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Die Wahrheit · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Die Wahrheit. lllr. 3. . dieser Schulen sind sehr gediegene Pädagogen und redlich bemüht, die Jugend mit den Grnndlehreu vertrant zu machen und für den Glauben der Väter zu begeistern/allein die häusliche religiöse Erziehung läßt oft viel zu wünschen übrig. Nun, wird man aber fragen, warum gelang es vor 80 Jahren, dem ersten Wiener Prediger, dem unvergeßlichen genialen Mannheimer, durch seine hinreißenden Kanzelreden die Apostasie zu bekämpfen, während die vortrefflichen gehaltvollsten Predigten der jetzigen Rabbinen vergebens in die Luft verhallen? Die Antwort auf diese Frage ist leicht zu finden. An würdigen, gottbegeisterteu mit glänzenden Rednergaben und profundem Wissen reich ansgestatteten Rabbinen mangelt es auch dem modernen Judentum nicht, allein das Auditorium ist ein anderes geworden. Israel, dieses Volk der Geschichte, ist wie bereits oben bemerkt wurde, groß in der Zeit der Not und Bedrängnis. Der Jude, so er nur religiös erzogen und in der Thora gründlich unterrichtet wurde, erträgt das härteste und grausamste Geschick mit einer Geduld und Resignation sondergleichen, opfert sich bereitwillig für seinen Glauben, läßt sich um keinen Preis zum Abfall verleiten, zieht es vielmehr vor, sich lieber mit der Krone des Märtyrertums zu schmucken, als um irgendeines materiellen Vorteiles willen seine Herkunft, Abstammung und Traditionen zu verleugnen und sein Volk zu verraten. Ja, der echte und rechte Jude ist ein Idealist, der die Thora, die am Sinai geofieubarte Lehre als das heiligste, kostbarste Gut der Welt betrachtet, hochverehrt und in dem Träger derselben, den Stellvertreter Gottes, den Verkünder des göttlichen Wortes, den geistigen Vater und Berater der Gemeinde erblickt, ihm daher ehrfurchtsvoll begegnet, mit gespanntester Aufmerksamkeit feinen Worten lauscht und seinen Anordnungen sich bereitwilligst fügt, er beherzigt das Wort unserer Weisen Nora rabboeh kemore schomajim. Und so lange das Wort kowaud hatoro „Verherrlichung der Thora und deren Träger"" in Israel nicht als leere Phrase galt. so lange die „Lehre Moses"" hochgehalten und verehrt 7 wurde wegowar Jisroel stand das Judentum felsenfest, so daß keine .; Macht ans Erden es erschüttern konnte, selbst die größte F e n e r-; uud Wassergefahr war nicht imstande, es einzuschüchtern. / Ein Dichter des Mittelalters sang daher mit Recht: „Ein Volk, das man in Feuer Und Wafier bringt hinein,;; Muß, dir wieder teuer, Gereinigt von der Sünde sein."" . (Z. Synag. Poesie S. 14.) In Zeiten jedoch, wo in bestimmten Orten den als Fremde geduldeten Bekenner« des Judentums nicht gestattet wurde, Synagogen zu erbauen und Lehranstalten zu gründen, drohte der Heranwachsenden Jugend Gefahr, dem Glauben der Väter entrissen zu werden. Vor hundert Jahren herrschte noch in allen Gemeinden religiöses Leben; die Bibel- und Talmudschnlen — besonders die talmudischen Hochschulen „Jeschibot"" — erfreuten sich der schönsten Blüte; die Synagogen wurden von andächtig Betenden f! fleißig besucht, die religiösen Vorschriften. Satzungen, Zeremonien!; und Bräuche in den Familien wie in den Gemeinden streng beobachtet. Die Jugend sah die Religion gleichsam auf der Straße umherwandelu. „An der Seite der Tore, an der Oefinung der Stadt, am Eingänge der Türen predigt sie."' (Spr. 8. 3.) N Daher es äußerst s e l t.e n vor kam, daß irgend ein entarteter j Sohn oder eine Tochter Israels sich zum „Abfall" verleiten ließ. Die tolerirten Juden in Wien jedoch — die sich zumeist aus den alten frommen Gemeinden, wie Preßbnrg, Nikolsburg, Prag rc. rekrutierten, dürsten trotz der Verdienste, die sie sich um den Staat erworben hatten, weder eine Gemeinde bilden, noch eine Synagoge erbauen, Lehranstalten gründen, Rabbiner und Vorbeter bestellen. Was Wunder also, daß die Jugend unten solchen Umständen, bei dem damaligen Golus sich zum' Msall verleiten ließ?. ' Als es jedoch anfangs der zwanziger Jahre, des vorigen Jahrhunderts den maßgebenden einflußreichen Persönlichkeiten üü der' Wiener Jndenschaft gelang, die Erlaubnis zu erwirken, ein Bethaus — -natürlich in einem verborgenen Winkel, wohin die Strahlen der Sonne der Freiheit zu dringen nicht vermochten — zu erbauen, einen geregelten Gottesdienst einfnhren und würdige intelligente Knltusbeamte bestellen zu dürfen, wurden ailch bald die Mittel gefunden, das religiöse Leben' in den Familien wie in der Gemeinde zu heben. Die damalige Gemeinde, oder richtiger „Wiener Jndenschaft'" war sowohl in der Wahl dies Predigers, der berufen war, das. Wort Gottes zu verkünden, der den geregelten Gottesdienst leiten sollte, äußerst glüstlich. . .; Der sel. Prediger Mannheimer, der sich nicht nur durch eine äußerst glänzende Rednergabe, sondern auch —wie es von einem wahrhaft würdigen jüdischen Seelsorger nicht anders zu . erwarten war — durch Charakterfestigkeit, Biedersinn, Seelenadel. Bescheidenheit, ungewöhnliche Herzensgüte und tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh auszeichnete, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, in den Herzen feiner Zuhörer die Liebe zum Glauben der Väter wach zu rufen und rege zu erhalten. Er belehrte sie über die weltgeschichtliche Mission des Judentums, schärfte ihNen ein, daß ein Volk, das von der Vorsehung berufen wnrde, als Träger der größten Idee in der Geschichte zu figurieren, ein Volk, das stets die Kraft und den Mut besaß, den gewaltigen Stürmen der Jahrtausende zn trotzen und sich mit ,* der Krone des Märtyrertums zu schmücken und mit dem Psalmisten ausznrufen: „Unsäglich viel Leid hat uns betroffen, wir ", sind aber dir dennoch nicht abtrünnig geworden", Ursache habe, auf seine glorreiche Vergangenheit, besonders auf seine wahrhaft göttliche, alle Welt versöhnende Religion stolz zu sein. Ebenso unterließ er es nicht, von Zeit zn Zeit das von Charakterschwäche zeugende Vorgehen jener Leute, die um irgend eines materiellen Vorteiles willen ohne jede Ueberzengnng in leichtsinniger Weise den Glauben der Väter, für den ihre- Ahnen mit ihrem Herzblute kämpften, verschacherten, in stammenden Worten zu geißeln, und der Erfolg war ein glänzender wateozar hamagefoh iii wenigen Jahren war die Taufsenche bekämpft. Wie Mannheimer durch seine'herrlichen, lehrreichen Kanzelreden stets das Auditorium entzückte und für den Glauben begeisterte, ebenso verstand der berühmte Sangesmeister Salomon Sulzer. der Erwecker des alten Zion-Liedes, durch seine nuvergleich schöne, die Andacht erweckende Vortragsweise allsabbatlich, besonders an den hohen Feiertagen die zahlreich versammelten Betenden zu erheben, zu erbauen, zu erwärmen, die Schwergeprüften zu trösten und zu ermutigen, die Leichtfertigen zu ermahnen und eines Besseren zu belehren. So war es in vormürzlicher Zeit. -- Wie gewaltig aber haben sich inzwischen die Zeiten und in ihnen die Menschen geändert! Seit ungefähr fünf Dezennien hat infolge der errungenen Freiheit und der riesigen nie ge-' ahnten Fortschritte, die auf allen Gebieten des kulturellen Lebens? gemacht wurden, die Lebensweise zahlreicher Menschen — und Israel gehört doch wohl auch zn dem Geschlechte der Menschen — eine andere Form und Gestalt angenommen. Ueppigkeit und Prachtliebe trat an die Stelle der Bescheidenheit und Genüg-' samkeit. Das Denken und Sinnen, Forschen und Grübeln,, Kämpfen und Ringen der meisten für Kultur, Bildung und Fortschritt begeisterten-Menschen war und ist noch jetzt dahin-' gerichtet. Reichtümer zu erwerben, um ans großem Fuße leben, den Kelch der Freuden bis zur Neige leeren und eine hervor- > ragende Stelle in der vornehmen Welt spielen zn können. —, j Solche irdische Güter müssen aber oft' schwer, sehr schwer erkämpft werden, denn nicht immer ist das Glück dem Menschen so günstig, daß es ihm solch erwünschte Güter unverhofft? auf dem Präsentierteller überreicht. Ein solcher Lebenskampf aber, nimmt den Menschen voll und ganz in Anspruch, so daß er nicht Zeit und Muße gewinnen kann, auch nur einen Tag aus-, znruhen, um sich veredeln, vergeistigen, für das Höhere, Göttliche, '- wahrhaft Religiöse und Ideale erwärmen zn können.' Mir einem j Worte, derartige Menschen werden vom Materialismus/ganz?! beherrscht, haben daher nichts anderes im Äuge als das „Ge.--. i -schüft"", 'so daß sie es nicht glauben können, daß es auch heute '! -noch höhere Ideale erstrebende Menschen gibt, die fähig sind,; I ÜÜ

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