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Die Wahrheit · 1912-12-27 · Heft 50 (27.12.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 50 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 50. . Die Wahrheit_Seite 11. Die Tage der Uorseit. Vorr Babette Fried, Prag. .; (Fortsetzung.) Nicht so arg", meinte Mina mit einem Versuche zu Lächeln. Sie haben einfach Hunger, und Hunger ist der beste Koch. Also, jetzt erzählen Sie." „Morgen wird bei Sommer in Drahobit Hochzeit gefeiert. Das Mädchen, dessen Ränke meinen David vertrieben haben, heiratet nach Prag, bekommt einen angesehenen Mann, einen Ehrenmann in des Wortes schönster Bedeutung. Wo bleibt die waltende Gerechtigkeit?" „Das also hat Sie derart aufgeregt, Herr Borgstein? Lassen Sie nur den lieben Gott wirtschaften. Der weiß schon, was er tut. Daß sie nicht Ihren David zum Manne bekommt, ist schon Strafe genng für sie. Das Schicksal dieses eitlen Mädchens ist mir gleichgültig, und sollte es auch Ihnen sein." Auch mich kümmert es wenig. Ich habe nur gelegentlich diese Bemerkung gemacht. Der eigentliche Grund meiner Aufregung ist ein ganz anderer. Heute Vormittag ist ein Bote ans Drahobit zn mir gekommen/ mit der Aufforderung, morgen in meinem Narreukostüm dort zu erscheinen, um der Braut nach alter Weise vor dem Bedecken das Kallelied zu singen und dann bei der Festtafel für die Unterhaltung der Gäste zu sorgen. Man werde es mir gut bezahlen." ,>Sie haben doch nicht zngesagt, Herr Borgstein", rief das Mädchen ganz erschrocken. „Ich habe zngesagt, mit schwerem Herzen, aber dennoch. Der Winter ist vor der Türe, ich habe keine Feuerung im Hanse, bin den Zins schuldig, und wenn Du, gutes Mädchen, mir nicht aushelfen würdest, so könnte ich gar oft hungrig zu Bette gehen. Die Verdienste sind jetzt schlecht. Bei vornehmen Hochzeiten nimmt man jetzt selten den Narren, da setzt man sich über diese altertümliche Gepflogenheit hinweg, und bei gewöhnlichen Hochzeiten trägt die Narretei nicht viel ein. Es ist mir auffallend genug, daß in einem so noblen Hanse, wie Sommers, noch ans einen Narren reflektiert wird. Umsoweniger kann ich den Verdienst ansschlagen. Vielleicht bringt mich das wieder in Mode," so schloß er in bitterer Selbftirouie. „Ich wäre aber doch dafür, daß Sie lieber ans dieses Geld verzichten, als sich gerade vor diesen Leuten zu erniedrigen. Tun Sie es mir zu Gefallen, und sagen Sie ab. Lassen Sie sich einfach mit einem plötzlichen Unwohlsein entschuldigen." „Das geht nicht. Ich habe mein Wort gegeben. Wie mir dabei zu Mute war, hast Du selbst gesehen." „Wenn Sie nicht anders wollen, so gehen Sie. Aber den Narrenanzng lassen Sie zu Hanse. Fahren Sie in Ihrem sauberen schwarzen Anzug, mit einem anständigen Hut, wie ein .Hochzeitsgast." „Ja, das werde ich, daran habe ich auch schon gedacht." „Also, wenn Sie sich dazu einmal entschlossen haben, so -gehen Sie guten Mutes. Vielleicht wird Ihnen dieser Weg aus Ihren Nöten Helsen. Ich hätte zwar gerne das letzte hingegeben, um Ihnen das zu ersparen, aber da Sie nicht anders wollen, so nehmen Sie sich zusammen, daß Sie morgen was 'Rechtes leisten. Vielleicht hilft Ihnen das zu manchem anderen Verdienste. Wenn man Sie zu Sommers berufen hat. so wird es zn anderen Hochzeiten, die in der Gegend gefeiert werden, auch geschehen; ba§ wissen Sie, nach denen richtet sich alles hier hennm. Die sind tonangebend." IH. Die Trauung war auf ein Uhr Mittags augesetzt. Pünktlich war Salmele Narr in Drahobit angelangt ntrd von der bereits anwesenden Hochzeitsgesellschaft mit Jnbet begrüßt worden. Zwar gab es eine allgemeine Enttäuschung, als er die Fiedel unter dem Arme, aber in seinem gewöhnlichen Anzüge einherkam, statt wie sonst in altdeutscher Tracht; kurze, Lllge Beinkleider, über dem Knie mit einer bunten Schleife befestigt, lauge schwarzseidene Strümpfe und Schnallenschuhe, auf dem Kopfe das dreieckige barettartige Häubchen Schon dieses Narreukostüm wirkte belustigend ans die Anwesenden, und paßte so gut zu seinem Metier, es wirkte so belustigend, noch ehe er den Mund zu einem Spaße ausmachte. Der Brautvater war ihm entgegengekommen und bot ihm die Hand zum Gruße. „Seien Sie mir willkommen Rebb Salme, als lieber Gast, auch dann, wenn Sie nicht in der Stimmung waren, durch ihre Dichtungen zur Erheiterung der Gesellschaft beizutragen, was ich begreiflich fände." „Als Gast bin ich nicht geladen worden und auch nicht hergekommen, sondern als Narr, um durch meine Späße die Hochzeitsgesellschaft zum Lachen zn bringen." Sommer führte den Alten in eine Fensternische, wo sie ungestört sprechen konnten. ..Es geschah eigentlich gegen meinen Willen, daß man Sie herbeigerusen, lieber Borgstein, wie so manches andere ohne oder gegen meinen Willen geschehen ist." „Lassen wir das Vergangene ruhen, Herr Sommer! Geschehenes läßt sich nicht mehr ungeschehen machen." „Das aber muß ich Ihnen sagen: Ich habe Ihren Geist und Ihr Wissen immer hochgeschätzt, und an mir lag es wahrlich nicht, wenn sich das Schicksal so, und nicht anders gestaltete. Mir hat Gott, gelobt sei er, die Freude des heutigen Tages beschiedeu. Hoffen wir zn ihm, daß er auch ihr Herz aufrichte." Resigniert schüttelte Borgstein das Haupt. Nun, geben Sie nicht alle Hoffnung ans. Alles ist möglich. Wenn ich aber indessen etwas beitragen kann, daß sich ihr Leben heiterer gestalte, soll es gerne geschehen. Was kann ich für Sie tun?" „Nichts." „Also nichts. Wie Sie wollen. Aber um eines möchte ich Sie bitten. Bei der Hochzeit meiner Tochter unterlassen Sie den üblichen Firlefanz. Ich kann mich in Ihre Gefühle hineindeuken und ich wünschte nur, Sie könnten oder wollten verstehen, was in meinem Herzen vorgeht." „Wenn Sie es nicht wünschen, so werde ich keine Narrenspossen machen; aber das gestatten Sie mir doch, Herr Sommer, daß ich die ernste Aufgabe des Hochzeitsnarren erfülle, der Braut vor dem Bedecken etwas vorzusingen, und sie an die Pflichten, die sie übernimmt, zn gemahnen." Fast unwillig antwortete Sommer. „Eigentlich wäre es mir lieber, wenn auch das. unterbliebe. aber ich denke mir, daß es Ihnen für die Zukunft schaden würde, so soll es geschehen, wie Sie es wünschen." IV So war es Mittag geworden. In einem dunkelgrünen Kleide aus schwerem Seidenstoff mit Myrthenkranz und langem Schleier geschmückt, sowie dem kostbaren Perlenhalsbande, dem Brautgeschenk des Bräutigams, saß Klara Sommer ans dem Deckstnhle umgeben von den Unterführerinnen und den weiblichen Hochzeitsgästen, sowie aller jungen Mädchen des Ortes und der Umgebung. Im Nebenzimmer befanden sich die Herren mit dem Bräutigam, und war daselbst auch der Trauhimmel vorbereitet. Bald sollte der Rabbiner kommen und die Trallungszeremonie! mit dem Bedecken der Braut mit dem grünseidenen^ mir langen; goldenen Fransen gezeigten Decktuche beginnen, wobei er den biblischen Priestersegen sprach. Strahlend in Schönheit und reichlichem Schmuck saß die jugendliche Braut da. und ihr noch unverhülltes Gesicht blickte mit siegreichem Lächeln umher, als wollte sie sagen: „Welche von Euch, Ihr Frauen und Mädchen, könnte sich mit mir messen? Welche nimmt eine Stellung ein gleich mir?" Da trat der Narr mit seiner Geige vor die Braut. Schon die ersten Töne des offenbar von Künstlerhand geführten Bogens machten alle Zwiegespräche imSaale'verftummen. (Fortsetzung folgt.)

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