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Die Wahrheit · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 4. Philologe, der erst. nachträglich die hebräische Borträgssprache ertenleil mußte) hatten die Güte, 'meiner Eiitladung folgend, noch in vorgerückter Abendstunde zu einer Besprechung ins Hotel zu kommen. Noch später — da schon für beit folgenden Morgen die Weiterreise bestimmt war — fand sich der Direktor der Alliance-Schule, Elte Kahanofs. ein. Wir besprachen die Methoden und Lehrpläne, Erziehungs- und Bildungssrätzeu. Als die Gäste sich entfernt hatten und der Schlaf für den folgenden Tag Stärkung bringen sollte, wurde er durch einen ungewöhnlichen Slraßenrummel gestört, der an Kämpfe ganz anderer Art als die um das Schulwesen erinnerte. Türkisches Militär, lagerte in Jaffa. Es sollte wohl in den nächsten Tagen als Kanonenfutter nach den Kriegsschauplätzen des Balkans transportiert werden. So waren „Schwert und Buch" wie in der talmndischen Antithese —' hassaj ef we-hassef er — Wehrstand und Lehrstand für den Beobachter plötzlich nahe aueinandergerückt, wobei das Schwert jedoch, das . wenig vertrauenerweckende, nur das osmanische war. In der nichtmohammedauischen, meist unter fremdem Schutze stehenden, städtischen Bevölkerung war von einer Kriegserregung wenig zu merken. Man hat wenig aufrichtiges Interesse für den Bestand eines Staates, der keine gemeinsamen idealen Werte für die Bewohner schafft und jede kulturelle Betätigung, jede Regung der Selbsthilfe. verständnislos hemmt. Neben dem Idyll eines aus Europa verpflanzten modernen — hypermodernen — Schulwesens tauchte die Tragödie der in der Neuzeit sich nicht znrechtfindenden, isolierten und hilflosen ottomanischeu Staatsmacht auf. Wenn statt der preußischen Generäle rechtzeitig Professoren der Volkswirtschaft in Konstantiuopel Verwendung gefunden hätten, wenn statt der Gewehre Pstüge und Dampfmaschinen in genügender Anzahl angeschafft worden wären, um die Kultur des Landes zu heben und ein starkes, patriotisches Bürgertum zu schaffen, wäre die Aussicht für die Zukunft eine tröstlichere. Gerade hier im Lande hat einst ein Jesaias gelebt, der etwas derartiges den Völkern empfohlen hat. An den Geist dieses Propheten sollten die unglücklichen, mangelhaft ausgerüsteten, persönlich harmlos und resigniert dreinschauendeu Soldaten denken, welche aus Palästina gegen die Bulgaren nach Lüle Burgas oder Kirk-Kilisse marschieren: Morituri te salutant! Am folgenden Morgen ging die Reise in die jüdischen Kolonien, über welche ich bereits so viel Herrliches gelesen hatte, und die mir auch der österreichische Konsul sehr rühmte. Wir verzichteten auf die Bahnverbindung bis Ramleh, das zwischen Jaffa und Jerusalem liegt, und mieteten einen Wagen, um die von der Bahnlinie entfernten Kolonien zu besuchen, in einer derselben zu übernachten und dann von der Station Ramleh die Eisenbahn zu benützen. Schon nach einer halbstündigen Wagenfahrt, bei der man die Orangenhaine in der Umgebung Jaffas, eine Quelle des Wohlstandes vieler neu angesiedelter Juden, bewundert, gelangt man zu der von der Alliance Israelite Universelle bereits int Jahre 1870 begründeten Ackerbauschule mib .M i k w e h Israel. Unermeßlich ist der Dank, den die Freunde der nationalen Wiedergeburt in Palästina der Alliance in Paris für diese Schöpfung schulden, von der man die Aera der wirtwirtschaftlichen jüdischen Kolonisation datieren muß. Der Name Charles Retters, der zuerst den Gedanken erfaßt und das Zentralkomitee für das Unternehmen gewonnen hat — und zwar zu einer Zeit, wo in Rußland noch das liberale Regime Alexanders II. blühte und kein Mensch die bevorstehenden Pogrome und Massenwanderungeu, den Aufschwung des Nationaljndeutums und der Zionsbegeisterung ahnen konnte — verdient, in goldenen Lettern int „Beth-haam“ einer jeden Kolonie verewigt zu werden. Denn, wenn die Alliance sich auch in der Folgegleich dem „Diener" bei der Channka-Menora mit bezug auf die Kolouifatiou untätig beiseite stellte, so haben doch Jahrzehnte hindurch, während des Tastens und Suchens der neuen Bewegung, die Direktoren der Farm bei Jaffa den unerfahrenen Ansiedlern unschätzbare Dienste geleistet. Es braucht nur daran erinnert zu werden, daß die russisch-jüdischen heldenmütigen Studenten, die sich mit unvergleichlichem Idealismus während der Judenverfolgungen 1882 als Gesellschaft Bilu („Beth Jakob UechnVenelcha“)korstituierten, itnt sich in Palästina unter unsäglichen Entbehrungen dem Landbau zu -widmen, im folgenden Jahre, nach dem'Zerrinnen ihrer Träume/ bei Jaffa j einfach verhungert wären, wenn ihnen Direktor Hirsch' nicht irr der ersten iZeit aüf der Besitzung der Ackerbanschnle Beschäftigung gewährt' hätte, und daß später auch ihre Kolonie Uedera:stowie manche andere' durch Vermittlung der Direktion von Mikweh Israel aus Paris Förderung erhielt. „Mikweh Israel“ bedeutet „Israels Hoffnung": Die Gebiete der neuen Ansiedlungen sind vielfach mit „Hoffnungen^ „Anfängen" und „Grundsteinen" besäet. Auf der anderen Seite von Jaffa befindet sich die größte jüdische Kolonie „Petach Tikwah“, b. h. „Beginn einer Hoffnung", umfassend 22.000 Dun am Land (1 Duuam ist etwa 900 Quadratmeter); ein hübsches, mit allen Einrichtungen eines modernen Gemeinwesens versehenes, hebräisches Städtchen von 2.050 Einwohnern. In Galiläa gibt es Kolonien „Rosch Pinah“ (Eckstein) und „Jesstid hamaaleh“ (Begründung oder Anfang der Einwandernug). Nun reisen wir nach der Kolonie, die den Mittelpnnkt des Weittbaues in Judäa bildet und den stolzen Namen führt: „Rischen. le-Zion“, „die erste Botschaft au Zion" oder eigentlich „Was ich als erster für Zion" (erdacht). Die Namen sind Zeugnisse sprudelnder Kraft und wachsenden Selbstvertrauens. Sie haben Klang und Farbe und bilden ein Programm. Es spricht ans ihnen die Schaffensfreude frisch ins Leben tretender Jugend; das'Gefühl, im Anfang großer Dinge, im Beginne einer glorreichen Epoche zu stehen. Und es wächst während der Wanderung die Bedeutsamkeit der Namen. Oder scheint es mir nur so, mährend ich von Mikweh Israel nach Rischon le-Zion fahre? Der erste Name ist eine Chamade, der zweite -eine Fanfare. „Mikweh Israel“ ist eine bescheidene Anspielnng, ein schüchterner Wunsch, eine demütige Bitte, dem verzagten Jeremias (14, 8) entlehnt: „Der D» die Hoffnung Israels bist, sein Retter in der Zeit der Not" ... „Rischon le - Zion“ aber stammt aus einer der großen messianischen Reden Jesaias, in denen berailschende Rhetorik die glänzende Zukunft des kleinen Häufleins der Israeliten schildert: „Ich werde in der Dürre Wasserqnellen entstehen lassen; ich werde in der Wüste Zedern und Akazien und Myrten und Oelbänme schaffen .. . Wer hat es voransgesagt, daß wir es wissen? Niemand hat es gesagt, niemand verkündet, es hätte es auch niemand geglaubt. Dinge, die i ch als Erster für Z i o n geweissagt, hier sind sie." Dn nin jv'sb fwin. Hier sind sie in der Tat. Ein blühender, friedlicher Ort, von jüdischen Kolonisten (zirka 1000 Seelen) bevölkert, welche durch unverdrossene Arbeit die Wüste in einen Gartenverwandelt; ein Ort, in welchem der Jude nicht als Hausierer oder ' Gemischtwarenbändler seine Existenz zu suchen braucht. lieber 1V2 Millionen Weinstöcke auf einer Fläche, wo früher nur öder Sand war. Zur Herstellung des Weines, der in vorzüglichen Sorten nach allen Ländern der Welt hinausgeht, werden, dank der Mnnifizenz des Barons Edmund Rothschild in Paris, die modernsten Maschinen und Pressen verwendet. In riesigen Weinkellereien lagern Tausende von Fässern. Man sieht nette Hänschen mit Gärten. Eine kleine, hübsche Synagoge. Eine hebräische Volksschule für Knaben und Mädchen. Ein Volkshans (Beb haam), in welchem auch eine Bibliothek und ein Lesesaal untergebracht sind und wo die kommunale Verwaltung (Waad) ihren Sitz hat. Der Sekretär, Herr Rosem ans Zloczow in Galizien stammend, aber bereits türkischer Staatsangehöriger, zeigt mir das in hebräischer Sprache mit wundervoller'Sorgfalt geführte Grundbuch der Kolonie (sefer haachusofch). Mau wird an die Weissagung des Jeremias über die Rückkehr ans der babylonischen Gefangenschaft erinnert: „Felder wird man für Geld wiedererwerben und den Kauf in amtliche Register eintragen; Häuser-und Weinberge werden wieder in diesem Lande sein." Die Verwaltung ist ganz autonom. Die türkische Regierung führt-überhaupt keinen Kataster oder hat nur unverläßliche Aufzeichnungen. Sie kümmert sich nur um die Steuern und Abgaben. Diese betragen für. Rischon le-Zion allein 70.000 Frcs. jährlich. ..Bor Entstehen dieser jüdischen Ansiedlung hat der, B'oden dem Staate 200 Frcs. jährlich eingetragen nitd dabelMcht die verblendete Regierung

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