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Die Wahrheit · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Watuheu Nr . 4 Ären Inden bei - der Einwanderullg. und;NymMtlich beii?i Bodeu- -erwerh iingeheure @c^iuierigfeiteiit. ,0*; : : Einige Daten übssr die Entwicktuügder. Kolonie: „Ich will; n singen von meinem Freunde, .dasLie-d' meines Freundes -won/seinem Weinberge." Mer große Freund, durch dessen fürstliche Freigebigkeit die meisten Ansiedlnngen viele Jahre hindurch -erhalten-^vllrden-.imr^der-.hereits.erwähnte Wohltäter in Paris, Seine Hochherzigkeit stände einer rationellen - wirtschaftlichen .Konsolidierung im Wege. Er übernahm alljährlich den produzierten -Wein, der nur, teilweise abgesetzt werdet' konnte, obwohl die -,Karmel"-Gesellschaften in ganz Europa eifrig den Absatz betrieben, zn einem Presse, bei. dem er im Lause der Jahre viele, sehr viele Millionen draufzahlen mußte. Diese verhüllte lUnterstntznng dauerte noch fort, nachdem der Baron die Administration der Kolonien beiv „Jewish Colonization Association“ in Paris übertragene hatte. Erst in den letzten Jahren bildete sich ein rühriges Syndikat der Winzer, das unter dem "Namen „Societe Oooperative Vigneronne des grandes vCaves Rischon le-Zion et Sichron Jacob“ selbständig für den kommerziellen Vertrieb sorgt und dem es auch bereits gelungen ist. den Absatz so zu heben, daß die Subventionen mir Ausnahme solcher für gemeinnützige Zwecke beinahe ganz anfhören konnten. Im vorigen Jahre wurden 17.000 Kantar "Trauben geliefert (1 Kantar — 300 hg), welche einen Wert -von 348.000 Francs hatten. Auf eitler Fläche von 1000 Dnnam chnd Mandelbäume gepstanzt. Außer 73 Familien der Weinbauern und Pflanzer leben am Orte 32 jüdische Hand- .werker und 15 Personen, die sich durch geistige Berufe ernähren, darunter 9 Lehrer und Lehrerinnen. Das Budget der Kommnualverwaltnng beträgt 24.700 Francs, wozu die I. C. A. einen -Beitrag (für Arzt und Apotheke) von 4400 Francs gewährt.*) .Die bereits erwähnte kommunale hebräische Schule wird von '205 Kindern besucht, hat einen Leiter und 6 Lehrer und Lehrerinnen. Sie hat ein separates Budget von 13.500 Francs. Der Geist des Unterrichtes entspricht leider nicht dem Wunsche frommer Inden, die-die Religion als Grundlage,der Erziehung .sehen möchten, und es ist vollkommen berechtigt, daß durch Ein- .greifen der orthodoxen jüdischen Vereinigung in Frankfurt a. M. eine besondere Talmud-Thora begründet wurde, welche in drei 'Klassen 50 Schüler zählt. Hier ist man unn freilich zum andern .Extrem übergegangen. Inder oberen Klasse fand ich die jungen Kinder am Studium des Talmuds. Schon wieder Traktat „Baba Meziah". verwickelte Geldfragen, feine handlsrechtliche '«Unterscheidungen und furchtbar scharfsinnige Diskussionen über Zivilprozesse. Ich bin gewiß dafür, daß die Kenntnis des Talmuds sehr verbreitet werde. Ohne Talmud kein Verständnis für das Fndetltnm. Ob aber gerade diese Materien für Kolonisteuckinder geeignet sind, die sich an das einfache, natürliche Landleben zu gewöhnen haben, und ob nicht bei der Erziehung in "Palästina weniger auf die Schärfung des Verstandes und mehr -auf die Geradheit des Sinnes Gewicht zn legen wäre, sollte auch in frommen jüdischen Kreisen ernstlich erwogen werden. Außer der Synagoge besteht ein Minjan der Chassidim mnd ein Bethaus der jüngst eingewanderten yem»nitischen Juden, ferner eine „Chewra Schass“ (Talmudverein) und selbstver- -ständlich.auch eine Chewra Kadischa. Die Sterblichkeitsziffer ist -übrigens eine sehr geringe. Wir speisten zu Mittag in einem netten, jüdischen Restaurant. An der Wand ist eine Aufschrift, die in wenigen Worten -eines,Psalmverses die ganze Geschichte der Ansiedlnngen rührend wiedergibt: •nxv nro npö'O 2'v-wn „die in Tränen gesäet haben, werden in Jubel ernten!" Wir besuchten einen der ältesten Kolonisten, Herrn Sch., -der seit 30 Jahren am Orte wohnt. Er ist für das Leben in der Kolonie begeistert und sein großer Schmerz ist nur, baß bei den gegenwärtigen Verhältnissen in der Türkei und bei der *) Während dieser Brief in Druck gegeben wird, wird bekannt, daß .die Generalversauunlnng des Winzer-Syndikats die im Dezember 1912 in Rischon le-Zion getagt hat, in der Lage war,, von den Einnahmen zur Abtragung der Schuld an die Jca 350.000 Francs zu verwenden, ferner '108.000 Francs für den Bau einer Chaussee nach'Iisodododli und 40.000 Mrancs für eine Chaussee bis zur Straße Jaffa-Jerusalem bereit zu stellen. Seile 7, Schwierigkeit,, den Landbesitz zu erweitern, seine Kinder sich nicht in seiner Pähe ansiedeln können. Ein Sohn studierte in Paris und in Montpellier, er ist derzeit in Marokko. Ein zweiter Söhn ist Arzt in Australien. Eine Töchter ist verheiratet in Berlin und ein Sohn,, der in Ahlem bei Hannover Gartenbau gelernt hat, und am liebsten sich ebenfalls als Kolonist in Judäa uiederlassen würde, ist derzeit gezwungen, in Australien zn leben. . Ans der Weiterreise fuhren wir zunächst an der Tochterkolonie von Rischon le-Zion, „Wadi al Chanin“ oder „Ne» Zionah“ (eine Fahne nach Zion), vorüber. Auf dem Wege trifft man Bedilinen, die ganze Familien auf Kameeten führen, patriachalische Gestalten ans der Zeit Malki Zedeks, Königs von Salem. Nur darf man auf die Rechtschaffenheit und vor allem auf die Achtung vor Eigentum bei diesen Leuten nicht sehr vertrauen. Die Sicherheit auf den Landstraßen läßt viel zu wünschen übrig. Selbst am Tage ist es nicht ratsam, allein von einer Kolonie nach der anderen zn fahren, und in der Nacht ist auch das Leben nicht sicher. Auch die Konstitution und die jungtürkische Aera haben keine moderne Polizei geschaffen. Die Politiker in Konstantinopel begreifen es nicht, daß, solange nicht Ordnung und Sicherheit nach europäischer Art im Reiche bestehen, die Türkei in der gesitteten Welt keine aufrichtigen Freunde haben kann. Daß für die Mißstände nicht etwa der Charakter der arabischen Bevölkerung, sondern ganz ausschließlich bie Unfähigkeit der Regierung die Schuld trägt, zeigt ein Vergleich mit den Verhältnissen in Aegypten. Nach zweistündiger Fahrt gelangten wir zur Kolonie Rechoboth, einer noch größeren Ansiedlnng als Rischon le-Zion Schon von ferne sieht man auf einem Hügel ein stattliches Gebäude : es ist die Synagoge. Es hat sich leider noch kein neuer Stil für synagogale Bauten in reinjüdischeu Städten und Dörfern herausgebildet. Besonders in den hebräischen Dörfern in Palästina sollte die Synagoge nicht blos die anderen Häuser überragen, sondern auch durch einen Turm, vielleicht auch mit einer Uhr und hebräischem Zifferblatt, wie beim Prager jüdischen Rathaus, versehen, weithin sichtbar und ein stolzes Zeugnis zugleich des religiösen und historischen Sinnes der Bevölkerung sein. Rechoboth ist vor 21 Jahren durch eine Gesellschaft „Menucha we Nachla“ (Ruhe und eigener Besitz) gegründet worden, welche sich in Bialystock unter Einfluß der sel. Rabbi Samuel M o h i l e w e r konstituierte, dessen begeistertes Schreiben über die Besiedlung Palästinas ich ans dem ersten Zionisten- Kongreß in Basel im Jahre 1897 zn verlesen Gelegenheit hatte. „Ruhe und eigener Besitz" — das ist ja alles, was arme, verfolgte, durch die Welt gehetzte Inden sich nur wünschen können. Jetzt besitzen die in Rechoboth angesiedelten Familien, wie mir Herr Eisenberg, der Präsident der „Pflanzergenossenschaft" berichtet, durch ihre Bodenanteile ein Vermögen von insgesamt 4 Millionen Francs. Das Budget der Kommunalverwaltung beträgt 35.000 Francs jährlich. Ich besuche die Synagoge, in der sich gerade mehrere Inden znm Mincha-Gebete versammeln. Ich frage jeden, wie es ihm gehe, und ob es ihm hier gefalle. Jeder sagt: ..Gott sei Dank, wir sind hier alle zufrieden, haben unser gutes Auskommen, und wissen nichts vom Golus." Ans dem großen Platze treffe ich kleine Knaben und Mädchen, die untereinander hebräisch sprechen. Zwei Schulmädchen unterhalten sich in einem Idiom, das mir nicht ganz verständlich ist. Der kleine 11jährige Amram, der meine Verwunderung merkt, erklärt mir darauf eingehend, selbstverständlich unter Zuhilfenahme beider Hände, wie diese Schülerinnen die „B-Sprache" (Durchsetzung der hebräischen Silben mit dem Konsonanten „B") eingeftthrt haben, um so zn sprechen, daß andere nicht verstehen, ganz wie ihre Altersgenossinnen in Europa es im Deutschen machen. Merkwürdig, es sind derzeit gerade 31 solche Kolonien diesseits des Jordans, in Judäa, Samaria und Galiläa — genau die Zahl der minutiösen „Königreiche", die zur Zeit Josuas in Kanaan bestanden. So ein Königreich hatte gewiß nicht so viel Kultur und so viel Leben repräsentiert, wie eine hebräische Dorf-Republik von der Art dieser Kolonie, in der man sich in die Zeit Davids und Salomons zurückversetzt glaubt.

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