Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S :Die> Wahrheit Nr. 1. tränen das-Meer begrüßten, -schier fassungslos ^,I?lialatta!.“ - riefen, so Haben viÄe begeisterüngsfähige jüdische. Jünglingeder Religion entfremdet, aber instinktiv znm Judentum zurückstrebend - und mit modernen Kulturgedanken in dessen Dienst tretend, das ^Land" als Weg der Rettung entdeckt und zur politischen Parole gemacht. 'Das ältere, in der historischen Ueberliefernng niemals wankend gewordene Geschlecht, wie die religiös gesiniite Jndenheit überhaupt, hat diese Entdeckung nicht gebraucht, hat' aber unverkennbar den Impulsder Jugend aus sich wirken lassen. Das Interesse für das heilige Land, ist in allen - Schichten der Judenheit heute mächtiger als:! je; religiöse, humanitäre, archäologische und historische Bestrebungen konkurrieren miteinander.. Viele finden aber auch, daß die Schaffung eines großen jüdischen Zentrums in der alten Heimat — ohne daß man dadurch das nationale Judentum zum religiösen in einen Gegensatz zu bringen braucht -— in der Eutwicklungslinie der neuesten jüdischen Geschichte liegt und alle dahin zielenden Unternehmungen ein Segen für die Gesamtheit find. Wie Jakob, nachdem er zwanzig Jahre bei Laban gedient und sich als Vater ein großen Kinderschaar sah, die Frage an sich stellen mußte:;,Wann werde ich eigentlich für mein eigenes Haus sorgen?" so findet sich die Judenheit gerade in der neuesten Zeit in ihrer unübersehbaren Verbreitung und Zersplitterung, in ihrer Zerstreuung durch alle Weltteile und Knlturgebiete, in ihrer auszehrenden Anpassung an so viele fremde Nationen, vor die Frage gestellt, ob nicht endlich die Konzentration ihrer geistigen Energie in einem eigenen Lande die Verankerung des Judentums in der Wirklichkeit bedeuten würde. Nachdem das Ghetto mit seinem weltfremden, aber in sich geschlossenen und gefestigten jüdischen Leben aufgehört hat. muß irgendwo ein neues zentrales Reservoir entstehen, ans welchem Lebenskraft in die sonst absterbenden Glieder stießt. Für alle diese Reflexionen war Muße genug, bis das Schiff endlich zu der Stelle gelangte, wo unzählige Barken, von heulenden und schreienden arabischen Ruderern, Hoteldienern und Kommissionären gefüllt, auf den Wellen schaukeln und den vom Dampfer herabkletterndeu.Paffagier mit seinem Gepäck zur beschwerlichen und mitunter aufregenden Fahrt ans Land übernehmen. Das Landen mit dem Bot in Jaffa ist wohl die größte Unannehmlichkeit, die man bei einer Palästinareise in Kauf nehmen muß. Das Meer war an dieser Stelle schon im Altertum besonders gefürchtet. Josephus Flavins schildert im ..Jüdischen Krieg" die zerklüftete, steil abfallende Küste von Jaffa, das keinen Hafen hat und in dessen Nähe oft Schiffe an den Klippen zerschellen. Die Bootsleute besitzen jedoch eine erstaunliche Gewandtheit und je vier oder sechs kräftige Kerle lenken sie bei bewegter See das wild sich emporhebende und jäh hinuntergleitende Fahrzeug durch die sich türmenden Wellen. Der Reifende lernt manchmal erst während dieser ungemütlichen Viertelstunde das Gebet des Jona verstehen: „Du warfft mich in die Tiefe, in das Herz des : Meeres; der Strom umgibt mich, Deine Brandungen und Wogen ziehen über mich hinweg." Eine eigene Barke war mir vom k. k. österr.-ung. Vizekonsulat in Jaffa mit besonderer Freundlichkeit entgegengesandt worden. Ein Beamter war zur Begrüßung auf den Dampfer gekommen und der Konsulatsdiener (Kawaß) stand in'Amtstracht dienstbereit. Ich hatte dies dem liebenswürdigen Entgegenkommen des Freiherrn Alexander, v. Mus ulin und anderer hoher Funktionäre des k. k. Ministeriums des Aeußeren in Wien zu verdanken, welche sich' für meine Studienreise lebhaft interessierten und veranlaßt hatten, daß meine Ankunft in Voraus vom Ministerium den Konsulaten in Empfehlungsschreiben avisiert wurde. Dies bot n. ä. die willkommene Erleichterung, ohne jede Formalität. — keine Paßvorzeigung, keine Zollrevision — unter respektvollen Grüßen der türkischen Funktionäre in die Stadt zu gelangen. Sogar der'norddeutsche Reisegenosse konnte diesmal vom Dreibund den Vorteil ziehen, in meiner Begleitung hinter dem mit Sabel voranschleitenden österreichischen Kawassen ohne Revision und Beanstandung zu passieren. Wir. begaben, uns zu Fuß in das Hotel Kaminjtz.' Der Weg führt durch die. sehr'-'engen.' schmutzigen Gaffen: der Alt-> stadt, die einen unerfreulichen, Kontrast zum blauen, schönen,/ wenn auch -unruhigen/MeereHilden. Wie. viel hätte, die Türkei sich/selbst materiell uud moralisch genützt, wie sehr hätte sie ihr Ansehen und dern Berkehr' des Lalides gehoben./wenn-/sie diese wichtige Eingangspforte Palästinas, diese anfblühenöe Seestadt, welche gegenwärtig.einen'Export im Werte von etwa.25 Millionen Kronen und 'einen Import von /etwa 16 Millionen Kronen vermittelt, etwas würdiger, ausgestattet, wenn sie moderne.Hafeneinrichtungen und Straßen erbaut und. aus Jaffa eine Stadt wenigstens wie Port-Said gemacht hätte! Die Zahl. der Einwohner ist in den letzten 15 Jahren von 1,7.000 auf' ungefähr 50.000 gestiegen, aber die Altstadt/ die den Fremden zuerst empfängt und in der der Handel und die Behörden ihren Sitz haben, ist noch immer ein uuzivilisiertes, asiatisches Nest und die neuen, freundlichen Stadtviertel sind nur durch Selbsthilfe der Einwanderer, an ihrer Spitze von Inden, unter passiver Resistenz, wenn nicht aktiver Behinderung seitens der Behörden erbaut' worden. Benjamin von Tndela hat im Mittelalter (im .12. Jahrhundert) ans seiner Reise durch Palästina in Jaffa nur einen einzigen Inden angetroffeu. Wie das Land wüst, so war die Hafenstadt ganz in Verfall bis ins 19. Jahrhundert. Erst vor etwa 70 Jahren ist die gegenwärtige jüdische Hanptgemeinde (der Sephardim) begründet worden. Der erste Rabbiner hieß merkwürdigerweise Jehuda Halevi. Eine starke jüdische Einwanderung begann um das Jahr 1882 und jetzt wird die jüdische Bevölkerung auf 10.000 Seelen geschätzt. Der Ort wurde zu einem Mittelpunkt für die neuen Kolonisalionsbestrebungen — die jüdischen Kolonien Judäas befinden sich in der Nähe — und mehr als an irgendeinem Orte Palästinas haben hier Selbsthilfe, Fleiß und freier Unternehmungsgeist kulturelle. Werte geschaffen, den Erwerb des Einzelnen gefördert und teilweise das Erziehrmgswesen vorwärts gebracht. Zwei Talmud-Thoras und Beth-hamidrasch-Anstalten sorgen ausgiebig für einen ganz in alter Weise erteilten Bibel- und Talmud-Unterricht. Daneben erhält die .Alliance Israelit© Universelle eine moderne Knabenschule (174 Schüler) und der Verband der Zionssreunde '. in. Rußland eine in nationalem Geiste, geleitete Mädchenschule. Jli den letzten Jahren kam als größte und interessanteste Erziehnugsaustalt das rein nationale, jetzt von 400 Schülern und Schülerinnen besuchte Hebräische G y in n a s i n m hinzu — auf welches ich noch zu sprechen kommen werde — und, um dem Geist der religiösen Indifferenz entgegenzuwirken, welcher, in-dieser Anstalt herrscht, wurde von streng-religiösen?dültschen - Judeii . die hebräische Mittelschule „Tachkemoni“ begründet (mit einem; gut geleiteten Kindergarten verbunden), welche von 200 Schülern : besucht wird. Das rege, moderne Leben und der eifrige Wettkampf' der Anstalten haben aber noch lange nicht die veralteten Cheder- Lehrmethoden verdrängt, die. weltfremde und . unwissende „Graboiin“ aus Frömmigkeit in der großen Talmud-Thora (Schaare Thora) erhalten en müssen glauben., In der sechsten Klasse dieser Anstalt, fand ich 12 bis 13 jährige Knaben, die in der Hauptsache nichts als Talmud lernen, daneben ein wenig ' Hebräisch und Rechnen. Ich prüfte sie in dem gerade dnrchgenommenen Anfang des Traktats Maba Mezia" und sie wüßten ' ziemlich gut über psoa btaiön pöö ltitb die juristischen Finessen in den Aeußerungen des Ben N'anos und des Symmachos zu schwierigen Streitfällen. Auskunft zu geben. In der höheren Klasse studierten die armen Jungen das t a l m u d i s ch e E rb- : recht ans dem Traktat Baba Bathra. Für das Leben nützliche Kenntnisse erwerben sie nicht, obwohl unsere Weisen selbst sagen, daß Thora ohne Erwerbsfähigkeit keinen Bestand habe miriko nbtss naiD ro*6ö nöjr: paw: Ans der untersten Stufe lernen vierjährige, blasse, ungepflegte Kinder angeblich Hebräisch lesen, indem sie wie. im dunkelsten Galizien in einer mitleiderregenden Weise damit' geplagt werden, statt die^ Laute zu' merken, die unverstandenen Namen der Buchstaben.^Lamed! Resch!) dem Lehrer nachzuschreien. ..... ,... Der orthodoxe Rabhjner von . Jaffa, den ich - besuchte,. . Rabbi Ab rah.alü'Jfä-ak Kuk, igab 'Mir 'zn, daß diese'M'ekhöde. -?-WllkMmen,vexWt.'fst-./A.ber'WsiHin^ - Hai bis jetzt noch nicht. ansgereicht, hier. Wandel -'zu? .schaffen.