den Ministerpräsidenten gerichtet haben: Die Eingabe will die rechtliche und politische Seite dei7 Ausweisungen nicht prüfen, um so dringender aber auf den Schaden Hinweisen, der auch der russischen Industrie durch diejudenfeindlichen Maßnahmen droht. In den vertriebenen Juden verlieren Handel und Industrie begabte und erfahrene Vermittler^ sie erleiden aber auch einen unmittelbaren Sachschaden, da die Zahlungen der Vertriebenen oft eingestellt, zum mindestens aber verzögert werden. Vor allem bedeutet die Konfiskation der Waren jüdischer Kanflente gewöhnlich eine Schädigung des- Lieferanten, der sie ans Kredit geliefert hat. Der Bericht weist ferner aus die Einschränkungen hin, die der Gouverneur von Nishni-Nowgorod gegen die an der Messe teilnehmenden Juden traf und auf die vor einigen Monaten., erlassenen Bestimmungen über die Registrierung der Dauer des- Aufenthalts jüdischer Kanflente und ihrer Angestellten außer' dem Ausiedluugsgebiet. Auch diese Bestimmungen haben sich zw neuen Beschränkungen der Bewegungsfreiheit heransgebildet. Der Bericht weist darauf hin, daß solche Beschränkungen großer Teile der Bevölkerung für das ganze Reich verderblich sein müssen. Nach der amtlichen Statistik bilden die Inden ein Viertel der städtischen Bevölkerung im ganzen europäischen Rußland und. sogar ein Drittel der gesamten Kaufmannschaft. Im Nordwesten steigt dieses Verhältnis noch bedeutend. Da die Juden in Rußland die Funktion von Vermittlern zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher aller Waren ansüben, haben sie inuNvrdweften, Süden nnd Südwesten. wo sie zahlreich vertreten sind, diese Funktion fast ausschließlich in ihren Händen. Die künstliche Fernhaltung der im Handel tätigen Bevölernngvonr Mittelpunkte der Industrie bedeutet daher einen gewaltigen Verlust nicht nur für die jüdischen Kaufleute, sondern für die viele Millionen

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