Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063676--08261-3075413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
, Redaktion, nnd Sldministration: Wien, H/, Novaragasse 27 Lelevhon: Redaktion 5509|IV. Unabhängige Iertfchrift für jüöische lAernasprei»: Ganziätnig . ... . t< 1*.— valdiiidria.K . 7.— Administrarion 4938/11. ft. k. üsterr. Postsvarkajsa- Schect-ftonlo 9h'. 100.918. Interessen. Fiir Stiiltii?bfiiinhr: Inserate: Die viermal gesvatteu- Nonpareille-Zeiie 2ö Heller. Erscheint jeden Ifreitng. F»r Ausland: AbonnemeiuSnnd Jnjerlions- >Ä»„<«iaV> i«.S M»rk betröge nn» in' Wie» zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Dottes iet Wahrheit!“ fi oder US Art». Wien. 10. Jänner Inhalt: Aus der Woche. — Jüdische Friedensliebe. — Konstituierung der Wiener Kultusgemeinde. — Zwei Unvergessene — Vergessene. — Verschiedene Nachrichten. — Publikationen des österr.-ungar. Kantoren-Vereines. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit." Abonnements-Einladung. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Jänner 1913 begonnene 1. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes ißeine Hlnterbrechnng erleide. —- Probenummern gratis zur Versügung. ■■ —-■■■■■ Ans der Woche Vor wenigen Tagen hat der neugewählte Wiener Bürgermeister Dr^ W eißkirch n er vor dem versammelten Gemeinderat in die Hand des Statthalters von Niederösterreich Baron Bienerth den Eid ans die Staatsgrnndgesetze geleistet, in welchen deutlich und' klar die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ausgesprochen wird. Mit welcher Beschränkung für uns Juden diese Gleichberechtigung von der antisemitischen Stadtverwaltung bisher aufgesaßt wurde, das haben wir in den letzten zwei Jahrzehnten wiederholt am eigenen Leibe gespürt, aber auch der Regierung war dies nicht unbekannt geblieben und daher die Mahnung des Statthalters an den Bürgermeister, daß der Gemeinderat bei Erfüllung seiner Aufgaben sich nicht von parteipolitischen Gründen, sondern nur von Rücksichten auf das Wohl der Gemeinde leiten lassen dürfe. Es ist zur Genüge bekannt, daß von jüdischer Seite ausgehende Wohlfahrtsaktioneu, die mit der großen Allgemeinheit auch den Juden zugute kommen sollten,' auf-den Widerstand der Rathausgewaltigen stießen, nnd wir brauchen nur ans die großen Hindernisse hinzuweiseu, auf welche die Aktivierung der hochherzigen Rothschild-Stiftung für Nervenkranke gestoßen ist. Aehnlich ist es in letzter Zeit der Wiener Knltusgemeinde bei der Suche nach einem Platz für das. Kinderspital ergangen. In der Brigittenau, wo man ursprünglich die Errichtung plante, setzte sich der antisemitische Bezirksausschuß in feindliche Positur und als man später mit dem. Hofärar wegen Ankauf der Wasserwiese des Augartens Verhandlungen -pflegte, stieß auch dieses Projekt ans eine sehr lebhafte Agitation der christlichsozialen. Kreise. An allerhöchster Stelle wurde diese Haltung allerdings nicht gebilligt nnd so hatunser vielgeliebter Kaiser in seiner unendlichen Güte und Gerechtigkeitsliebe ein Machtwort gesprochen, indem er bei der Audienz des Bürgermeistersdemselben die Mitteilung machte, d a-ß:d nr ch die g eplaute Errichtung des. Kind erspitales aus der Wasser wiese des An garte ns der Charakter desselben als öffentlicher Erholungsort nicht tangiert werde. Hiemit ist selbstverständlich jeder weitere Widerspruch der Christlichsozialen ausgeschlossen und die Intentionen hochherziger Stifter, die kranken Kindern reichen Segen bringen sollen, werden baldigst verwirk-? licht werden können. Zn dieser durch kaiserliche Gnade erfolgten, überaus glücklichen Lösung der Platzfrage des Kinderspitales ist die Wiener Kultusgemeinde und insbesondere ihr unermüdlicher Präsident Dr. Alfred Stern, der dieser Angelegenheit stetige Sorge znwandte, wärmstens zu beglückwünschen. * * Ans Budapest wird dem „Israelit^ folgender Situatiousbericht mitgeteilt: Wir leben in abnormalen Zeiten. Das Land ist von einem Ring mobilisierter Feinde umschlossen und in den Mauern herrscht der grimmigste Bruderkamps. Im politischen Parteileben ist die Gegnerschaft zu Ende; man steht sich in erbitterter Feindschaft gegenüber. Es gibt nur ein einziges Ziel: den andern zu vertilgen. Im Parlament wird steberhaft gearbeitet; Gesetzentwurf nach Gesetzentwurf erledigt; ohne irgendwelchen nennenswerten Widerspruch wird die Last des steuerzahlenden Staatsbürgers bis zur Erdrückung gehäuft; die ausgesperrte Opposition fanatisiert die Masse von — außen und wartet mit grimmiger Ungeduld auf den Tag des Gerichts, wo den jetzigen Machthabern die blutige Rechnung präsentiert werden. Die Atmosphäre ist mit Zündstoff überfüllt. Ein blitzender Funke und ein verheerender Feuerbrand wälzt sich mit rasender Gier und tosender Gewalt über weite, breite Kulturen. Ist es da kein herostratisches Beginnen, wenn in der großen Regierungspartei — die eingestandenermaßen ihre ganze Macht der kompakten Masse der sie blindlings unterstützenden jüdischen Wählerschaft zu danken hat — antisemitische Stimmen erklingen und Schlagworie ins Volk getragen werden, die geeignet sind, die überreizte Nervosität des Volkes in einen allgemeinen Angriff gegen uns ausznlöien. Ursache für diesen Frontwechsel war die große Agitation der Stüdtebevölkernug gegen die vom Fiuanzminister und der Regierung eingebrachte Stenernovelle. In Abwesenheit der ferngehaltenen Opposition, bauend aus die akute Indolenz nnd blinde Pgrreidisziplin der eigenen Anhänger hat die Negierung ihren Stenergesetzentmurf im Parlament durchgepeitschl. Unter allen Ständen, die von diesem Gesetz, getroffen wurden, war es die städtische Bürgerschaft und vor allem, die Kaufmannschaft, die in dieser Krisenzeit ohnedies ein verkümmertes Dasein fristet, der durch das Gesetz ein Todesstreich versetzt werden sollte. Da