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Die Wahrheit · 1912-12-13 · Heft 48 (13.12.1912) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 48 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr, 48 Die Wahrheit Sette l. ^verborgenen Schätze anfmeMam gemacht hat. Aber! seine Mitteilungeil ivareu nicht beachtet worden, Von Zeit juj Leit brachten Händler einzelne Fräginenle znm' Verkauf ündl Professor Sayce, der häufig nach-EgyPten kam, erwarb gelegentlichzahlreiche Handschriften für öie, Bodleyanifche Bibliothek iit; Oxford, Im Jahre 1896 verschaffte sich Elkan Adler (der . Brüder des im vorigen Jahre verstorbenen Chref-Rabbi) durch gewichtige Elttpfehlnngeu Eingang . in die geheimnisvolle Kammer> .nnd. nahm einen- Hänfen für die alte radbiuische Literatur? .wichtiger Fragmente für seine reiche Privatbibliothek nach London j mit. Professor Schechter ans Cambridge leistete hierauf eine .gründliche Arbeit, indem er sich direkt zn dem Zweck nach Egypten begab und die gesamte ungeheure Masse von Blättern und ganzen Schriften (darunter fand sich der größte Teil des -sonst nicht vorhandenen hebräischen Textes des Sirach-Bnches) mach England brachte. Es waren 167 Bündel imd Säcke, sagte Mir der Synagogendiener. Leergebrannt ist nun die Stätte. .Jetzt ist nichts mehr zn finden, aber was noch schlimmer ist — auch.die uralte, sagenumwobene Esra-Synagoge selbst ist nicht Mehr da! Mit einem, ich möchte sagen, konstruktiven Vaudalis- MNs haben die reichen Inden von Kairo ganz einfach, nachdem die allgemeine Aufmerksamkeit sich dem ehrwürdigen, wenn auch .verfallenen Gotteshanse zugewendet hatte, im Jahre 1907 ein ganz neues an dessen Stelle erbaut. Eine hübsche kleine Synagoge, in der allerdings sehr selten gebetet wird — da nur sehr wenige Juden jetzt in der Nähe wohnen — und absolut nichts Mehr an die Vorzeit erinnert. Oder doch. Inschriften, mit frischen goldenen Lettern, in Marmor gemeißelt, versetzen uns ans einmal um Jahrtausende zurück. Hinter dem Almemor. in der Mitte des Hauses, ans einer erhöhten Stelle, ist in Stein .(hebräisch) zn lesen: „Hier hat nach der alten Ueberlieferung Moses über Ersuchen Pharaos gebetet, damit die Plage im Lande aufhöre, wie es in der Bibel (Exodus 9, 29) heißt: Wenn ich ans der Stadt heraus sein werde, werde ich meine Hände ausbreiten." Die Sage kann offenbar nur aus dem späten Mittelalter herstammen, als das neue Kairo bereits erbaut war und Fostat mit seiner Synagoge sich nun außerhalb der Stadt befand. Die Ueberlieferung weiß an diesem Orte aber noch mehr zu erzählen. Eine Viertelstunde entfernt, wenn man die von Arabern und Kopten bewohnte Stadt durchwandert, kommt man an den .Nil. Eine Stelle wird da von der Ortsbevölkerung genau bezeichnet, wo die Tochter Pharaos das Schifflein bemerkt haben soll, in welchem der weinende kleine Moses lag. Nach Kairo znrückgekehrt, widmeten wir den Samstag den Synagogen nnd den Gemeindeangelegenheiten. Ein prachtvoller -neuer Tempel besteht im fashionablen Viertel neben dem Hotel d'Angleterre, nicht weit vom Opernplatz. Er wird an gewöhnlichen Sabbathen wenig besucht und der Gottesdienst war um halb 10 Uhr schon zu Ende. Wir konnten uns noch in die Synagoge der Aschkenasim-Gemeinde begeben, wo Dr. S. Ull- -mann als Rabbiner fungiert, das Publikum zum großen Teil aus osteuropäischen frommen Juden besteht und ein Chasan in traditioneller Weise den Mnssaph vortrng. Tagsvorher sahen wir im armseligsten Viertel der Stadt die Talmnd-Thora der Aschkenasim ganz in der Nähe der Amtskanzlei des Chacham-Baschi. In dieser Kanzlei hatten wir eine besondere Beth-Diu-Abteilungfür die Aschkenasim eingerichtet gesehen, der ein aus.Galizien stammender Dajan vorsteht. Man sollte danach glauben, daß eine vorbildliche Einigkeit in der Gemeinde bestehe; von den Führern selbst erfährt man jedoch das Gegenteil, und der österreichische Konsul, an den sich die Aschkenasim (zumeist Oesterreicher) oft mit ihren Beschwerden und Jnterventionsgesnchen wenden, hatte mir seinerseits den nicht sebr anmutigen, seit vielen Jahren Mittenden Gemeindestreit geschildert. Da sind sie also noch immer in der Nähe des Ortes, wo Moses aufwuchs, die „beiden streitenden Hebräer!" nur sind es nicht Individuen, sondern ganze Korporationen. Die Aschkenasim-Gemeinde strebt nach behördlicher Anerkennung, um bei der Ausstellung von Zeugnissen nicht von der auf ganz anderem kulturellen Niveau stehenden arabischen -(sephardischen) Hanptgemeinde abhängig zn sein. Der Präsident "der Hauptgemeinde jedoch, der sehr energische und daher natürlich als „Autokrat" verschrieene Herr Cattaui und der Oberrabbiner Ben Schimon stehen auf dem Standpunkte, daß es nach altem Gesetz und besonderen Privilegien nur eine jüdische. Gemeinde in Kairo geben dürfe. Den Bedürfnissen der Aschkenasim sei durch den Assessor Rechnung getragen — von dem aber die Dentscheu und Oesterreicher nichts wissen wollen. Ich wurde für den .Abend zn einer Beratung in den Räumen der Maimonidesloge eingelädeu (es besteht außerdem eine -arabisch-jüdische Loge), die sich für die Herstellung des Friedens interessiert. Ich wurde als unparteiischer Fremder, der zu beiden Rabbinern in freundschaftlichen Beziehungen steht, gebeten, auf eine. Verständigung hinznwirken. Als mich am folgenden Morgen der Chacham-Baschi in Begleitung des Assessors mit seinem Besuche beehrte, versuchte ich schüchtern die Anregung, daß vielleicht Herr Dr. Ullmann in das offizielle Rabbiuat ausgenommen werde. Um nichts in der Welt!, war die Antwort. Friede würde nur hergestellt werden, wenn. die Aschkenasim-Gemeinde außer dem von ihr gewählten Rabbiner auch den im Rabbinat bereits fungierenden Assessor mit gleichem Gehalte anstellen würde. Der Streit erwies sich also als eine richtige „Machlokes leschem Schomaim“, eine Uneinigkeit, die nur nominell ans religiösen, in Wirklichkeit aber aus finanziellen Gründen besteht und daher bis auf weiteres nicht zu beseitigen ist. Wir eilten zur Bahn, um noch am selben Nachmittag uns von Port-Said auf dem Khedivial-Dampser nach Jaffa einzuschiffen. Der Vorstand der Gemeinde gab uns das Geleite nnd wir befanden uns in einer feierlichen Stimmung. „Damit du gedenkest des Tages deines Auszuges aus Egypten alle Tage deines Lebens", heißt es in der Bibel. Wir werden diesen Tag unserer Abreise von Egypten, um über Nacht nach Palästina zu gelangen, niemals vergessen. Wir reisen dnrch das Land Gosen und offenbar auf dem Wege nach P i - H a ch i r o t h. Welcher Wandel der Zeiten! Unsere Vorfahren brauchten 40 Jahre, um dnrch die Wüste in das gelobte Land zn gelangen. Jetzt fährt man in einem englischen Speisewagen (wenn auch speziell das Mittagessen für uns ein frugales war) in wenigen Stunden bis znm Hafen und kann dabei gemütlich zu beiden Seiten des Bahndammes die weithin sich erstreckende Wüste betrachten. Was sind die phantastischen Geschichten, die Rabba, Sohn des Barchana, von den „Toten der Wüste" zn erzählen vermochte, gegenüber der einfachen Tatsache dieser eigenartigen Zngsverbindungl Dabei lernt man so manches zur Philologie und Kulturgeschichte. In der Ferne.lieht man selten an einer kleinen Oase ein elendes arabisches Dorf nnd es leuchtet auf einmal die Bedeutung des Wortes von Jesaia (13, 20) auf. der die Verödung Babylons schilderte: „Nicht einmal ein Araber wird dort sein Zelt errichten." Man sieht schwer beladene Kameele — schon in Tantah hatten wir einen Zug von Kameelen bei einer Hochzeit, auf den Rücken eine ganze, reiche .Brautausstattung führen gesehen — und man erinnert sich an die Stelle (Jesaia 30. 6) von den Schätzen, die „al dabescheth. gemalim“ transportiert werden. Ueberhaupt, wenn man den hebräischen Text der heiligen Schrift im Sinne hat und im Morgenlande Beobachtungen macht, wird jeder Vorgang zu einem Ra8obi oder Iba. E8ra; ein arabisches Dorf ist dann lehrreicher als ein Jahrgang von Stades Zeitschrift und ein wirkliches Kameel erklärt, besser als mancher „wissenschaftliche" Exeget. Den letzten Teil der Strecke führt man längs des Suezkanales und bald sieht man den großen Hafen von P or t- S a i d mit den unzähligen großen Ozeanschiffen verschiedener Nationen. Jn PortfSaid selbst hatte ich zwei Wochen später auf der Rückreise Gelegenheit, mich länger aufzuhalteu und in Begleitung eines egyptischen Staatsbeamten die erst in diesem Jahre von den drei Brüdern Menachem. Selim und Taib aus Aden znm Andenken an ihren im Jahre 1879 verstorbenen Vater erbaute, kleine, aber hübsche Synagoge zu besichtigen, die demnächst eingeweiht werden soll. Es sollen etwa 100 jüdische Familien dort wohnen, darunter einige wohlhabende. Ein rumänischer Jude führt ein — freilich nicht erstklassiges — Koscher-Restaurant „Hotel.Carmel", neben dem „Hotel de France". Eines der größten Warenmagazine (jetzt eine Aktien-Gesellschaft) ist von

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