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Die Wahrheit · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheil Seite K. ')h. 4. genommenen Gemeinden mit Herrn Sekretär Fleischer in Prag zu einer Beratnng zusammentreten, nm daselbst über die Einteilung der Kreiskassen-Rayons schlüssig zu werden/ 'wurde zngestimmt. . Die von verschiedenen Kultusgemeinden und Einzelpersonen schriftlich vorliegenden Anträge und Anregungen wurden dem Vorstände zur Vorberatung und Beschlußfassung angewiesen. ' Mit Wotten herzlichen Dankes und ansrichtiger Befriedigung über die geleistete sachliche Arbeit schloß sodann der Vorsitzende die konstituierende Sitzung.' Dir Wiener Asftmilationssenche. Vor einigen Jahren hatte ich einen Freund aus dem Osten bei mir zu Gaste. Er blieb nicht lange in Wien und ich benützte die kurze Zeit, um meinem Freunde manche Wiener Sehenswürdigkeit zu zeigen. Ich führte ihn nicht in die Kunstmuseen, weil er von Kunst nicht viel verstand; auch die Hofoper ließ ich aus, indem er mir sagte, daß er fast gar nicht musikalisch sei; die kaiserliche Schatzkammer, meinte er, würde ihn auch nicht viel interessieren, weil er als rnssischer Jude es bereits ganz verlernt.hat, kaiserliche Schätze zu begaffen. Ich konnte ihm auch weder den berühmten Stefansturm, noch die von aller Welt besuchte Kapnzinergrnft zeigen, da er den Wunsch hatte, als Jude nur Sehenswürdigkeiten aus dem Wiener jüdischen Leben zu sehen. Mein armer Freund! Er stellte sich freilich viel vor. aber was konnte ich ihm da. „Jüdisches" und „Sehenswnrdiges" in Wien zeigen?*) Ich führte ihn also zu allererst auf den Wiener jüdischen Friedhof. Mein Freund glaubte, ich halte ihn zum besten. „Du, mein Lieber", sagte-er, „glaubst dlt etwa, daß heute der 1. April ist? Ich sehe rein Zeichen von einem jüdischen Friedhof, keinen jüdischen Namen, kein Datum, ja, fast keinen einzigen jüdischen Buchstaben, und das soll ein jüdischer abu? fps sein?" „Ja", sagte ich, „ich wollte dich eben vorbereiten. Wenn du auch nicht begreifen kannst, warum man dieses Feld Jndenfriedhof nennt, daß es aber in Wahrheit ein Totenfeld ist, wirst du doch zugeben und so schaut das jüdische Leben in Wien aus. An einem Wochentage führte ich ihn daun in ein jüdisches Gotteshaus zum Morgengebet. Mein Gast fragte mich, wo eigentlich die a'^snv sind, er'sehe nur lauter Zuschauer, die weder Gebetriemen noch Gebetmäntel anhaben. Das sind eben Wiener jüdische Sehenswürdigkeiten, sagte ich, und wir gingen weiter. Ich zeigte ihm kleine Judenkinder, welche selbst nicht wissen, ob sie solche sind, nnd große Söhne in Israel, die vom Judentum absolut-nichts wissen wollen; jüdische Arbeitgeber, die prinzipiell Nichtjnden beschäftigen, und christliche Arbeitnehmer, - die ans Ueberzengung nur bei Juden verdienen möchten; katholische Wohltätigkeitslisten zeigte ich ihm mit überfüllter! Judenspenden und arme jüdische Familien, die zehnmal des Tages Hungers sterben von zu vielem jüdischen Wohltätigkeitssinn; jüdische Hausherren, die keine jüdischen Familien hereinlassen nnd christliche Hausbesitzer, die — im Gegenteile — nur Juden hinanswerfen. Noch so manche Sehenswürdigkeit vom Wiener jüdischen Leben wollte ich ihm zeigen, so z. B. wie man in Spitälern, welche mit jüdischen Geldern erhalten werden, arme kranke Inden behandelt, jüdische Millionäre mit offenen Händen für herabgekommene deutsche Aristokraten und tauben Ohren für pogromierte östliche Glaubensgenossen. Ich wollte ihm zeigen.. . aber mein Freund ans deni russischen Osten war müde geworden von zu vielem Sehen. „Genug!", schrie mich mein Freund an, „ich habe zu viel des Guten, ich verzichte ans den Rest der jüdischen Sehenswürdigkeiten! Aber eines", sagte er, „möchte mich noch interessieren in Wien zu sehen: einen echten, russischen — Pogrom!" Ein Pogrom, erwiderte ich — davor soll Gott behüten, weil das ein zu radikales und gefährliches Mittel wäre, die Wiener Assimilationssenche zu hemmen. Ich verabschiedete besänftigend *) Wir glauben schon, daß es sich verlohnt hätte, den Gast aus dem Osten in das jüdische Spital oder in das jüdische Bersorgnngshaus zu führen. (Die Redaktion.) meinen Freund nnd tröstete ihn, daß der Wiener Antisemitismus mit der Zeit auch die Semiten kurieren wird. Und so vergehen Jahre. Der Wiener Antisemitismus blüht und mit ihm die Assimilation unter den Wiener Inden. Der Abfall vom Judentum nimmt zwar— statistisch — nicht zu, läßt aber auch nicht nach. Die jüdischen Zeitschriften hatten auch Heuer ein trauriges Liedchen zu singen von den jüdischen Weihnachts- und Sylvesterfeiern, ja selbst die katholischen Zeitungen bekagten sich, daß durch den großen Andrang von jüdischen Kunden auf dem katholrschen Weihnachtsmarkt ihre Glanbensbrüder in Jesu nicht in der Lage wären, den hohen Preis der Christbänme zu zahlen und so mancher arme Katholik infolge der jüdischen Konkurrenz keinen Weihuachtsbaum erschwingen konnte. Man kann ganz getrost sagen: wenn schon iiicfu ganz katholisch, aber halb katholisch ist sicher die Hälfte des Wiener Judentums. Der Sonntag ist schon lange ans der ganzen Linie zum jüdischen DNipnaV geworden, Weihnachten zum naurr. Sylvester zum jüdischen ratprr nnd der Fasching zum lustigen tris.n jrt. Wohin soll das führen? Wie lange kann ein Volk eine derartige Pest überleben? Gibt es schon gar kein Mittel, diese Afsimilations-nsuv zu bekämpfen? O doch! Da fällt mir gerade eine Notiz auf. welche ich in einer Warschauer jüdischen Zeitung gelesen habe. Bekanntlich haben die russischen Polen einen Jndenboykott inszeniert, weil die Warschauer Inden einem antisemitischen Kandidaten zur Neichsdnma ihre Stimmen verweigerten. Ein Pole, respektive ein Christ darf bei keinem Inden etwas kaufen, noch einem solchen etwas verkaufen. Dieser Boykott hält schon längere Zeit an nnd verpflanzt sich über ganz Russisch- Polen. Und so kam es — wie es in der Notiz heißt — daß ein Warschauer Jude aus den Werhnachtsmarkl ging, einen Christbanm für seine lieben Kleinen zu kaufen. Der Bauer aber, welcher die Bäume zu verkaufen harte, lehnte dieses Geschärt ab, mit der Motivierung, daß er einem Sanjnden nichts zu verkaufen habe! Jeder Jude, wenn er auch kein Assimilant ist, muß zugeben, daß dieser Gedanke ein glänzender ist. Und wie steht es dort in den heiligen Büchern? — mxa nna mxa — ein guter Gedanke zieht nach sich den zweiten. Vielleicht sagen dann die katholischen Geistlichen, daß sie einen Juden nicht taufen wollen, katholische Friedhofsverwalter, daß sie einen Jndenstämmling auf ihrem Gottesacker nicht beerdigen können, christliche Arbeitsncher, daß es sich nicht schickt, bei einem Inden Geld zu verdienen, antisemitische Wohltätigkeitsanftalten, daß es eine Schande ist, mit jüdischen Spenden arme notleidende Christen zu unterstützen? Mit einem Worte: Dieser Gedanke ist gar kein übler nnd wenn ich vor einigen Jahren mit meinem Gaste ans dem Osten nicht einstimmen konnte, daß gerade ein russischer Pogrom notwendig wäre, die Assimilationsseuche zu stillen, so hätte ich heute nichts dagegen, wenn wir eine kleine Dosis „Warschauer Antisemitismus - hieher nach Wien bekämen. Vielleicht wäre das doch ein heilbares Mitte! gegen die Wiener Assimilationsseuche. I. G r v b. Ans dem Wege »ach Jerusalem ReisebrieseIvon Rabbiner Dr. Armand Kaminka. VI. . - - jajn nma n» nmi D i e Kriegstragödie. — Mik weh Israel nnd R. i s c li o n 1 e - Z i o n. — Der hebräische Ka t a st e r. — Das Lted vom Weinberg. — Kommnnalschn!e n n d Talmud Thora. — ßechobothu n d andere Kolonien. — D i e B.-S p r a ch e. Wie die Nacht vor der Ankunft, so war die erste Nacht des Aufenthaltes im heiligen Lande wenig der Ruhe gewidmet. Mehrere Herren vom Lehrkörper des Gymnasiums. Dr. Mosfinson, Dr. Bogratschow (der Geographie-Professor und einer der entschiedensten Vorkämpfer einer freisinnigen Richtung in der Anstalt) und Dr. Kellner (der aus Prag acquirierte junge, klassische

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