Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 48 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 10. Nr. 48. redner zu bewundern. Das Deutschen wurde vou Herrn Oberkantor Goldenberg aus Lundenburg übertragen, der sich seiner Aufgabe in meisterlicher Weise entledigte. Das Männerquartett des Luudenburger Tempelchores ' erfreute durch einige, teils heitere, teils ernste Lieder. Es war ein schönes Fest, an das alle Teilnehmer noch lange denken werden. — Mittwoch, den 4. Dezember d. I. fand der Chanuka-Festgottesdienst statt, den unser Herr Oberkanlor M. Fuchs mit Unterstützung des Tempelchores in gewohnt schöner Art leitete. Herr Rabbiner Dr. I. Stößle r . hielt eine packende Festpredigt. Originell wie immer, uahrn^er den gegenwärtigen Krieg zum Ausgang und beleuchtete in fesselnder Weise den Unterschied zwischen den Kämpfen Israels und denen anderer Völker. Ans diesem Vergleiche trat die Erhabenheit unserer Lehre wie die Bedeutung der Makkabäerkämpfe und der Wert der Makkabäersiege erst in das rechte Licht. Die Hinreißend vorgetrageue Predigt wird von nachhaltiger Wirkung sein. Jüdische Bühne. Direktion M. Siegler. „Hotel Stefanie" H, Taborsträße 12. Freitag, den 13. und Samstag, den 14. Dezember und Sonntag, den 15. Dezember: „C h u s e n K a I e", Operette in vier Aufzügen von I. Lateiner. Sonntag, den 15. Dezember, halb 4 Uhr nachmittags, „D n s T o j r a l e". Montag, den 16. Dezember, „K o l N i d r e". Dienstag, den 17. und Donnerstag, den 19. Dezember, ,,G o tt, M ens ch und Teufel", Drama in 4 Aufzügen von I. Gordin. Auftreten des Fräuleins Zagorskaja. Mittwoch, den 18. Dezember: einmaliges Gastspiel des Herrn A. R o s e n st e i n. „Opferung I s a k s". Operette von A. Goldfaden. In Vorbereitung „Ch o ch m e s Nus ch i m". In Studium „Schimschen Hagibar". Die Tage der Dor;eit. Bon Babette Fried, Prag. I. Im Hause des Fabrikanten Bernard Sommer wurden Vorbereitungen getroffen, welche auf eine außergewöhnliche Feier hlnwiesen. Klara, die älteste Tochter des Hanfes, sollte am nächsten Neumondsfest ihre Vermählung mit dem Prager Kaufmann Popper feiern. Der Bräutigam war ein älterer Herr, der ganz wohl Klaras Vater sein konnte, aber er schien sehr vermögend, ein Ehrenmann durch und durch und in der Prager jüdischen Gemeinde wohl angesehen, Eigenschaften, welche Sommer zu würdigen wußte. Auch die Braut setzte sich über den' Altersunterschied leicht hinweg. Sie würde in dem großen schönen Prag, dem Ziele ihrer Sehnsucht wohnen, würde die bisher entbehrten Vergnügungen, welche dort in reichem Maße geboten wurden, genießen. Dies füllte ihr ganzes Denken so vollständig aus, daß sie den Ernst ihres Schrittes nicht bedachte. So kam es, daß ' die Nähe ihres Hochzeitstages die Braut in immer heiterere Stimmung versetzte. Schließlich hatte sie schon einmal eine große Enttäuschung erlebt, die sie wohl überwunden, aber auch mit dem Verlust eines guten Teiles jugendlicher Ideale hatte bezahlen müssen. Die erste Frau Poppers war eine einfache, bescheidene Frau gewesen, deren Lebenszweck in Pflege ihres Gatten, in Leitung ihres Hauswesens bestanden, die sich an allen Arten von Liebeswerken beteiligte. Aus diesem Grunde wählte Popper zur zweiten Gattin ein Mädchen aus der Provinz, ans einem ebenfalls wohltätigen und streng religiösen Hanse, damit sein Haus in gewohnter Einfachheit und Frömmigkeit weiter geführt werde. Versprochen hatte ihm Klara all dies, tun wollte sie aber, was ihr selber paßte. So war der Vorabend der Hochzeit herangerückt. Jetzt nennt man ihn Polterabend. In den 50 er Jahren des vorigen Jahrhunderts war dieser Ausdruck bei den Juden noch nicht allgemein gebräuchlich, wenn dieser Abend auch wie jetzt laut und polternd gefeiert wurde. Lauter vielleicht als jetzt, wo. lärmende Gefühlsausbrüche als unmodern betrachtet werden. Die Freundinnen der Braut waren im Hochzeitshanse erschienen, auch fehlten die jungen Männer nicht, welche sonst auch in dem gastfreien Hause Zutritt hatten, auch die Beamten der Fabrik waren geladen worden und vollzählig gekommen. Die Bewirtung war eine reichhaltige, mit dem Wein wurde nicht gespart. Wenn es auch kein schäumender Champagner war, der den Gästen geboten wurde, so war es doch die beste Sorte ans Sommers gut bestelltem Keller;' da wurde getrunken, gesungen und toastiert. Klara beachtete es auch kaum, daß der Bräutigam sich von dem lärmenden Treiben der jungen Welt in ein Nebenzimmer zürückgezogen und dort in ernstem, anregendem Gespräche mit einigen älteren gebildeten Hochzeitsgästen verweilte. Er fehlte ihr nicht. Ja, er wäre ihr vielleicht bei den lauten Scherzem ihrer Gesellschaft im Wege gewesen. Die Braut rief einige ihrer vertrautesten Freundinnen zw sich und. sagte ihnen: „Mädchen, wißt Ihr auch, welches Vergnügen ans morgen Eurer wartet?. Eigentlich sollte es eine Ueberraschnng sein, aber ich gönne es Euch, wenn Ihr Euch schon heute darauf freut. Also hört: Ihr klagt immer darüber, daß man jetzt bei Hochzeiten selten einen Schalksnarren beruft, der doch die ganze Hochzeit belebt und alle Gäste unterhält. Bei meiner Hochzeit, wird einer sein. Dafür habe ich gesorgt. Das soll eine lustige Hochzeit werden, von der mau in der Gegend noch lange wirdsprechen müssen." Die Mädchen klatschten freudig in die Hände. „Das ist schön von Dir, Klara, daß Dn daran gedacht, hast," riefen sie jetzt fast einstimmig. „Gedacht habe ich schon längst daran, denn ohne Narren, ist es ja doch nur eine traurige Hochzeit, und wir brauchen die Kosten eines solchen nicht zu scheuen, aber ich habe es nur schwer dnrchgesetzt. Eigentlich erst gestern Abend, und wir mußten heute einen eigenen Boten zu ihm schicken und ihn einladen^ Der Bote brachte auch die Antwort, daß Selmele Narr zu Hanse sei und rechtzeitig kommen werde. Ich hatte wirkich Sorge, daß er nicht kommen werde, weil wir es ihm so spät sagen ließen." „Wer hatte es Dir denn früher gewehrt?" fragte einesder Mädchen. „Alle. Der Vater meinte, es wäre ein rohes Vergnügen, einen alten würdigen Mann znm Schalksnarren zu stempeln^ Wenn er Not habe, wie es heißt, werde er ihn anläßlich meiner Hochzeit mit einer reichen Spende bedenken. Die Mutter sagte^ daß es schon nicht Mode wäre, Jemanden zur Unterhaltung der Gäste heranzuziehen. Diese mögen selber für ihre Unterhaltung sorgen. Zudem befürchtete sie, daß die großstädtischen Gäste, die mein Bräutigam erwartet, uns anslachen könnten Am meisten war dieser dagegen. Er sprach von seinen ernsten Jahren und .haß er Witwer sei und daß er solche Narreteien nicht liebe. Mit dem bin ich gleich fertig, geworden. Ich sagteihm, wenn er so alt und ernst sei, so hätte er kein junges Mädchen freien sollen, so gab er nach. Und die Eltern kann ich um den Finger wickeln, wenn ich schmolle. So setzte iches durch." - „Wir freuen uns darauf, lieb Klärchen," rief die muntere- Mädchenschar. * * Nicht so vergnügt ging es in einer kleinen ärmlichem Wohnung in einer jüdischen Dorfgemeinde in der Nähe der Provinzstadt Braunau zu. Dort saß ein alter Mann an einem Tische, auf welchem ein kleines Oellämpchen ein mattes Licht verbretete. Petroleumlampen kamen damals noch nicht allgemein in Verwendung. Das Volk kam dem neuen Leuchtmaterial mib Mißtrauen entgegen und begnügte sich lieber mit dem schlechtem lenchtenden und dennoch teueren Oele,.als daß es sich der Gefahr einer Explosion ausgesetzt hätte. Aller selbst dieses matt flackernde Flämmchen fiel nicht auf die Gesichtszüge des in seine? trüben Gedanken versunkenen Greises. Denn dieser saß. über deu Tisch gebeugt, da, das. Gesicht in den zitternden Händew verborgen, ohne anfznblicken. Die Stube war nur ärmlich eingerichtet. Ein Bett, ein Schrank, ein altmodischer Kasten, ein Tisch und vier Stühle) das war alles. Zln der Wand war ein Brett angeschlagen, auf welchem einige hebräische Bücher anfgestellt waren. Nicht viele',, nur die notwendigsten. Auch alte Musiknoten befanden sich darauf. Der einzige Luxus diesers Wohnung bestand aus dem Bilde eines stattlichen jungen Mannes; zu beiden Seiten desselben hing eine Violine> in ihrem Leinenfntterale und eine- Guitarre an ei.nem verblaßten blauen Bande. (Fortsetzung folgt.)