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Die Wahrheit · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion nnd Slbmiulftratiou: WmijliiOvirt ...... IC 1*. — Hiildiäviia.K 7.— Wien, 11,, Novaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Administration 4938». Anabhängige Herifchrift für jüöische :: Ä. k. üsterr. Bostsvarkaffa- Ecvrck-ttoiilo Rr. 100.918. Interessen. ^yiii: M'iitliiöbfunite: 'Mtiitjiiiibviti ..... K Hi Inlerate: Die viermal gespaltene Ronvareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitag. Wr AnSliuid: Abonnements- und JnsertiouS- 'MmijiäQnu ...... 8 M,»rk betrage sind in Wien zahlbar ' und klagbar. Motto: „Du» Siegel (-Jottes lol Wahrtieit!“ l».!Nnvel ober lii Krc» Ar. 3 Wien, IV. Jänner Inhalt: Die Apostasie. — Die Treulosigkeit der Regierungsparteien gegen Staatsbeamte und Volksschullrhrer. — Der Wunderrabbi. — Die Juden in Jemen. — Verschiedene Nachrichten. — Ocsterr.-Ung. Kantoren-Verein. — Feiulleton: „Die Tage der Vorzeit." Abonnernents-Einlcrdung. Me geehrten Kerren Abonnenten werden nm umgehende Erneuerung des Köonnements für das am 1. Jänner 1913 begonnene 1. Kuartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes Keine Ilnterörechung erleide. Probenummern gratis zur Verfügung. Die Apostasie. Bei allen trefflichen Eigenschaften, die den jüdischen Stamm zieren und schmücken, besitzt er auch seine Schwächen und Fehler. Israel ist groß, stark und heldenmütig in der Zeit der Not und des Elends. Es erträgt wie kaum ein anderes Volk auf Erden die 'härtesten Bedrückungen und grausamsten Verfolgungen mit einer Geduld und Resignation sondergleichen. „Je mehr man es bedrückt, desto glanbensstärker wurde es", daher es ihm tatsächlich gelang, den Stürmen der Jahrtausende zu trotzen. Aber nicht alle Bekenner des Judentums besitzen immer den Mut und die Kraft, auch die Freiheit und den Wohlstand mit derselben Geduld zn ertragen, ohne stolz, übermütig und gottvergessen zu werden. „Als Jeschnrum fett ward, wurde es übermütig", klagte schon der große Lehrer Moses. In Zeiten, da Israel sich der vollständigen Freiheit erfreute, hatte es immer in seiner Mitte Leute gegeben, die nach Außen gravitierten und dann fahnenflüchtig geworden sind. Fremde Sitten. Bräuche und Formen, mochten sie noch so abgeschmackt sein, wurden von jenen Assimilanten verherrlicht und verhimmelt, während die altehrwürdigen Sitten und Bräuche der Väter, selbst wenn sie geeignet waren, Herz und Gemüt zu erheben, von ihnen verhöhnt, verlacht und als „jüdisch" in spöttischer Weise bezeichnet wurden. Die' natürliche Folge dieser unbezähmbaren Assimilationssncht war, daß das Stndinm der Thora vernachlässigt wurde, die Jugend ohne Kenntnis der Religion heranwnchs und sich daher leichten Herzes zum „Abfall" verleiten ließ. Auch jetzt hört man, besonders in der Großstadt, allgemein über den erschreckenden Abfall klagen. Wenn jedoch die wahrhaft frommen, um die Zukunft des Judentums so sehr besorgten Juden glauben, daß die Existenz des geistigen, moralischen Judentums nie so arg bedroht war als in der Gegenwart, täuschen sie sich sehr. Vor ungefähr hundert Jahren war es diesbezüglich im Wien noch trauriger bestellt. Die Pharaonischen Ausnahmsgesetze, die damals noch in Kraft waren und das Judentum tief zn Boden drückten, haben, wenn auch nicht alle, so doch viele demoralisiert. Da die Wiener Judenschaft damals noch keine Gemeinde bilden durfte, war der Religionsunterricht ein sehr.mangelhafter und der Gottesdienst ein ungeregelter. Was Wunder also, daß viele Inden aus Unkenntnis der Religio» und der jüdischen Geschichte ungläubig und am Ende fahnenflüchtig geworden sind. Die Wiener Pvlizeidirektion. die eine Reform des jüdischen Unterrichtes und Kultus befürwortete, schildert in einem Berichte ddlo 17. Feber 1812 die damaligen Zustände der Jndenfchaft in folgender Weise: . . . „Dem Staate muß an Bewohnern liegen, welche e i n e R e l i g i o n haben. Der ärmere Jude — Reiche könnten sich wohl einen Religionslehrer halten — wächst heran, wird 14 Jahre alt und soll in die Schule beten gehen, indessen er von seiner Kindheit bis zum 14. Jahre weder hebräisch lesen noch verständlich beten gelernt hat. Noch als Knabe läuft er. statt in die Lehranstalt zn gehen, müssig herum, wird er größer, so hat er die Lust etwas zu erlernen, verloren und der Müssigaug bleibt sein Begleiter. Hat er nicht das Glück oder Unglück. auf welch immer eine Art reich zn werden, so ist er mit dem. so er Religion heißt, unzufrieden und um freier leben zu können, läßt er sich taufen. Wie soll und wie kann er einer Religion, deren Grundsätze er weder kennt, noch in seiner Jugend erlernt hat, in reiferen Jahren rein entsagen und vor Gott abschwören, eben daher kommt es. daß mehrere getaufte Juden und ihre Sprötzlinge der erhaltenen Taufe bisher eben nichts o n d e rb a r e Eh r e g e m a ch t h a b en, indem es sich m e i st e n s bestätigt hat, daß die Taufe nur immer absich t l i ch g e s u ch t w o r d e n sei." (Wolf, Jndentaufe 103.) Ans diesem Berichte ist klar und deutlich zu ersehen, daß man selbst christlicherseits die Massenlaufen als die natürliche Folge der Unkenntnis der Religiouslehre und der mangelhaften häuslichen religiösen Erziehung betrachtet' hat. Und hätte man nicht jetzt, nach hundert Jahren, wo die jüdischen Gemeinden ihre Autonomie und vollständige Religionsfreiheit besitzen, auch Ursache. über krasse Unkenntnis der Thora wie über mangelhafte häusliche religiöse Erziehung zu klagen? Gewiß! In den meisten jüdischen Landgemeinden sind die konfessionellen Schulen, die viele Dezennien lang äußerst günstige Resultate erzielten, aufgelöst worden, daher die Jugend ohne gründliche Thorakenntnis anfwächst. In der großen Stadt werden allerdings für die Erhaltung der Religions- und Bibelschulen riesig große Opfer gebracht, die meisten Lehrer — wenige Ausnahmen abgerechnet —

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