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Die Wahrheit · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die - Wahrheit , ■ . . ■' Nr. 3. Aufsehen erregten unter diesen tapferen Männern Namen wie: D'Elvert, Diughofer, Friedmann, Ganser, Kuranda, Neummm. Schreiter, Wastian, Wakdner und Wolf, ganz besonders aber Wedra und Waber, der Wiener Beamtenanwalt (?)! Diese Männer beschönigen ihren Verrat freilich mit »Opportunität, kluger Taktik, politischer Klugheit", wie diese unaufrichtigen Inkonsequenzen noch sonst heißen mögen, aber sie vergessen, daß.Staatsbeamte denn doch intelligenten Kreisen angehören und nicht zu erwarten ist, daß dieselben trotzdem in Zukunft wieder aufsitzen. Jüdische Staatsbürger, die bekanntlich zu den Steuerkassen bedeutend mehr leisten, als dies ihrem Zahlenverhältnisse entspräche, sind ganz besonders daran interessiert, daß Staatsbeamte und Lehrpersonen nicht rechtlos und wirtschaftlich so notleidend werden, daß sie zuletzt nur zu Sklaven der Majoritäts- Partei herabsinken. Werrn Staatsminister oft nicht über den Parteien stehen, dann ist dies wohl geknebelten Beamten noch weniger möglich. Genügend besoldete und in ihren Bürgerrechten unversehrte Staatsbeamte können mindestens ihre Verwaltungsgeschäfte streng gesetzlich ohne Ansehen der Person ausführen. Ebenso ist es nur freien und gut gestellten Lehrpersonen möglich, gegen-alle Schüler gleichmäßig gerecht und vorurteilslos vorzugehen,. was für die bildnugseifrige. jüdische Bevölkerung geradezu die wichtigste Lebensfrage bedeutet. Die Mehrzahl der jüdischen Staatsbürger gehört noch lange nicht jenen reichen Schichten an, die von solchen Sorgen nicht mehr getroffen werden, sondern können für ihre Kinder keineswegs. auf Benützung der vorhandenen Schulen oder auf den Mitbewerb auf Lehrer- und Beamtenstellen verzichten. Jüdische Wähler, die noch einiges Solidaritätsgesühl zu ihren Konfessionsgenossen bewahrt haben, dürfen daher gelegentlich solche Abgeordnete, welche die berechtigten Lebens- und Rechtsforderungen der Staatsbeamten und Lehrpersonen verraten haben, n i ch t w i e d e r w ä h l e n I R. L. Der Mnnderrabbi. Der jüngst erfolgte Tod des Rabbi Aaron. Friedmann in Sadagora hat in meiner Erinnerung eine Episode wachgerufen, die stark an das Wunderbare streift und für die ich bis heute keine tatsächliche Erklärung gefunden habe. Bemerken muß ich, daß ich seil meiner frühesten Kindheit zum Wunderglauben hinueige, in welchem mich später manche Erfahrung ans dem eigenen Leben bestärkte. Ich ließ mir auch keine Gelegenheit entgehen, mit einem sogenannten „guten Juden" bekannt zu werden. Das erstemal wurde ich von R. Tobias. Spiegel bei Rabbi Hillel aus Kolomea eingeführt, der zu einer ärztlichen Konsultation herkam und im „Hotel National" logierte, welches von vielen Hilfe und Segen Suchenden umlagert war. Im Jahre 1871 lernte ich in Vöslau den berühmten R. Chajim Halberstamm aus Sandec kennen. Es war nicht lest, bei ihm an einem Freitag nachmittag, da Hunderte ans weiter Ferne herbeieilten, um den Sabbath beim „Zaddik" zu feiern, mit einem vorher von dem Schames ausgestellten Einlaßschein vorzukommen „Schreiben Sie Ihre „Bakosche“ (Bitte) auf ein „Qnittel" auf; der Rabbi hat eine große Post zu erledigen", mit diesen Worten wies mich der unerbittliche Türwächler ab. Nur der dazwischentretende Sohn des Rabbi verschaffte mir Eingang. Er meinte, daß sein Vater durch den Besuch der Deutschen sich geehrt fühle, und er lud mich gleichzeitig zu den Sabbathmahlzeiten ein. . Als ich bereits eingetreten war, kehrte mein Vordermann noch einmal zurück, wodurch meine Audienz sehr abgekürzt wurde. Gleich nach der kurzen Begrüßung brachte der Diener die eingelangte Post, welche noch vor dem Eingang des Sabbaths erledigt werden mußte. Der Rabbi gab den Gabboim und Kindern mündliche Aufträge und Zeichen des Abschiedes. Alles rüstete sich zum Empfange des Sabbaths. Der Rabbi erschien im weißen Talar beim Gottesdienste, der mit dem „Hohenliede" begann ynd mit dem Segenssprnche über den Wein schloß. Er trug diesen. mit solcher Begeisterung unter vielen Bewegungen des Körpers vor, so-haß er es nicht merkte, daß inzwischen ihm die Mütze vom., Haupte herabfiel. Neben ihm stand ein Waschbecken mit Wasser, worin er^zuweilen mitten im Beten die Hände eintauchte: , . . Nach Beendigung des weihevollen Gebetes wurde der Tisch gedeckt, die Chassidim drängten sich, um in der Nähe des Rabbi zu sitzen, und reichen Anteil an den „Ueberresteü" zu haben, , die über den Tisch hingeworfen ünd mit wahrer Gien ausgefangen, und verzehrt wurden*) Das Mahl wurde auch durch „Worte der Thora" gewürzt. Sie behandelten das Besitzrecht in Palästina und den Psalmvers ans Cp. 22. 25. „Gott verschmäht nicht die Bescheidenheit des Armen". Halacha und Hagada waren im Vortrage vereint. . Der Segen; des Rabbi zum Abschied machte auf mich einen nachhaltigen Eindruck. Die Ehrfurcht gebietende Erscheinung dieses wahrhaft frommen und gelehrten. Rabbiners schwebt mir noch heute lebhaft vor Augen. Ich will nun zur eigentlichen Episode übergehen. Im Frühjahre 1892 ging ich mit iiieiiieu: fteiben. @ö$uen im fürstbischöflichen Schloßparke zu Kremsier spazieren. Im „Wäldchen" kam ein Hauptmann mit grauem Barte an mich heran mnd zeigte mir ein Medaillon ans Elfenbein mit den Worten: „Dieses Medaillon, in welchem Sie ein Amulett mit hebräischer Schrift sehen, erhielt ich von Sadagoraer Wnnderrabbi zum Danke dafür, daß ich während der Hungersnot (1847), als ich dort bei der ärarischen Verpflegsbranche stationiert war, seine Leute umsonst mit Brot versorgte. Diesem verdanke ich es, daß ich - in vielen Schlachten unversehrt blieb". Mein Angebot, dieses für eine bestimmte Summe abznkaufen, lehnte er ab. „Nicht für eine Million." Ich Laufe des Sommers besuchte ich dem nahen Kurort RoLnau, wo ich den Bojaner Wnnderrabbi Isaak Friedmaun traf, der seinem Bruder, dem verstorbenen Aron Friedmann, seinen Stamm- und Erbsitz in Sadagora nach vielen Kämpfen für 60.000 Gulden abgetreten haben soll. Er empfing mich sehr freundlich, obwohl er mir nach der Weise der Chassidim keinen Sessel aubot und nur drei Finger der Hand reichte. Er war über die religiösen Zustände unserer Gegend unterrichtet. Auch der Name meiner Gemeinde war ihm bekannt. ... Kurz vor meinem Abschiede erzählte ich ihm die Geschichte mit dem Medaillon, die ihn sehr interessierte. Doch schienes ihm unglaublich, daß sein Vater einem Nichtjuden ein Amulett mit „heiligem Namen" gegeben haben soll. Der Soldat dürfte es, so glaubte er, einem Juden heransgelockl haben. ^Trachten ' Sie, dieses Amulett in ihre Hände zu bekommen". Mit diesem in Form eines Segens ausgesprochenen Wunsche schloß er, mir wieder die Finger znm Abschiede reichend. . Bald nach meiner Heimkehr, im Herbste, ging ich wieder mit meinen Söhnen im„Wäldchen" spazieren und scharrte nach meiner Gewohnheit mit dem Stocke die herabgefallenen, welken Blätter zusammen. Doch wer beschreibt meine Ueberraschnng, als ich auf derselben Stelle, auf der ich zuerst den Hauptmann sprach, dieses elfenbeinerne Medaillon" vor mir auf dem Boden liegen sah. Der Wunsch des Wnnderrabbi ist bald in Erfüllung gegangen. Den Hauptmann, der kurz nachher gestorben sein soll, sah ich nicht wieder. Dr. Frankl-Grün. Die Inden in Uemen. Seit einigen Jahren spricht man sehr viel von den Inden in Jemen (Sndarabien). Man erinnert sich, daß die Alliance Israelite Universelle infolge von Hilferufen aus dem Lande im Jahre 1909 einen ihrer befähigten Lehrer, Jomtob Semach aus Beyrut, nach Jemen schickte, um die Lage der dort befindlichen Juden zu studieren und für die Abhilfe der trostlosen Verhältnisse der Bevölkerung besorgt zu sein. Die Reise hatte den Erfolg, daß die Allianz eine Schule in Sanaa, der türkischen Hauptstadt Jemens, errichtete. Damit war der Bevölkerung im allgemeinen nicht geholfen, umsomehr, da sie außerordentlich *) Wer keine starken Fäuste oder nicht in der Gunst des Schames ' stand, ging leer aus oder mußte sich mit dem Nachtische^ Honigkuchen, be'gnügeu. . -i . , . v.;:;

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