Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4.< Die Wahrheit. Nr 2 die letztere bei uns zum größten Teil aus Juden besteht und der Führer des städtischen Bürgerelements der populäre Dr. Wazsony ist und, da mit ihm noch einige jüdische Abgeordnete der Regierungspartei, die wie Paul Sandor zufällig Kaufleute find, innerhalb der Partei Stimmung für Aufschiebung dieses Gesetzes machten, das — nach ihren Argumenten — der ganzen Partei den Boden unter den Füßen entziehen ltnd sie der Vernichtung zuführen muß: wurde das Schlagwort vom Antisemitismus ausgegeben. Der gewesene,Obergespan von Komvrn, Geza Kubiuyi, sagte unverhüllt: „Die Stenerrevolte werde nnr von den Juden gemacht. Im Jahre 48 waren die Adeligen die Steuerfrondeure; jetzt sind es die Pajesbesitzer. Trotzdem der Handelsminister Beöthy vor dem Berichterstatter des „Eft" in gemachter Naivität den Spieß umdrehte und meinte „er staune, daß die Inden jetzt die Aufschiebung der Stenergesetze zu politischen Zwecken (?) ansnützen wollen" —^ und dann erklärte — „daß es keinem ernsten Faktor eingefallen sei. in diese Frage konfessionelle Momente hiueiuzntrageu" bleibt der Stimmungswechsel innerhalb der Regierungspartei und der verschüchterte Rückzug derer um Paul Sandor, Heltey, Warady et tutti quanti, ein krankhaftes Symptom für die Zustände, die bei uns herrschen und die Zukunft, der wir eutgegengehen. wenn wir es einmal wagen, anders stimmen oder handeln zu. wollen, als es uns das geradlinige Programm der jeweiligen ParlameNtsmajorität. die uns als mobiles Juventarstück in den Kauf bekommt, apodiktisch vorfchreibt. Daß Männer vom Kaliber des konservativen Grafen Michael Karolyi just bei dieser Gelegenheit ihr jndenliberales Gemüt entdecken und uns mit ihrem toleranten Zuspruch Mut zu weiterem Widerstand einflößen wollen, verschafft uns wenig Trost. Die taktische Toleranz, ans Feindschaft gegen die Regierung diktiert, ist zu durchsichtig, um uns die Abschweukung nach links als Pflicht der Selbsterhaltung und des Selbstbewußtseins erscheinen zu lassen. Unser Platz bleibt, wie die Lage bei uns einmal steht, im Schatten. - Ist es dann noch ein Wunder, wenn unter solchen Umständen die antisemitischen Theorien des Zentrums an der Peripherie in die Praxis übertragen werden und — wie .„Egyenloseg" akteugemäß beweist — Dorfpotentaten und Bezirkspaschas vom Lande mit brutaler Offenheit die Verdrängung des jüdischen Elements ans Berufen und inuegehabteu Aemtern sich zur einzigen Lebensrufgaben machen! Und unsere Kräfte? Die werden auf beiden Seiten durch den von den Neologen verschuldeten Kulturkampf absorbiert... * Als Beweis der hohen Achtung der sich Inden und die jüdisch-religiösen Institutionen in Italien erfteneu, teilt itns Herr Religionsprofessor Ernst Fränkel folgetides mit: Aus Florenz erfahre ich, daß der dortige Oberrabbiner Dr. Margulies. Ritter des hohen Manritins-Ördens, sich nach Tripolis begeben har. um in hohem Aufträge die Organisierung der israelitischen Gemeinden in Tripolis und der Cyrenaika §u studieren, Anträge zn stellen und ein Landes-Oberrabbinat zu organisieren. Cavaliero Dr. Margulies fuhr bis zur Rhede von Tripolis und, da es Freitag nachmittags war, blieb der Regierungsdampfer bis Samstag abends nach Ausgang des Sabbathes liegen, daun fuhr er erst in den Hafen ein! Cavaliero Dr. Margulies wurde mit den höchsten Ehren wie ein Erzbischof empfangen. Der Kommandant von Lybien, die Spitzen der Behörden begrüßten ihn. Das ist der Geist des freien Italien, so beginnt Italien in Tripolis seine ethische Kulturarbeit. König Viktor Emanuel hat auch schon, den Tempel in Florenz besucht. Er wurde von dem Rabbinate und dem Vorstände feierlich empfangen und als nach Oeffnung der heiligen Bundeslade der Oberrabbiner die Thora in die Hand nahm und das Gebet für den König und die königliche Familie sowohl hebräisch wie italienisch sprach, kamen dem König die Tränen in die Augen. Er ließ sich die Thora aufrollen und erklären, verlangte einen Schofar zn sehen,, zeigte sich über die Situation merkwürdig orientiert und sprach über Jerusalem, das er als Kronprinz bereist hatte. .' ( Im Sommer, wo die königliche Familie oft in Florenz weilt, ist Cavaliero Dr. Margulies wiederholt zum. König berufen worden. Der illustrierte. Fremdenführer der Stadt Florenz bringt unter den Sehenswürdigkeiten den Monumentalbau des israel. Tempels. Vor kurzem ist der hochgeachtete 82jährige Advokat und Rechtslehrer der Hochschule Dr. Finzi in Florenz schwer erkrankt und im Tempel wurde ein öffentlicher Gottesdienst für seine Genesung abgehalten. Das ganze Haus war v o l l e r C h ri st en, die andächtig dem Limud für ihren alten Freund beiwohnten. Mein Schwager, Herr Arnolds Salzer, der seit 40 Jahren in Florenz lebt, kann nicht genug die freiheitliche Gesinnung der Italiener r ü h m e n. * Aus Rußland kommen höchst betrübende Nachrichten. Die Einzelheiten, die man über die Massenansweisnngen von Inden hört, sind erschreckend. Wenn es auch nicht wahr ist, daß, wie ein englisches Blatt gemeldet hat, die gesamte Nikolajewer Judenschaft, 25—30.000 an der Zahl, die Stadt verlassen muß, so sind es doch jedenfalls dort Tausende, die der Ausweisung anheimfallen sollen. Am traurigsten geht es aber in den Dörfern zu, wo die Betroffenen nicht einmal die nötige Zeit bekommen, um in einiger Ordnung zu einem neuen Wohnort zu gelangen. In dem Kreis Dnbno, wo zweihnndertsiebzig Familien dem Exil ausgesetzt sind, wird den Unglücklichen höchstens eine Frist von zwei Wochen, meist aber nur von drei Tagen gewährt. Die jüdischen lokalen Vertreter, die sich an Kokowzow mit einem Bittgesuch gewandt haben, weisen darauf hin, daß tausend Kinder damit ans die Straße gesetzt werden. Auch aus dem Kreis Kremenetz und zahlreichen anderen Orten kommen ähnliche Klagen. Es gibt dabei kein Gesetz mehr. Inden, die sogar seit über dreißig Jahren in den betreffenden Dörfern ansässig sind,, wurden nicht geschont. Kurzum, die Bnreaukratie im gesamten südwestlichen Rayon ist in Bewegung gesetzt, um die Juden, die auf-dem Lande wohnen, aufs äußerste zu schikanieren und.-an den Bettelstab zn bringen. Jüdische Friedensliebe. Das kostbare Gut der Menschen im allgemeinen und Israels insbesondere ist der Friede. Rach dem Aussprüche der Weisen beruht die sittliche Weltordnnng auf drei Säulen, auf der Wahrheit, dem Rechte und dem Frieden. (Abot I. 18). Nur in Kreisen, wo der Friede herrscht, wo die Menschen sich gegenseitig brüderlich behandeln, liebevollumfassen, wo der Eine den innigsten und anfrichligsten Anteil an dem Geschicke des Anderen nimmt, ist nicht nur ein geistiger, sondern ein materieller Aufschwung möglich, denn das was dem Einen abgeht, sucht der Andere durch seine ihm innewohnenden Kräfte zu ersetzen. Hasom gewuleck sckolaum „Herrscht an deinen Grenzen der Friede chelew chittim. jasbiach, so wirst du dich des blühendsten Wohlstandes erfreuen." In Kreisen aber, wo die Menschen unausgesetzt beneiden, hassen, verdächtigen und verunglimpfen, bekämpfen und verfolgen,- da ist weder ein geistiger noch ein materieller Aufschwung denkbar, da muß vielmehr alles verkümmern, zugrunde gehen. Friede kann aber nur dort herrschen, wo die Menschen für den Glauben der Väter in hohem Maße begeistert sind, unter allen Umständen und in allen Verhältnissen ihres Leben fest und unerschütterlich au Gott glauben, auf ihn vertrauen. „Wenn ihr nach meinen Gesetzen wandelt, meine Gebote beobachtet^ so sollt ihr euch des blühenden Wohlstandes erfreuen u. s. w. Friede wird in eurem Lande herrschen, so daß ihr ungestört die Ruhe genießen werdet, ohne einen feindlichen Ueberfall befürchten zu müssen. (3. M. 6.),, Und der Prophet Jesajas ruft aus: Wechol bonajec ir^de Adonai. „Sind alle deine Kinder frühzeitig in der Lfs' Iottes unterrichtet und für den. reinen geläuterten GottesA^chen erwärmt und' begeistert worden" weraw scholom bonajich, dann herrscht stets unter deinen Kindern der tiefste Friede. Ein ans den Frieden beznghabender Ausspruch nuferer Weisen läutet: „Nur um den-Frieden in der Welt zu schaffen