Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-12-27 · Heft 50 (27.12.1912) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 50 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063673--08235-3075386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Stile 4. Die Während bis dahin andere Gelehrte nur zaghaft gewagt hätten, die von MellHanse11 - ausgestellte Theorie von dem j u li ge 11 Ur sp r ü n ge gewisser Teile des Pen täten ch - aNziigreiseu, zerschlug David Heinrich Müller diesen wissenschästlichen Götzen mit dem kraftvoll geführten Beweis, daß gerade viele Vorschriften dieser b i b 11 \ ch e n P a r t i e n fast identischen Inhaltes seien mit dem schon im grauen Altertum entstandenen „Kodex Hammurabi", wobei er noch als Resultat seiner vergleichenden Studien die epochale Feststellung machen konnte, daß die vielgerühmten Gesetze der Tafeln in Rom auf ein semitisches Vorbild zurückzuführen seien. Müllers „biblische Studien" ' sowie seine umfangreichen Abhandlungen über die Propheten führten diesen uralten Gebieten jüdischer Forschung neue Kräfte zu. wobei es allerdings dahingestellt bleiben möge, ob sein Schmerzenskind, „die Stropheniheorie", nach .seinem Tode zur allgemeinen Anerkennung sich wird dnrchriugen können. Müllers Stellung in der nichijüdischen Gelehrtenwelt wird zu verschiedenen Vergleichen Veranlassung geben; vom Standpunkte der jüdischen Wissenschaft wäre er vermöge des genialen Fluges seiner Kombinaiion. sowie der gleichzeitig überwältigenden. niederdrückenden Wucht seiner Argumente als Sprachforscher mit zwei anderen, dem vorigen Jahrhundert angehörenden gleichgearteien Psadweiseru auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Philosophie zusammen zu gruppieren, mit Rapoport und K r o ch m a l: ein D r e i g e st i r n. d e s s e n L i ch t nicht sobald im Iud en tume erlöschen wird! Chamderiains Gsettzelmch, Kismet. Zwei Dinge, die freilich wenig mit einander gemein haben und welche ibre barock anmntende Zusammenstellung lediglich Äußeren Gründen verdanken, zunächst dun Umstande, daß ich eben beide Themen behandeln möchte. Alludings stehen alle Dinge in näherer oder entfernterer geistiger und physischer Verwandtschaft und kann man selbst Vettern vierten Grades in ein Bett hineinzwäugen, ohne gerade die brutale Methode des seeligeu Prokrustes auweuden zu müssen. Ganz ohne Gewaltsamkeit ist die Sache aber, wie leicht voranszusehen, nicht zu Ende zu führen. Chamberlain, der spekulative Dilettant, der sich trotz seines Autodidaktentums und wie er selbst behauptet, just wegen desselben für einen genialen Philosophen hält, erfreut sich nicht nur der Wertschätzung Kaiser Wilhelms gleichwie jener des Antisemitismus sämtlicher Schatlierungen, sondern — o heillose Tragikomik! — auch die jüdischen Professoren Stein und Jerusalem erblicken in ihm, wenngleich einen Gegner, so doch einen Achtung heischenden ^Denker., für alle Fälle aber einen Denker. Nun. das gibt zu denken. Ich mag nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt, davor zurückschrecken, das Kind beim rechten Namen zu nennen; mit der angeborenen Farbe der Entschließung spreche ich es gelassen aus: weit, sehr weit sann unter Umständen jüdische Entwürdigung, unmännliche Schmeichelei reichen! Als Chamberlain sein Kantbuch in die Welt gesetzt, schrieb Jerusalem in die Hardensiche Zukunft, er habe viel daraus gelernt, Stein produzierte zur Feier eben dieses Anlasses einen Essay um den andern. Es sollte mich sehr wundern, wenn auch jetzt, da Ehamberlain nun wieder ein Geisteskind ausgetragen, die beiden Helden nicht zu Gevatter stünden, wenn nicht bald deren Fanfaren und Fanfaronaden zur Begrüßung ertönten, erschmetterteu. Ich bin kein Fanatiker, im Gegenteil ziemlich tolerant -gesinnt und doch schwelge ich in der Vorstellung einer dereinst kommenden Zeit, in welcher man . trotz erreichter Humanität, oder gerade um dieser Humanität willen einen Moloch errichtet, damit er derartige mißratene, Kinder der Muse in glühendem Feuer fresse. Hei, wie Moloch grinst, wie Kant- und Goethebücher winseln, hei, wie übertönt das Gejammer, Trompetengeschmetter anderer Flötisten, als Jerusalems^ und SteinsII , Chamberlain hat nach 7 Jahren -n-sast-an das. Hyraz'sche „Nonumque prematur in arinum“ erinnert dies —. und Wabrheu. Nr. 50. während 7 Jahre, ein „Goethebnch""verfaßt, . ivorftl er beut ait? geblichen Feind Goethes, Heine, und dem wirklichen, erklärten Widerfächer der-'!Weimarft'chen Exzellenz. Boerne,: ordentlich' den Text'liest. - Nietzsches Meinung. ist bekanntlich d i e, die Natur nehme über die Masse der vulgären Menschen einen Umweg, um zu einzelnen, großen Individuen zu gelängen. Chamberlain umtanzt in weitem Bogen Heine und Boerne, spnckl älnd geifert, freilich in vergeblichem Bemühen, denn der Speichel erreicht kaum die Sandalen -dieser Heroen, und stürzt sich plhtzlich in schweifwedelnder Adoratimi vor die Füße Goethes. Heine'und Boerne sind also für den Rassetheoretiker der Umweg zu einem salto mortale vor Goethe. Heran Stein und Jerusalem, applaudite amici! * Ich habe mich nie entschließen können, eine Zeile von Chamberlain selbst zu lesen, kenne ihn aber leider sehr genau ans der riesig angeschwollenen Chamberlainliteratnr. Die intimste Kenntnis über ihn verdanke ich Stein und Jernsalem. Ich halte es in diesem Belang mit Herbert Spenzer, der es nicht über sich vermochte, Kants Kritik der reinen Vernunft zu studieren, da er gleich auf den ersten Seiten die Idealität von Zeit und Raum behandelt fand, eine Ansicht, die ihm gegen den Strich gieng. Da die Grundlage des Werkes ihm brüchig erschien, lehnte er ab, dessen höhere Stockwerke zu erklintmeu. Anbei bemerkt, habe ich nie begreifen können, wie man sich gegen die Großtat des Königsberger Denkers Zeit und Raum für unreal zu erklären, ablehnend verhalten könne. So verschieden veranlagt sind wir Menschen! Wie aber hätte ich ein Buch zur Hand nehmen können, von dem ich von vorneherein wußte, daß es den „verlogenen Rasseschwindel", die Rasse, damit also dünkelhafte Ueberhebung und Haßaposteltum znm Ansgangs- und Zentratpunkt seiner Philosophasterei habe? Stein erzählt in seinen „philosophischen Strömungen der Gegenwart", der Dentschengländer nehme sich gar keine Mühe, seine Thesen zn beweisen, oder irgendwie logisch mundgerecht zn machen, er berufe sich auf das Gefühl in seinem Busen, ans eine innere Stimme, ja geradezu ans etwas Aehnliches, wie den Genius des Sokrates. Als Sie diese Stellen wiedergäben, Herr Professor Stein, da wallte lodernder Unwillen nicht in Ihrem Herzen ans, da erhöhte sich die Temperatur Ihres' Fischblutes nicht um den zehnten Teil eines Fahrenheitsgrades, Ach nein, Sie ironisierten nur leichthin und meinten, Chamberlain forme den bekannten protagoräischen homo rnensura-Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge", um in: Der Mensch, die augenblickliche und jeweilige Stimmung dieses Menschen ist das Maß aller Dinge, dann schreiten Sie gleich mit Eifer daran, Ihren Liebling von dem Vorwurf reinznwaschen, als ob der Unsinn, Christus sei Germane gewesen, von ihm herrühre. O, Herr Professor Stein, da hätten Sie ganz anders verfahren müssen. Ich will Sie's lehren, wie; nämlich ungefähr so hätten Sie schreiben sollen: „Ans Ihre ganzen Rasserodomontaden, lieber Chamberlain, genügt es, das Wort Papst Leo X. zn beziehen: Quantum nobis nostrisque haec fabula de Christo profuerit, notum est! Zn deutsch: Wieviel dieses Märchen von Christus uns und den Unseren genützt hat, ist allbekannt. Hier also das Nassenmärchen. Wenn du es aber wagst, du philosophischer Dilettant oder dilettierender Philosoph, den Geist eines der edelsten Menschen, der je diese Erde bewohnte, zu beschwören: wenn du dich unterfängst, dich ihm zur Seite zn stellen, so erfordert. dies energische Abwehr. Plutarch in seinem Fragment „Ueber das Dämonium des Sokrates" läßt einen, Philosophen namens Simmias sich über diese Materie wie folgt äußern: „Die Reden der Genien gehen bei allen nngehört vorbei und erschallen nur in solchen Menschen, die ein ruhiges Temperament und ein leidenschaftsloses Gemüt haben und die wir deswegen mit Recht heilige und göttliche Menschen nennen. Ja, ein heiliger und göttlicher Mensch war Sokrates, seine Tngendlehre bildet einen Markstein in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes, er rüttelte das leichtlebige, siniiensrohe Völkchen der Griechen ans,- rief es zur. inneren Einkehr und wirkt, nachdem er als Blutzeuge für seine Ueberzeugnng gestorben, noch heute -fort,, sollte dies wenigstens tun.. ' Aber, du -elender

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.