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Die Wahrheit · 1912-12-27 · Heft 50 (27.12.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 50 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr, 50 aut-b bann glaube er, daß die Leute, die das Kinderspital oder Äas Ambulatorium dasetbst aufsnchen 'werden, kaum eine Krone -für den Arzt übrig haben. Von ber Affaire Mayersohn würbe' -H' gesprochen, als ob sich der Vorstand mit derselben vom Standpunkte ber'Anklage beschäftigt hätte. Das ist niemals bet Hall gewesen. Es wurden nur verschiedene Wünsche vorgebracht, die, ohne dem Rabbiner wehe zu tun, ans freundschaftlichem .Wege werden ausgetragen werden. Kais. Rat Weil erinnert, daß er wiederholt in früheren Hahren in der Budgetdebatte die Errichtung eines Kinderspitales angeregt habe. Damals wurden er und Kollege Dr. Maxim. Steiner als Utopisten betrachtet. Aber vielleicht haben doch ihre Anregungen Anlaß zum Nachdenken gegeben und so zur Hnwendnng der Stiftungen für das Kinderspital beigetrageu. -Heute möchte Redner ans die Frage der Ausgestaltung der Kinderhorte Hinweisen, der die Kultnsgemeinde zu wenig Aufmerlsamkeit znwendet. Jüngst hat ein Schulmann, Neligjonsschnlinspektor ^Professor Kanitz, in einer Bersammlnng eine Schilderung der durch. H.n'nmlnngern verwahrlosten Jugend entworfen, die jedem .Zuhörer ans Herz griff. Redner empfiehlt daher, diese Angelegenheit der ständigen Fürsorge der Kultnsgemeinde. S. Brod spricht über den Jngendgottesdienst und hält es für zweckmäßig, wenn die Obmänner der Tempelvereine und die Mitglieder der Bezirksvertretungen veranlaßt würden, ihre 'Wahrnehmungen beim Jngendgottesdienste behufs Verbesserung desselben und Abstellung zutage tretender Uebelstände dem Kultnsvorstande mitznteilen. Dr. Markus Spitzer ist besonders von dem warmen Indischen Ton, der ans dem Bndgetreferate klang, befriedigt und man hat sogar heute ein jüdisches Zitat in demselben gehört. .Hoch anznschlagen ist auch das Verdienst des Präsidiums, das der Gemeinde zum erstenmale seit dem Jahre 1874 wieder einen eigenen jüdischen Friedhof erwarb. Der jüdische Charakter desselben möge aber in Zukunft aufrecht erhalten werden. Redner fühlt sich auch verpflichtet, dafür einzntreten, daß auch für Arme Gedenksteine gestellt werden, daß' die Gräber nicht verfallen und daß selbst bei dem Aermsten der Armen die Würde des Menschen gewahrt werde. Unter Anerkennung der Leistungen der Gemeinde auf dem Gebiete des Unterrichtes, des Gottesdienstes und der 'Wohltätigkeit, für 11)614)0 das Wort gilt: en lohem schir, sie kennen keine Grenze, erklärt Redner, für den Vorschlag zu stimmen. Präsident Dr. Stern konstatiert, daß die Verwaltung und Gebahrnng. des gegenwärtigen jüdischen Friedhofes auf dem Zentralfriedhöfe vollkommen in den Händen der Knltnsgemeinde liege nnd niemals sei von irgend einer Seite verflicht worden, ihr in diesem Belange etwas dreinznreden. Nicht so verhalte es sich mit der israelitischen Abteilung auf dem Döblinger Friedhöfe, die nichts weniger als jüdisch sei. Sie ist nicht eine Institution der Kultnsgemeinde sondern der Kommune. "Dies müsse öffentlich festgestellt werden. Nach einem kurzen Schlußworte des Referenten wird Hierauf der Voranschlag pro 1913 en bloc angenommen. Die Konservativen in Deutschland und der Antisemitismus. Die Konservativen kehren, indem sie parteioffiziell erklären, "baß der antisemitische' Charakter der-Partei nicht abgeschwächt werden dürfe, nur — um ein Wort Stöckers zu gebrauchen — zu ihrem „gesegneten Anfang" zurück. In der Tat ist die Partei von ihrer Gründung an eine entschiedene Gegnerin des Judentums gewesen, allerdings zunächst ausschließlich aus religiösen 'Motiven; konservativ nnd evangelisch-orthodox waren und sind rja auch heute noch vielfach synonyme Begriffe. Die „Krenzztg." hat sogar die Geschmacklosigkeit bekundet, in ihrem Gedächtnisartikel am 50 jährigen Todestage des Begründers der konservativen Partei als beweiskräftigsteil Zeugen für die Berechtigung des antisemitischen Tivoliprogramms Friedr. Jul. Stahl anzuirnfen; er könne „am besten unseren.Judenparagraphen erläutern". sucht sich in seiner im vorigen Jahre erschienenen Biographie Stahls' über die unbequeme Tatsache, daß man in „spottender Ironie oder mit bedeutungsvollem, fast mitleidigem Lächeln" auf die jüdische Abstammung des Begründers des konservativen Partei hingewiesen habe, mit einigen leeren Redensarten hinwegzusetzen (S. 8): „Wir sind stolz darauf, daß ein Mann jüdischer Herkunft das Christentum in seiner weltbesiegenden. Größe ebenso in sich allfnahm, wie er später begeistert die konservative Idee verkündete. Wenn nur mehr Juden in diesem Sinne deutsche Christen werden würden! Unser Jndeuparagraph würde dann bald überflüssig werden." Herr Jordan v. Kröcher, der frühere Abgeordnetenhaus- Präsident, hat in einer Wahlrede bei Erwähnung des 60jähr. Todestages des Begründers der Partei über den Konsesiionswechsel Stahls den rüden Witz gemacht, Stahl sei zwar Jude gewesen, später aber „zur Vernunft gekommen". Auch Stöcker hat anfangs noch das religiöse Moment bei feinen Angriffen gegen das Judentum in den Vordergrund gestellt. In einer Predigt über den Bibeltext: ..Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" wandte er sich zornig gegen die christlichen Judenmissionäre, die das „Jndenvotk" wegen des kostbaren ethischen Kernes ihrer Religion umschmeichelten; der einzig richtige Ton sei „der. Ton der Büßpredigt", da das Judentum nur bestrebt iei, „die Christen um ihre Religion zu betrügen". Später allerdings ließ der geriebene Demagoge aus taktischen Gründen das religiöse Moment in der Versenkung verschwinden und argumentierte folgendermaßen: „Die Jndenfrage ist für mich keine religiöse Frage, keine Rasfenfrage, seitdem die völlige Emanzipation eingetreten ist, auch keine staatsrechtliche Frage mehr, sie ist eine sozial-ethische Frage. Ich stehe in dieser Beziehung ganz auf dem Standpunkt des Abg. Bachem." Man sieht, damals schon waren Zentrum und Christlichsoziale, die sich heute allenthalben bei den Reichstagsnnd Landtagswahlen ans Gedeih nnd Verderben znsammenschließeu, wenigstens in der Judenfrage ein Herz und eine Seele. Die alten Führer der Partei bereiteten Stöcker bei seinem ersten Auftreten gegen die Inden begeisterte Ovationen, v. Kleist- Retzow trat, wie Hermann v. Petersdorf in seiner anziehenden Kleistbiographie schildert, warm für Stöcker ein. Als Stöcker die Jndenfrage anfrollte, war Kleist-Retzow voll Erstaunen, daß diese eine solche Resonanz im dentschen Volke fände. Er meinte zwar, daß die Bewegung mit vielen bösen Gedanken untermischt sei, aber doch auch, daß der Gedanke, christlich-germanisches Leben neu zu. pflegen, dabei in den Vordergrund trete, und hoffte, daß sich daraus eine tiefgehende Erneuerung emporarbeiten würde. Später hat Herr v. Hammerftein. der Chefredakteur der „Kreuzztg.", wie Julius v. Eckardt in seinen im vorigen Jahre erschienenen Erinnerungen mitteilt, auf den Vorhalt, daß der Antisemitismus doch eine höchst unsittliche Bewegung sei, mit den zynischen Worten geantwortet: „Sie mögen nicht ganz unrecht haben, wir aber können den Antisemitismus nicht entbehren." (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Predigt im Le ovold st ä d t e r Tempel.) Herr Rabbiner Dr. I. M. Bach wird am Freitag Abend, den 27. Dezember d. Jahres im Leopoldstädter Tempel eine Predigt hallen. Wien. (Bortrag ans jüdischer Geschichte. Literatur und Kultur.) Donnerstag, den 2. Jänner 1912 */,8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieurnnd Arckitekten-Bereines, I. Eschen» bachgasse 9, ein Bortrag des Herrn Professor Dr. Franz.Op p e nh eimer ans Berlin statt. Thema: „Jüdische Rasjenprobleme." Eintritt frei, ohne Karten. Wien. (Zwanglose Z nsamm enkün fte in Wohltätigk e i t s s a ch e n). Angeipornt durch den Erfolg der erste» zwanglosen Zusammenkunft und dem Wunsche zahlreicher Institutionen und Persönlichkeiten entsprechend, derartige Versammlungen in der Folge periodisch zu veranstalten, hat die Zentralstelle für das jüdische Armenwesen die zweite Zusammenklmst am 14. Dezember l. I. im Sitzungssaale der Kultusgemeinde abgehalten. Abermals war eine große Anzahl von Delegierten Die, Wahrheit.. Geile 9. . Auch Herr Dr. Kropatschek, der Chefredakteur des „Reichsboten" und Sohn des verstorbenen .,Krenzztg."-Chefredaktenrs^

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