Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-12-27 · Heft 50 (27.12.1912) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 50 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063673--08236-3075387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sflti—60V - -Die Wahrheit Delle 5 Skribent, der du nicht einmal Duldung predigst, geschweige denn Liebe, du willst eine innere Stimme haben, ja vielleicht eine, die-Wkenrufe von sich gibt und-durch krächzende, heisere Rabenrufe charakterisiert ist?" Ich denke, derart dem Chamberlain zu begegnen, wäre nicht unangebracht gewesen. Aber dann hätte es keines gelehrten Apparates und keiner dickbändigen Bücher bedurft, und wozu ist man denn Professor der Philosophie und Herausgeber der geachteten Zeitschrift von „Nord und Süd?" Doch genug und vielleicht zuviel über Chamberlain und Stein. Wie sich Chamberlain und sein Anhang groß dünken als Weltweise, so auch jene, die angesichts der türkischen Mißerfolge im gegenwärtigen Kriege tiefgründig deduzieren, nur der Fatalismus der Türken sei schuld daran. Für. die, welche eine so verschrobene Ansicht besitzen, hat Carlyle umsonst gelebt und also geschrieben: „Islam, wir müssen uns Gott unterwerfen. Unsere ganze Stärke liegt in demütiger Unterwerfung unter ihn, was er an uns auch tun möge. Für diese Welt und für die andere! Das, was er uns sendet, sei es auch Tod und Schlimmeres als Tod. soll gut, soll am besten sein, wir ergeben uns in Gottes Willen. — „Wenn das der Islam ist, leben wir dann nicht alle im Islam?" sagt Goethe. Ja, alle, die wir irgend ein moralisches Leben führen, leben so. Ich sage, das ist noch heute die einzig wahre Moral, die man kennt. Islam bedeutet in seiner Weise Selbstverleugnung, Selbstentänßernng. Das ist noch immer die höchste Weisheit, die der Himmel nuferer Erde offenbart hat." Soweit Carlyle. Es ist also klar, das Gefühl menschlicher Ohnmacht und Abhängigkeil den ihn umgebenden Schicksalsmächten gegenüber erfüttl gleicherweise alle Religion, durchzieht unter dem Fachwort Determinismus die Spinozistische Philosophie und herrscht bei Weisen wie bei Toren. Und doch hat dieser Glaube nnd diese Theorie von der Notwendigkeit alles Geschehens nnd deren Unentrinnbarkeit nochkeinen Menschen, er sei Philosoph oder gläubig, daran gehindert das Nichtige zu tun, das Unzweckmäßige zu lassen, wenn er in Drang und Not des Lebens gezwungen war, nach bester Einsicht unter den Motiven eine Auswahl zu treffen; dasselbe gilt von allen Menschen, sie seien Kongoneger, Juden, Christen oder Türken. Das Flache einer solchen Begründung der türkischen Niederlage liegt somit klar zutage. Vielleicht wirft die folgende Behandlung etwas mehr Licht auf dies Problem. Ich halte die Türken für ein Naturvolk, wie es unsere Vorfahren in Palästina waren. Wenn ich die alten Juden als Naturvolk bezeichne, so will das nicht besagen, daß sie etwa Wilde waren. Es verhält sich damit gerade so, wie mit dem so oft mißverstandenen Ronsseauffchen „Zurück zur Natur!" Dieser Weise ans der Eremitage bei Paris verstand darunter keineswegs einen Rückfall in den Naturzustand, sondern eine Umkehr von der sogenannten Kultur, eine Rückkehr zur Natur, zu größerer Einfalt der Sitten, zu einer natürlichen Lebensweise. Anch die Inden hatten trotz hoher Geifteskulturkeine eigentliche Kultur in diesem Sinne. Mochten die Römer die Phalanx des großen Alexander und dessen Strategie noch so sehr ansbilden, noch so kunstvolle Wasserleitungen nnd Straßen bauen, eine Mahlzeit des Lukullus so und so viele Millionen Sesterzien kosten, mochten sie Vomitivmittel nehmen und sich erbrechen, um mehr-fressen zu können, die Inden verschmähten den raffinierten Luxus einer solchen Kultur, sie vernichteten mit natürlicher Tapferkeit unter Bar Kochba eine Legion um die andere, um erst dann zu unterliegen, als der Gegner jeden Nerv anspannte liub mit erdrückender Ueberwacht anstrat. Tiefe Religiosität, imponierende, stolze Männlichkeit rühmt mau-vom heutigen Türken ebenso wie man sie vom alten Juden rühmen konnte. Welch Wunder, daß beiden das nämliche tragische Schicksal begegnet! Man wandere nur durch die Zentren der gegenwärtigen Kultur, durch die Straßen unserer Großstädte! Wird man nicht bald entdecken, wie herrlich weit wir es gebracht? Diese engen Straßen sind vom Antomobilranch und Hnppengedröhn, vom Klingelgezetter der Elektrischen, von Lnftkot nnd anderem Unrat erfüllt, die Arbeiter nnd Bureanbeamten schwanken mit blassen Gesichtern und gebeugten Schultern dahin. Das ist Eitere Kultur, wohl könnt ihr stolz darauf sein! Rühmt euch nur des Sieges, den das Kreuz über den Halbmond errungen! Aber, ist«»« tekel! Denkt an die Römer, denkt daran, daß es Völker gleichwie Individuen gibt, die in dem tollen Neigen nicht mittun wollen, - die keine Kultur annehmen, keine haben wollen, weil die Kultur vielmehr uns hat. weil es sie nicht verlangt, aus freien Menschen Knechte einer solch verrotteten Zivilisation zu werden, denkt an die Römer, sage ich, und daran, daß die Ueberwundenen von heute morgen eure Ueberwinder werden können. S. Vinet a. DerzHanshalt der Wiener Dinllns gemeinde. .Der bisherigen Gepsiogeuheit entsprechend, gelangte auch Heuer der Voranschlag für das nächste Jahr in der letzten öffentlichen Plenarsitzung des ablausenden Jahres, die Sonntag, den 22. Dezember stattfand, zur Beschlußfassung. Das Referat erstattete Vertreter Dr. Leopold Ko h n, der ein übersichtliches nnd klares Bild der gesamten Gemeindegebahruug entwarf und mit seinen fesselnden Darstellungen sich den Dank und die Anerkennung des Kultusvorstandes erwarb. Im Nachstehenden der Bericht, in dem wir infolge des großen Umfanges des Budgelreserates die nachfolgende Debatte leider nur ganz kurz skizzieren können. Nach Eröffnung der Sitzung nnd Konstatierung der Beschlußfähigkeit teilte der Vorsitzende, erster Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, mit, daß der Präsident Dr. Alfred Stern infolge Teilnahme am Leichenbegängnisse des Waisenhauskurators Dr^ Leopold Libitzky erst im späteren Verlaufe der Sitzung erscheinen werde. Hieraus hält der Vorsitzende dem Samstag, den 21. Dezember verstorbenen Gelehrten Hofrar Professor D. H. v. Müller folgenden _jMachruf „Vor Ueb^rgang zur Tagesordnung obliegt es mir, eines Tranersalles zu erwähnen. Hosrar Professor D. H. v. Müller, eine Leuchte der Wissenschaft, eine Zierde der Gemeinde und des Judentums, ist gestern gestorben. Mit Rücksicht ans seine bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen nnd auf seine stets bekundete Treue und Anhänglichkeit zum Judentume, werden wir alle dem Heimgegangenen, der kurz vor seinem Ende durch die Gnade Sr. Majestät in den Adelsstand erhoben wurde, ein ehrendes Andenken bewahren. Sie haben durch Erheben von den Sitzen Ihre Zustimmung zu dieser Tranerknndgebnng erteilt und werden gewiß auch einverstanden sein, daß dieselbe der Witwe des Heimgegangenen zur Kenntnis gebracht wird." Eduard und Rosa Gottlieb-Stiftnng. Im Einlaufe wird Folgendes bekanntgegeben: Der am 16. Dezember 1912 verstorbene, zuletzt Wien, •I, Biberftraße 3, wohnhaft gewesene Herr Eduard Gottlieb hat in seinem Testamente ddto. Wien, 8. Mai 1911, angeordnet: „Da mir bekannt geworden ist, daß die israel. Kultnsgemeinde in Wien beabsichtigt, ein Kinderspltal oder Siechen heim in Wien zu errichten, so verfüge ich, daß mein gesamter, legatssreier Nachlaß der von mir hiermit errichteten „Eduard und Rosa Gottliebschen Wohltätigkeitsstislung" zur Errichtung eines Pavillonsin dem von der israel. Knltnsgemeinde in Wien zu errichtenden Kinderspitale oder Siechenheime mit der Bezeichnung: „Eduard und Rosa Gottlieb-Pavillon" zu verwenden ist und setze ich hiemit diese Stiftung zur Errichtung eines „Eduard und Rosa Gotrlieb-Pavillon" in dem zu errichtenden Kinderspitale oder Siecheuheime zu meiner Erbin ein. Sollte das Kapital znr Errichtung nnd Erhaltung eines solchen Pavillons nicht sogleich hinreichen, so ist dasselbe so lange srnktisiziert anznlegen. bis das Kapital zusammen mit den angewachsenen Fruktifikaten znr Errichtung und Erhaltung eines i solchen Pavillons hinreicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.