Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 49 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 49. In Amsterdam machte jüngst folgender Vorfall unliebsames Aufsehen: Bor zirka drei Wochen wurde der neue Monumentalbau der DameukonfektionsfilMa Hirsch & Co., deren Inhaber Inden sind, seiner Bestimmung übergeben und ein Teil dieses Gebäudes - abvermietet an die Weinhändler Ferwerda L Tieman, die in diesem Lokal ein Kaffee-Restaurant großen Stils errichteten. (Miete 28.000 st. pro Jahr.) Um.- ihr Unternehmen nur dem erstklassigeti Publikum zu sichern und dem kleinen, resp. mittleren Bürger den Eintritt zu wdhren, resp. das Wiederkömmen zu verleiden, versielen sie auf die sublime Idee, diese Leute das Doppelte der tarifmäßigen Preise bezahlen zu lassen. Diese Maßnahme richtete sich besonders gegen eine gewisse Klasse Juden. Ein Christ bezahlte z. B. für ein Glas Bier 25 Cents, während von einem Juden 50 Cents verlangt wurden. Diese Einschätzung lag ganz in' den Händen der Kellner und wenn diese ihrer Sache nicht ganz sicher waren, holten sie sich Rat beim Chef. Diese Behandlung wurde auch Juden aus den besten Kreisen zuteil: Die merkwürdige Unterscheidung erregte unter den freien Holländern einen Sturm der Entrüstung, und zwar sowohl bei Juden, wie bei den Christen, die das mit Recht als eine grobe Beleidigung ihrer jüdischen Mitbürger empfanden. Bei den Redaktionen. der Tagesblätter .regnete es „Eingesandtes", auch wurden Protestversammlnngen eiuberufen, so daß sich die Firma Ferwerda & Tieman schließlich zu folgender Erklärung in den Zeitungen veranlaßt sah: - :/Die. Firma Ferwerda & Tieman spricht ihr aufrichtiges Leidwesen über die Tatsache aus, daß sie durch eilte unüberlegte Order,- der. noch durch ihre Untergebenen die meist unerwünschte Ausdehnungi gegeben wurde,, neben anderen. besonders ihre jüdischen Gäste gekränkt hat. Sie erklärt ausdrücklich, daß ihr jede antisemitische Gesinnung vollkommen fremd ist, daß sie das Geschehene als einen ernsten, durch sie gemachten Fehler aufs tiefste bedauert und ihrem Personal die größtmöglichste strenge Order gegeben/hat, , durch die in .Zukunft-jedem Besucher ohne Unter- ' schied eine korrekte Behandlung, widerfahren soll. Die Firma FeMer.da L Co. bietet jedem, der in ihrem Lokal eine kränkende Behandlung empfunden hat, ihre aufrichtige. Entschuldigung an.. Mou anderer Seite wird gemeldet: Die Firma Ferwerda teilt mit, daß sie, um die zu viel gezahlten Gelder zu restituieren- 100 fl. zur Disposition des Niederländischen Israelitischen .Armenvereines stellt. - * * lieber die bereits in voriger Nummer erwähnte englische Protestaktion gegen die russischen Paßschikanen werden dem „Israel.", aus London folgende Details gemeldet: - Bou einer eigentlichen Bewegung gegen die Paßschikaueu, denen ausländische Juden in Rußland unterworfen-:-sind,: war bisher, nur in Amerika und in England etwas zu merken. In. Frankreich hat man es bei der abweisenden Antwort Poiucarss bewenden lassen. In Deutschland und Oesterreich gehöwn die vereinzelte«: Protestler gegen die schmachvolle Behandlung der jüdischen Staatsbürger in Rußland immer noch zu den „professionellen Weltverbeffereru" . . . Während in Amerika die Anwälte des jüdischen Rechtes bei der Regierung der Union volles Verständnis für ihre gerechte Forderung gefunden Und diese, wie allgemein versichert wird, auch unter dem Regime Wilsons daran festhalten wird, dem Handelsvertrag: mit Rußland nur bei Aufhebung, der erwähnten Bestimmungen gegen die jüdischen Reisenden zu erneuern, hat -die englische Regierung in derselben Frage "gleich, der französischen, eine schroff -ablehnende Haltung eiugenommen. Wie erinnerlich, haben die Vereinigten Komitees des Board of Deputies und der Auglo Jewish Association - dem Minister, des Auswärtigen, Sir Edward Grey, ein ausführliches Memorandum überreicht/, in welchem die Uugesetzlechkeit des russischen Standpunktes von allen Seiten eingehend beleuchtet wurde. Auf dieses Memorandum antwortete nun Sir Edward Grey brieflich mit der Erklärung. daß die Regierung die Handelsverträge mit Rußland' bei Ablauf derselben, so zum letzeumale im Jahre 1881 eingehend beraten habe, und daher, jetzt nicht in der Lage sei, die [ damaligen Beschlüsse und .Vereinbarungen nmzustoßen, oder ihnen eine der - tzamaligest'-'entAegEEst^ten Interpretation zu' geben. Dies mußte zur Folge haben, daß der Vertrag nach Ablauf von 12 Monaten-vom Tage einer solchen neuerlichen Deutung gerechnet, als gelöst zu betrachten wäre. Eine solche Wendung würde jedoch sowohl den Interessen derjenigen, die das Komitee vertritt, als auch den allgemeinen britischen Interessen widersprechen, weshalb die Regierung nicht in der Lage sei, die im Memorandum ausgesprocheueu Wünsche zu erfüllen. Auf "einen schriftlichen Einwand des Komitees', daß selbst der Handelsvertrag vom Jahre 1881, der bloß die Freizügigkeit der englischen Inden in Rußland einschränkt, dadurch verletzt erscheine, daß jetzt den englischen Juden selbst der. Eintritt ins Land untersagt ist, replizierte das auswärtige Amt, ganz schroff und kurz, daß es sich auf weitere Diskussionen nicht einlasse und bei dem non possumus verharre. Unter solchen Umständen sah sich das Komitee veranlaßt, sowohl das Memorandum als auch den Briefwechsel mit dem auswärtigen Amte durch. Publikation der weiteren Oeffentlichkeit zur Kenntnis -zu bringen. Aus Odessa wird der „Morning Post" gemeldet, daß das Dekret, das alle Inden aus den Dörfern der südlichen Und südwestlichen Gouvernements anstreibt, jetzt aufs strengste durchgeführt wird. Die drei. jüdischen Deputierten in der Duma werden in Massen -von -Bittgesuchen armer jüdischer Dorfbewohner in den Gouvernements Jekakerinoslaw, Podolien und Wolhynien um ihre Intervention gebeten, damit die Austreibungen wenigstens bis zum Frühjahr verschoben werden. Seit : dem 1. September sind über sechstausend Juden ans Nikolajew : vertrieben worden, und zwar auf Grund eines anderen Edikts. - Diese Juden wohnen in dem nenenHafeu erst seit 1901. Wenn i das. ganze Marineprogramm für das Schwarze Meer ansgeführt - seinwird> sollen auch die noch in Nikdlajew -bleibenden Juden,. : etwa 25.000 bis 30.000 Personen, vertrieben werden.. .- . Kürzlich ging durch die Blätter die Mitteiluug, daß . der i Möuch-Jliodor, der zur Zeit der . letzten Judenpogrome in i Rußland zu den ärgsten Pogromhetzen!: zählte, ans der ortho-! doxen Kirche ausgetreten ist. Nun liegt auch - das Schreiben l desselben au den Heiligen Synodvor, in welchem er. die; russische Intelligenz, das Andenken Tolstois . und das jüdische; Volk um Verzeihung bat und seiuen Abfall von der Orthodoxie' : anknndigte. Es lautet: i -: -- <! -: Millionenreiches orthodoxes-Rußland! Verzeihe mir, daß i ich, Dein früherer eifriger Diener, mich von-Deinem Glauben; lossage, von Deiner Kirche und . von Deinen Erzbischöfen ah?' ' falle. Verzeihe mir, es geschieht/beshalb, weil das, an was- -ich ^früher glaubte, in meinem Herzen erstorben ist. Sogenanntes ungläubiges, nichtorthodoxes, -andersgläubiges und fremdstäm-i; nuges.-Rußland! Verzeihe mir, ich habe Dir viel, viel Böses : zugesügt. Man hat mich gelehrt, daß nur -das russische ^Volkiu Rußland das Recht hat, sich zu Nähren und nach seiner Fasson selig zu sein, den NichtrusseU aber kann man Schläge : ins Gesicht versetzen. Die sogenannte' russische Wahrheitbefahl ' mir, laut-zu'rufen, daß alle ihre Gegner znm Galgen geschleppt! werden müssen. Volk Israel! Leuchte der Welt! Dn verzeihe -mix-ganz besonders. Dich-habe ich am meisten angegriffen' ich- \ habe niemals nach Deinem Blnt. gelechzt,, aber ich wurde.-gegen! dich aufgestachelt, Die Asche der während der Pogrome ge-! töteten Säuglinge quält-mein Gewissen. Verzeihe mir, Du begabtestes und glänzendstes. Volk der Welt! Aufrichtig habe, ich > mich über Dich geirrt, -aufrichtig bekenne ich meine-Schuld.! Du bist deshalb unter, der ganzen- Menschheitverstreut,- damit Du die ganze Menschheitzur Wahrheit führsst Führe nun 1, -Dir ist viel gegegen worden, viel mußt Du leisten. Auch Du, - heilige Aschedes. großen Greises, des prächtigen und-:glänzenden : Leo, verzeihe mir!- Maßloshabeich mich über Dich lustig.-ge-- - macht, ich gab mir Mühe, Dich in den Äugen meiner hlmi gebung zu erniedrigen : und - Deine Lehre lächerlich zu machen. Meine geheime. Vernunft war -mit Deiner Lehre völlig --einverstanden, , aber mein: offener Verstand, der ein Gemisch von J Wahrheit und Lüge bildete,- Mangmich/ Dich, zu beleidigen.-