Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 49 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nub Sldminiftratiou: Wie». II;!, Nvvaragasis 27 , Televdou: Dfebaftiou 5509/1V. «bmintTtratiou 498811. Ä. k. üfterr. Vostsvarkajsa- Saetk-Ronro Nr. 300.918. Inserate: Die viermal gcivallcii-. Roiivareille-Zeile 25 Heller. iitdo»ineuie»lSlind Jii/errioiisbeiräge und in Wien zabloär und klagbar. «abhängige Sertfchnft für jüöifche Intere^e«. KrslKeini jeden Kreilng. IlSotto: „Da-, »Siejfel Mottes ist Wahrheit!“ Aern^sprei»: >,»,j,iirrig - - - K I*. — Halbiiidrig.K. 7.— (Viic NiillnSt'ruiiite: >»r„»!»j,ivrig.K Io - Fiic Vlnslimb: (Uuiijit'iDviu.8 Mark t> Nudel oder Irt Vite». Ur. 49. Wien, 20. Dezember 1912. Inhalt: Aus der Woche.—Max Emanuel Stern. — Aus der Wiener Kultnsgemeinde — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. — Kundmachung. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit." Ans der Woche. Die stetig drohenden kriegerischen Verwicklungen haben überall den wirtschaftlichen Verkehr außerordentlich geschädigt, aber insbesondere in Galizien hat sich die dort obwaltende, chronische, wirtschaftliche Notlage durch eine Reihe akuter Erscheinungen noch wesentlich verschlimmert. Unter der Million Inden in Galizien gehören mehr als 800.000 dem Handelsstande an und es ist zu begreifen, daß diese zuallererst und am allerempfindlichsten von , der über das Land hereingebrochenen allgemeinen Krisis betroffen werden. Die Behörden und Handelskammern, die sonst in Europa in solch schweren Zeiten auf Mittel und Wege sinnen, die aus der Not herausführen, sind in Galizien durch und durch antisemitisch verseucht und bemühen sich, wie es scheint, aus dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der jüdischen Handelswelt Kapital für den polnischen Geschäftsantisemitismns zu schlagen. Die zumeist in nichtjüdifchen Händen liegenden Großbanken gehen in einer ungewöhnlich rigorosen Weisem mit Kreditentziehuugen vor, während die Beamten ihrerseits auf Veranlassung der westösterreichischen Handelskammern die Konkursgesetze so handhaben, daß den gefallenen Geschäftsleuten jede Möglichkeit genommen wird, sich aus ihrem Elende zu erheben. Nunmehr hat die Sache ein Stadium erreicht, daß auch das Parlament nicht mehr stillschweigend darüber hinweggehen kann. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 6. Dezember brachte der Abgeordnete Breiter, der selbst Christ ist, aber stets mit Entschiedenheit für die Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung eintritt, die geschilderten Zustände zur Sprache. Der Redner wies nach, daß das Verhalten der westösterreichischen Handelskammern, die eine strengere Handhabung des Konknrsgesetzes speziell in Galizien forderten, auf antisemitischen Tendenzen beruhte Das Vorgehen der Handelskammern und des Jllstizministerinms, das sich, ihnen willfährig zeige, sei im gegenwärtigen Augenblicke illoyal und unpatriotisch, weil es in der exponiertesten Provinz des Reiches zahlreiche Opfer der Kreditnot treffen müsse; nach seiner vollsten Ueberzeugnng handle es sich bei diesem Vorgehen um einen „Krenzzng" gegen die Inden. Man darf gespannt sein, was die Zentralregiernng in Wien gegen die systematische Proletarisierung der jüdischen Massen in Galizien seitens der polnischen Machthaber zu unternehmen gedenkt. * Wie bereits gemeldet, droht ans den Bestimmungen des neuen. Gesetzes über die Sonntagsruhe eine schwere materielle Schädigung der gesetzestreuen jüdischen Kaufmannschaft in Ungarn und es wurde zugunsten der letzteren eine Aktion bei der Regierung ein geleitet, die ziemlich erfolgreiche Aussichten hat. Kürzlich erschien als Deputation der orthodox-jüdischen Kansteure die Herren Desider Koreiu, Dr. Jakob Schächter und Alexander v. Ullmann beim Handelsminister Ladislaus Beöthy, um von ihm die Erfüllung ihrer Wünsche in Sachen der Sonntagsruhe zu stellen. Desider Korein. der in dieser Angelegenheit eine unermüdliche Tätigkeit entfaltete, überreichte dem Minister das von ihm ausgearbeitete Memorandum. Der Handelsminister empfing die Deputation recht freundlich und meinte, „daß er es als religiöser Mensch nicht für richtig finden könne, daß jemand wegen Erfüllung seiner religiösen Prinzipien eine materielle Schädigung erfahren solle; deshalb werde er die speziellen Verfügungen, die die Herren der Deputation wünschen, seinerseits ganz gerne zum Gegenstand ernster Erwägungen machen. Doch sei es leider eine unumstößliche Tatsache, daß nicht jeder so denke wie er und darum würden die geforderten Ausnahmebestimmungen viele Hindernisse finden. Die richtige Lösung wäre sicherlich, daß die für Samstagsabend gewünschte Ausnahme nicht ans religiöse Bekenntnis gebunden, sondern allgemein eingeführt werde. Aber auch da bleibt es noch zweifelhaft, ob die interessierten Kreise für diese zu haben sein werden. Für alle Fälle wolle er bei der zur Vorbereitung des Sonntagsruhegesetzes einznbernfenden Enquete den von der Deputation namhaft gemachten Personen Gelegenheit geben, ihre Wünsche zn begründen. Er könne jetzt keine endgültige Antwort geben, doch mögen die Herren seines unentwegten Wohlwollens versichert sein." Auch der Staatssekretär Gustav Kalman, bei dem die Abordnung dann vorgesprochen hat, sagte, daß die durch das religiöse Moment geschaffene Lage unbedingt Berücksichtigung verdiene. Er denke, daß nur die Verallgemeinerung der Aufhebung der Samstagabendsperrstnnde die Lösung bringen könne; da durch die spezielle Berücksichtigung der religiösen Juden die übrige Kaufmannschaft diese unberechtigte Konkurrenzmöglichkeit bekämpfen würde. Er hoffe für alle Fälle, daß die Fachkommission, zu der die orthodoxen Kauflente ihre Vertreter schicken werden, den richtigen Ausweg, der alle befriedigen kann, schon finden werde. Die Judenheit des ganzen Landes ist in der Forderung obiger Wünsche einheitlich. Im Organ der Neologie wird mit warmen Worten der Standpunkt der gesetzeslreuen Kaufmannschaft verteidigt. Der einzige große Feind, der sich unseren Wünschen entgegenstemmen würde, die Sozialdemokratie, ist im Parlament nickt vertreten. Was sonst noch Opposition machen will, ist vom Parlament mit Brachialgewalt ferngehalten. * '* *