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Die Wahrheit · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahr-heil Sette 7. Nr. 1 -l-u/Rabbiner A. J. Kük ist eine ganz merkwürdige Erscheinung.' «Er ist nicht nur einer der größten Talmndisten, sondern zugleich -einer - der--tiefsten-Denker) und voruehmsten/Geister der zeitgenössischen Judenheit. Er überragt bei iveitem die .Meisten.-artho- 'doxen . Rabbiner in Europa/ dabei sind von ihm zahlreiche, -ethische Abhandlungen erschienen, die. ebenso gut Professor Hann Sttzinihal geschrieben - haben könnte. - Bon wahrem religiösen . Sinne erfüllt („Die Religion", schreibt er an dieser Stelle, „ist die'. Poesie des Lebens/ -der' Schöpfung, alles Daseins, und die Poesie ist das durchdringende, intuitive Erfassen der Dinge"), rst-er dabei von einer.weitgehenden Toleranz. Er weiß selbst int' Denken und Wirken der Nichtreligiösen, der Ketzer, das Edle nnd Humane hervorznsuchen, und bemüht sich, jeder fremden 'Anschauung gerecht zu werden. Henri Bergson weiß sicherlich nicht, daß ein frommer Rabbiner in Palästina in hebräischen Essais seiner Philosophie der Intuition sehr nahe gekommen ist. Die größte Sehenswürdigkeit von Jaffa ist seit ein paar Jahren die hebräische Villenkoloniel'sl-^.^iw, ein ganz moderner, hauptsächlich von russischen, für das nationale Leben in Palästina begeisterten Inden erbauter, schöner, sauberer Stadtteil, in dessen 'Mittelpunkt sich der imposante Ban des hebräischen Gymnasiums befindet. Diesen hat ein englischer Jude, ein Freund der Anstalt, -errichtet. Das Gymnasium war eine kühne Idee einiger akademisch gebildeter, russischer, junger Juden, die sich einem hebräischnationalen Unterricht widmen wollten. An ihrer Spitze stand Dr'. M e t m a n - C o h e u, der Naturwissenschaften studiert hat nnd Lehrer der Botanik wurde. Als einer der eifrigsten und -erfolgreichsten Agitatoren kam dann Dr. Benzion Mossinson hinzu, der Bibel unterrichtet. Es galt, alles neu zn schaffen, 'Lehrkräfte heranzuziehen. Lehrpläne zu entwerfen, das Vertrauen weiter Kreise der Jndenheit — namentlich in Rußland — zu gewinnen, vor allem Geldmittel zu finden. Das Unternehmen gelang wider Erwarten, wenn es auch noch in vielfacher Beziehung. verbessernngsbedürftig ist. Die Anstalt hat jetzt acht .Kläffen und vier Vorbereitungsabteilnngen. nimmt bei einem Budget von etwa 80.000 Frcs. jährlich 50.000 Frcs. an Schulgeldern ein und erhält das Uebrige durch verschiedene Subventionen. Ich habe dem Unterricht durch fünf Stunden in fünf -verschiedenen Fächern beigewohnt: in Bibel, Weltgeschichte, -Gedgraphie, LateinJind Botanik. Alles wird in hebräischer Sprache unterrichtet. Die Schüler und Schülerinnen (es ist das Moödükatiöussystem' eingeführt, was nicht mit Unrecht voll vielen Seiten als. Fehler betrachtet wird) sprechen in der Schule und in der Stadt nur diese Sprache. In der Lateinstnnde in der 'l. Klasse horte ich Vergil hebräisch erklären. Vor so vielen Jahren, in meiner Gymnasialzeit hatte ich mich in Mußestunden mit der metrischen Uebertragung griechischer und lateinischer Verse ins -Hebräische befaßt und einige Versuche sind später im Druck erschienen. Auf einmal, hat also, was vor ein paar Jahrzehnten Mie eine Spielerei schien,, einen praktischen Zweck erhalten. Ob das etwa zweckmäßig oder unsinnig ist, entscheidet nicht immer der Verstand, manchmal einfach die Zeit. -rrojr na -jöT.n nw'. . Gegenüber der Schule ist ein Kiosk, in welchem hebräische. Leitungen und Ansichtskarten feilgeboten werden. Die Verkäuferin spricht hebräisch.. Man geht durch die Straßen und liest deren Namen auf den Schildern: die eine heißt „Jehnda halevi", die andere „Theodor Herzl", die dritte ..Haschachar", die vierte „Benjamin Rothschild" (nach Baron Edmund Rothschild, dem mnnifizenten Förderer der Kolonien in Palästina).. Alle Auf- -fchriften. und öffentlichen Ankündigungen sind natürlich nur Hebräisch/ Auf dein Omnibus, der zwischen Jaffa und Tel-Awiw -verkehrt, werden hebräische Fahrkarten ausgegeben. - Was bebeutet .Tel-Awiw-? Theodor Herzl hat vor zehn Jahren einen Roman j,Altnenland" geschrieben, worin er —- wenn man will, als Märchen — die erhoffte nationale Wieher? gebnrt-in Palästina schilderte. Man übersetzte den Roman ins Hebräische und wählte als.Titel.eine: in der Bibel vorkommende Bezeichnung eine „aufblühende Ruine". Als man' nun.Hie Villenkolonie, anlegte und ein Stück von, dem. Roman pachte ziir.'greifbarem,Wirklichkeit wurde,, wählte mau denselben - Titel als. Namen des-Ortes. So wurde ans einem politischen Gedanken ein dichterischer.Traum und, der Traum — wenigstens teilweise — ein Leben. ‘ ) ' Mariahilfer Tempelverein. Prompt und pünktlich wie immer hat sich auch heuer die Generalversammlung des Tempelvereiites für Mariahilf und Neubau am vorletzten Tage des ablaufendeu Jahres eingestellt nnd bot jenes -erfreuliche Bild opferwilligen Zusammenwirkens von Vorstand und Mitgliedern, das man bei. diesem Eliteverein zu bewundern gewohnt ist uitd das denselben auch in stets fortschreitender Entwicklung erhält. Ein besonderes Gepränge erhielt die Versammlung noch durch die überaus herzliche« Ovationen, die dem langjährigen Mitgliede nnd Gönner des Vereines, Herrn Salo C o h u, der zumeist als Vertreter des Knltusvorstandes den Generalversammlungen dieses Vereines beiwohnt, anläßlich feines vor kurzem begangenen 70. Geburtstages bereitet wurden. Mit gewohnter Munifizenz brachte Herr Salo Cohn seine Sympathien für den Verein durch eine Widmung von 10.000 K zum Ans druck. Im nachstehenden der Bericht: Präsident Dr. Engel konstatiert die Beschlußfähigkeit der Versammlung und apostrophiert dieselbe mit folgenden Worten: „Vor Eingang in die Tagesordnung obliegt mir die Ehre, den Präsidenten der Chewra Kadischa, Herrn Salo Cohn, als delegierten des Knltusvorstandes zn begrüßen. Ihn heute in unserer Mitte zu sehen, freut mich umsomehr, als dieser wackere, von uns allen so hochverehrte Mann vor kurzem in unberufen vollster Frische seinen 70. Geburtstag begangen hat. Herr Salo Cohn ist gewissermaßen die Inkarnation des jüdischen Herzens, das er mit seltenem Edelsinn stetig betätigt. Unzählige Unglückliche hat er glücklich gemacht, tausende von Tränen getrocknet, Niedergesunkene anfgerichtet.Huugerige gespeist. Frierende bekleidet — ein ganzes Register von Wohltun. Dafür weiß ihm jeder Jude aufrichtigen Dank und wohl alle verbinden wir uns in dem Wunsche, daß es der Vorsehung gefallen möge, diesen ausgezeichneten Menschen und Inden noch viele, viele Jahre bei vollstem körperlichem und geistigem Wohlbefinden zu erhalten, zur Freude seiner Familie, zum Wohle seiner Glaubensgenossen, zur Ehre der Gemeinde und des gesamten Judentumes." (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) ' Herr Salo Cohn: „Ich danke herzlichst für Ihren warmen Empfang nnd für die mich so. ehrenden Worte des Herrn Präsidenten. Ich hatte die Absicht, meinen 70. Geburtstag in strengster Zurückgezogenheit zn begehen und diese Absicht auch dnrchgeführt. Nichtsdestoweniger hat die reizende Adresse, mit welcher Sie sich meiner erinnerten, mich außerordentlich erfreut. Es war mir auch immer ein besonderes Vergnügen, als Vertreter der Knltnsgemeinde in diesem Kreise zn . erscheinen. Im Leben des Einzelnen wie der Gemeinden ist eine gesunde Finanzgebahrung die sicherste Grundlage der Existenz. Diesen Grundsatz haben Sie in Ihrer mnsterhaften Verwaltung stets befolgt nnd damit die Traditionen Ihres unvergeßlichen ersten Präsidenten fortgesetzt. Ihr Streben nach Unabhängigkeit und Ihr Vertrauen in die eigene Kraft mußvon jedermann anerkannt werden, auch im Knltnsvorstande, wo Sie für Ihre eventuellen Wünsche einen ausgezeichneten Vertreter in Ihrem Präsidenten besitzen. Nehmen Sie nochmals meinen besten Dank entgegen." (Lebhafter Beifall.). Nach Verlesung des Protokolles der letzten Generalversammlung durch den Schriftführer Herrn August Fisch el begrüßt der Vorsitzende die erschienenen Gäste und erstattet hierauf, folgenden Rechenschaftsbericht: „Geehrte Generalversammlung! Der Bericht über das abgelaufene 38. Vereinsjahr bietet ein Bild ruhiger steter Entwicklung des Vereines. Was den Mitgliederstand betrifft, . so traten wir mit einer Anzahl von 290 in das Jahr 1912. Von diesen sind zu unserem tiefsten Bedauern 14 Mitglieder im Laufe. des Jahres gestorben, 7 ansgetreten, hingegen' 13 Mitglieder beigetreten, so daß wir heute 282 Mitglieder zählen. . Eine tiefbetrübende reiche Ernte hat der unerbittliche Tod unter, unseren Mitgliedern gehalten. Mir betrauern dey Heimgang der .Herren Josef Barkan, Siegmnnd Beer, Moritz Beier,,

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