Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seife; T. Nr. 3 ÄM'ch ihre Umgebung zu leiden hat. Indessen sind die .Juden des Minen selbst zur Erkenntnis ihrer Lage gekommen und haben nach einem Answeg gesucht, um sich , ein besseres Daftin zu verschaffen. Schon vor drei. Jahren landete eines Tages in. Jaffa, dem bedeutendsten Hafen Palästinas, ein Trupp, yemeuitischer Juden, der zirka 300 Seelen zählte. Sie kamen zerlumpt und ermattet an und fanden zum großen Teil Uuterkuufl in den ^Kolonien Kiselion ls 2ion und B-echobotk als tandwirischafttiche Arbeiter. Dies Ergebnis war für die yemeuirischen Judenbald zu'einem Signal. Allein im letzten Jahre sind 1500 Jemeniten in Palästina eingetroffen, die überall in den Kolonien als Feldarbeiter Beschäflignng stnden. Wir wollen nachstehend einiges aus dem Berichte bringen, den der Abgesandte der Alliance Israelite über die Juden in Minen seinerzeit veröffentlichte. Es scheint, daß Inden bereits vor Untergang des ersten Tempels in Jemen ansäßig waren. Bekannt ist, daß Maimonides (geft. l.204) in einem lebhaften Briefwechsel mit den Inden in Jemen stand. Weniger bekannt ist, daß der Talmud bei ihnen nicht zn den Grundlagen des geistigen Lebens gehört. Vor Maimonides haben sie mir die Eischna gepflegt, später haben sie vorbehaltlos sein Werk als höchste Autorität inreligiösen Dingen erklärt. Immerhin istes doch Tatsache, daß dieser versprengte Bruchteil'des jüdischen 'Volkes den Jahrhunderten getrotzt, ein eigenes geistig-religiöses Leben geführt und ein eigenes Schrifttum, Zeremonien, Synagvgallieder und Melodien geschaffen hat. In Jemen mag es an zirka 30.000 jüdische Seelen geben, die in einigen hundert Ortschaften zerstreut leben. Drei Viertel aller Inden sind Handwerker (Schneider, Schuster, Weber, Goldschmiede, Töpfer. Maurer usw.) Von ihrer Anspruchslosigkeit kann man sich kaum einen Begriff machen. Hören wir, was Jomtob Semach über ffie tzn berichten weiß (vergl. Jahresbericht der Allianz pro. 1910): „Die materielle Lage aller Einwohner Jemens ist nicht 'besonders günstig, die unserer Glaubensgenossen aber außerordentlich traurig. Das Land ist arm. Die seit zweitausend Jahren währenden Kriege und Revolutionen haben das Land zugrunde gerichtet und entvölkert; es fehlt an Arbeitskräften zur Bestellung der Felder und die herrlichen Ebenen müssen auf -viele hundert Meilen brach liegen. Der Bauer ist auch kein großer Freund der Arbeit. Er genießt das far niente des Orients, die schöne Natur, die i'reie Luft und denkt nicht daran, sein Schicksal besser zu gestalten. Er stopft feiiien langen Ti'chibnk mit dem Tabak der Berge, der ihn nichts kostet, legt ein Stück glühenden Kuhmist darauf,, um ihn in Brand zu halten, streckt sich in der Sonne aus und . schaut zufrieden und glücklich den Tabakriugeln nach. 'Er macht sich nichts daraus, schlecht gekleidet nnd schlecht genährt zu sein. Der in seinem Dorfe lebende und für ihn arbeitende Jude hat leider eine sehr unsichere Existenz. Man kann 'sich von diesem Elend keine Vorstellung machen; es fehlt alles, was das Leben ein wenig -angenehm machen kann. Nicht ein Möbelstück steht in den 'Häusern, keine Bettstelle nnd keine Betten. In Sanaa legen sich arme und reiche Leute abends auf -eine dünne Matratze, eine Matte von Palmblättern, zum Schlafen nieder und decken sich mir einem Hammelfell zn. Auf dem Lande legt man sich znm Schutze vor dem Ungeziefer, das ans der bloßen Erde herumwimmelt, zum Schlafen in einen Sack. Man zieht sich vollständig aus. kriecht in den großen Sack und schließt ihn von innen mit einem Schnürbande. Stillende Mütter nehmen ihre Säuglinge mit in den Sack. Da es nachts immer ziemlich 'kühl ist, gewöhnt man sich schnell an diese eingeschlossene Luft. Als Knchenntensilien genügen ein paar Krüge und Schüsseln aus Ton und einige Körbe; man besitzt nicht einen einzigen Gegenstand aus Metall oder Porzellan, keine Gabeln, keine Löffel; man rührt das Essen mit einem Stück Holz um, und das Taschenmesser des Vaters dient zum Zerschneiden aller Speisen. Das ans Sargho gebackene Brot ist der Hauptbestandteil der Nahrung; man tunkt es in einer scharfen Sauce, Helbe genannt. Das allgemeine Getränk ist der Aufguß der Kaffee- Grinde, der Kischer. man trinkt ihn Tag und Nacht. — In den Städten wird in allen Familien viel Araki getrunken, ein ans 'getrockneten Trauben bereiteter Branntwein. Sehr gesucht ist geschmolzene Butter; manche essen sie mit einem Kischer gemischt, andere gießen sie sich lieber über den Kopf und über den Körpetz (sie glänben, "dadurch große Kräfte zu bekommen) nnd ihr Kittel und ihre Kappe sind so dnrchtrankt davon, daß.'sie nneWachsruch anssehen. Da ihre Kleider sie nicht ausreichend gegen die von den Bergen kommende Kälte schützen, trägen viele über' ihrem Kittel ein in Paletotform zngeschnittenes Fell ohne jeden Stoffüberzug. Morgens tragen sie das Fell mit den Haarendem Körper zngewendet. mittags, wenn es wärmer wird, wird der Paletot mit den Haaren nach außen gedreht. Ich'habe in den eisig kalten Morgenstunden Kinder gesehen, die als einzige Kleidung ihr Kittelchen trugen; sie zitterten, husteten und versuchten sich zn wärmen, indem sie ihre nackten Aermchen über der Brüst, kreuzten. - Ich frage mich, wie dieses unglückliche Volk sich trotz Epidemien und Verfolgungen und bei allen Entbehrungen bis auf unsere Tage hat erhalten können. Es hat seinen Lebenszweck in seinem festen Willen und seiner sittlichen Kraft gefunden und hat das Unglück als eine notwendige Prüfung zur Gewinnung eines besseren Lebens hiugenommeu, was haben die gegenwärtigen Leiden zn sagen, wenn die Zukunft schön fein' wird? In dieser Ueberzeugnug gewinnt das jüdische Volk stoische' Energie, durchdringende Intelligenz und auffallende Tatkraft/' Neben diesen allgemeinen ökonomischen Zuständen muß man noch berücksichtigen, daß die Inden unter dem religiösen Fanatismus der Mohainednner außerordentlich zu leiden haben. Der Jude gilt nicht als gleichberechtigt. Sie find dem Haffe des Volkes ansgefetzl. Aus diesem Grunde erscheint es uns begreiflich, wenn die yemenitifchen Inden ihre bisherige Heimat verlassen, um sich in dem freieren Palästina anznsiedeln. Sie lieben das heilige Land und fühlen sich sehr wohl dort. Biele arbeiten bereits in der Kunstgewerbeschnle Bezalel. in der sie sehr viel Gutes zn leisten imstande sind. Ja. es ist bereits gelungen, eine von Jemeniten bewohnte Bezalel-Kolonie mit einem eigenen Filigranatelier in Ben-Schemen bei Jaffa zn gründen. -Auch der Versuch, sie zur landwirtschaftlichen Arbeit in den jüdischen Kolonien zn verwenden, ist vollständig gelungen. In Palästina werden die Jemeniten sehr freundlich ausgenommen und es ist sehr wahrscheinlich, daß nach und nach die ganze Bevölkerung Jemens dorthin übersiedeln lvird. Doch herrscht in Palästina leider eine große Wohnungsnot, die es nicht ermöglicht, allen Einwanderern die Heimstätte zu geben. Deshalb muß nunmehr dafür gesorgt werden, daß die Einwanderer Unterkunft sinden. Das Direktorium des Natioualsonds hat deshalb für das .Jahr 1912 60.000 Frcs. bereit gestellt und auch für 1913 den gleichen Betrag in Aussicht gestellt, um Hänschen zn bauen für die yemenitifchen Landarbeiter. Natürlich reicht dieser Betrag nicht ans.'da ein kleines Häuschen mit dem dazu nötigen Gartenland zirka 1000 Frcs. kostet. Es dürste deshalb Aufgabe der reichen Leute und der großen Hilfsgesettschnsten Westeuropas fein, hier helfend einzutreten, weil diese Unterstützung einer guten Sache ihre Früchte sicher zeitigen wird. Wer sich eingehend über diese Materie instruieren will, der lese das kleine und sehr schör ausgestattete Büchlein von Jehoschuah Feldmann ans Jaffa über die yemenitischeu Inden; zn beziehen durch das Hauptbnrean des Jüdischen National-Fonds, Köln, Neumarkt 33. Verschiedene Nachrichten. Wien. (H ilfsakti o n für d i e Jnd e nd er B alkanländer.) Der Israelitischen Allianz zn Wien sind bis zum 12. Jänner 1913 zugunsten der durch den Krieg in Not geratenen Inden der Batkantäuder insgesamt X 40.31313 zngegangen. In diesem Betrage ist das Ergebnis einer Sammlnng des Verbandes der israelitischen Humanität» - Vereine „B'nai Brith" in Oesterreich in der Höhe von X 10.000'—, ferner Bei-, träge von Kultnsgemeinden enthalten nnd zwar: von der israelitischen Knlinsgememde in Wien L 5000'—. von der israelitischen Kultusgemeinde in. Prag L 1000'—, Brünn K 500*—, Teplitz-Schöuau K 500'—. Eine indische Schülerin in Brest Bitewsk, Rußland, hat unter ihren Freundinnen eine Sammlung zugunsten der türkischen Inden veranlaßt und das. Ergebnis im Betrage von Rbl. 14'— der Israelitischen Allianz mit einer hebräischen Zuschrift eingesaudt.