Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 49 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Leite A. Nr. 49.. Die Tage der Uorzeit. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Trotz der mehr als einfachen Einrichtung der Stube .waltete doch eine musterhafte Reinlichkeit und Ordnung darin. Alles war an seinem Platz, kein Stäubchen war zu erblicken. 'Man sah, daß eine sorgsame Franenhand hier waltete. Jetzt aber befand sich der Alte allein in der Stube. Es war Abend, aber nichts wies darauf hin, daß er zu Abend gespeist hatte oder es tun werde. Da klopfte es leise an die Tür, und da der Alte es nicht zu hören schien, immer lauter und lauter, sodaß er endlich aits seiuem düsteru Hinbrüten geweckt wurde und sich zur Tür.wendend rief! „Wer ist da?" „Machen Sie nur auf, Herr Borgstein, ich bin es, die Minna." . Schwerfällig erhob sich der Gerufene von feinem Sitze, um den Riegel wegznschieben. Er war hochgewachsen; doch etwas nach vorn gebengt. Seine Züge verrieten viel Intelligenz und Herzensgüte. Selbst der herbe Schmerzenszng um feine Lippen tonnte dies nicht verwischen.. „Haben Sie geschlafen, lieber Herr Borgstein, daß Sie mich so lange klopfen ließen?" „Geschlafen nicht, mein Kind, aber ich war in traurige Gedanken versunken." „Das sollen Sie nicht; Sie sollen sich aufraffen." „Wie kann ich das, er war doch mein einziges Kind." „Sie werden sehen, er kommt wieder", tröstete Minna. Traurig schüttelte Borgftein das Haupt. „Nie mehr werden ihn meine Augen Wiedersehen!" „Vielleicht doch. Gerade Ihre unablässige Trauer um den Verschwundenen läßt mich hoffen, daß er noch lebt; denn was die Erde bedeckt, das vergißt man mit der Zeit oder der wilde Schmerz verwandelt sich mit der Zeit insanfte Wehmut. Aber nur um den Verlust Lebender kann man sich nicht trösten." „Du denkst an Vater Jakob, mein Kind, der ebenfalls -keinem Trostgrunde über den Verlust seines Sohnes Josef zugänglich war, weil dieser noch lebte, aber das ist etwas anderes. — Aber, was führt Dich zu so später Stunde noch her, Minna?" „Mutter kochte heute eine so gute Erbsensuppe zum Nachtmahle und da sagte sie zu mir, ich möge Ihnen davon zu kosten bringen, da Sie doch gerne etwas Warmes zum Nachtmahl haben." „Ihr seid beide so brav zu mir, wo ich es doch nicht um Euch verdient habe." „Lassen Sie schon die alten Sachen ruhen, Herr Borgstein!" „Wie kann ich? Die Reue nagt an mir, wenn ich bedenke, wie schön es hätte werden können, und wie glücklich wir alle geworden wären, wenn der Hang nach dem elenden Besitze .mir nicht die Sinne geblendet hätte. Jetzt muß ich die Strafe, die Gott mir aufgelegt, tragen, so hart sie auch ist. Gott Lob, daß es mein gutes Weib nicht erlebt hat." Minna schwieg, trotzdem ihr die Entgegnung auf den Lippen schwebte: Sie war ja an allem Schuld; sie hat ja durch ihren un- -gemessenen Stolz das Unglück veranlaßt. Der Alte fuhr fort: „Gott hat in seiner Gerechtigkeit .mich in dem Maße gestraft, wie ich. gesündigt habe: Im Hochmut habe ich das treue, edle Mädchen, zurückgewiesen, weil es mir nicht vornehm genug für meinen vergötterten Sohn war — und durch den Hochmut eines anderen Mädchens ist mein Lebensglück zerstört worden. Das verstoßene Mädchen ist nun in meiner Verlassenheit meine einzige Stütze geworden, der Trost meines Alters. Ich wollte höher hinaus, als es mir zustand, und ich. muß mein Leben damit fristen, daß ich der Welt den Narren abgebe. Das ist mein Ende!" „Nehmen Sie die Sache nicht so tragisch, Herr Borgsteiu! Es gehört ein hoher Grad von Intelligenz und Geistesfrische dazu, immer schöne Verse zu machen und aus dem Stegreife zu dichten. Das muß jeder anerkennen und Sie darob bewundern. Schließlich ist es ein ehrlicher Erwerb und besser, als von Almosen zu leben." „Du kannst schön sprechen, mein Kind, und immer hast du mit deinen schönen Worten meine Bitterkeit verscheucht. Heute aber wird es dir nicht gelingen. Nie zuvor ist mir mein niederer Erwerb so schmählich geschienen, wie heute. Ach. wenn du wüßtest, Mädchen, was mir heute zugekommen ist!" Und wieder bedeckte er sein betrübtes Antlitz mit den Händen. Voll tiefer Teilnahme blickte ihn das Mädchen an. Angesichts des tiefen Schmerzes ihres alten Freundes wagte sie nicht mehr, ein tröstendes Wort zu sprechen. Selbst das Zarteste wäre ihr banal erschienen. Was konnte dem Manne nur zngestoßen sein, das ihn derart erschütterte? So hatte sie ihn niemals gesehen, selbst damals nicht, als er den Abschiedsbrief feines Sohnes erhalten hatte. So war er selbst damals nicht. Ihr anhaltendes-Schweigen wirkte auf den Alten beredter, als es viele Worte getan hätten. Bei diesen hätte er vielleicht in seiner verzweiflnngsvollen Stellung verharrt, diese Stille rüttelte ihn daraus empor. „Du bist noch immer da, Miuua?" „Gewiß, ich muß ja warten, bis Sie die Suppe gegessen haben, die ich Ihnen gebracht. Ich setze mich indessen zum Ofen und dann erzählen Sie mir hübsch, was Ihnen zngekommen ist." „Essen werde ich, denn ich bin hungerig geworden. Die Natur ist ein erbarmungsloser Gläubiger. Sie verlangt unter allen Umständen ihr Recht. Aber erzählen werde ich nicht. Ich schäme mich." . Minna war von ihrem Sitze beim .Ofen aufgestanden. „Also kann ich gehen, Herr Borgstein! Sie haben das Vertrauen zu mir verloren, so habe ich hier nichts mehr zu tun." „Dn bist mir doch nicht böse, Kind?" „Böse nicht, wie könnte ich auch! Aber es tut mir weh, daß Sie mir den Grund ihres Schmerzes nicht mitteileu wollen. Verdiene ich es nicht mehr?' „Doch, doch", meinte der Alte, „bleibe noch ein Weilchen, dann will ich sehen, wie ich es zuwege bringe." Unterdessen hatte Borgstein die ihm von Mina Vorgesetzte Suppe verzehrt und den Teller wegfchiebend, sagte er: „Das hat geschmeckt! Vergeltes Gott, Minaleben, die Suppe war köstlich." (Fortsetzung folgt.) AnstrMe ans dem Judentum. Steiner I. R., Privatbeamter, geb. 1. Februar 1884 in Wien. IX., Mosergasse 10. Schall Heinr., Privatbeamter, geb. 3. Oktober 1877 in Wien. TEIL, Pfeilgasse 34. Bauer Ella, Private, geb. 5. Mai 1891 in Wien. X., Keplerplatz 4. Blau Moritz, Tischler, geb. 11. Jänner 1859 in Szilas-Balkas. IT.,.- Leibenfrostgasse 3. Perl Siegfried, Bankbeamter, geb. 2. März 1880 in Brünn. VH., Bandgasse 29. Klein Mendel, Privatbeamter, geb. 16. Oktober 1887 in Banilla. TU., Nenstiftgasse 53. Neubauer Jakob, Kartonagenerzenger. geb. 31. Oktober 1847 in Knttenplan. TI., Gumpendorferstraße 91. Skutetzky Berthold, Ingenieur, geb. 16. Oktober 1866 in Wien. Bodenbach. Lemberger Fritzi, Privatbeamtin, geb. 20. Mai 1893 in Weikendorf. IX., Liechtensteinstraße 121. _ Hesterr.-rwg. Kanloren-Merein. Die geehrten Herren Mitglieder werden höflichft und dringendst ersucht, die restlichen Beiträge ungesäumt an den Vereins kassier I. Kantor Fr. Jur b erg er einsenden zu wollen. Zuschriften sind an den Präsidenten Oberkantor I. Bauer, H., Novaragasse 27, zu richten. Der Vorstand des „Oeft.-ung. Kantoren-Bereines" Wien.