Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 48 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Kalo Cohn Zu seinem 70. Geburtstage am 19. Dezember 1912. . / .Wollten -wir'/nur den Intentionen des Jubilars folgen, der jeder / persönlichen Anerkennung scheuaus dem-Wege geht,- so . würden wir? /seinen 70. Geburtstag still . und unbeachtet vorüberziehen lassen; aber da Herr Salo C o h n - wohl zu den populärsten- Persönlichkeiten - der Wiener Indenschaft -zählt und; seine langjährige Tätigkeit im Kultusvorstaude ' wie inder' Chewra Kadischa der Allgemeinheit gewidmet ist, so erachten' wir es, selbst auf die Gefahr hin, uns mit den Wünschen eines hochgeschätzten Mannes in Widerspruch zu setzen, als unsere publizistische Pflicht, ihn an diesem bedeutsamen Merktage seines Lebens im Widerscheine seines Wirkens vor die Oeffentlichkeit zn bringen. Herr Salo Cohn gehört nicht zn jenen Persönlichkeiten, die aus den ersten Blick einnehmen und gewinnen; im Gegenteile, die Originalität seiner Anschauungen, die temperamentvolle Art seiner Meinungsäußerungen, die eiserne Konsequenz, mit welcher er seine Ueberzeugungeu durchzusetzen sucht, das alles erzeugt Widerspruch und Gegner und gibt seinem ganzen Wesen, allerdings nur bei oberflächlicher Beurteilung, einen stacheligen, rauhen Anstrich. Aber die rauhe Schale birgt einen edlen Kern, den alle jene zu schätzen und zu würdigen wissen, die Gelegenheit haben, ihm im Leben näherzutreten und seine vielseitige gemeinnützige Tätigkeit kennen zu lernen. Salo Cohn brachte bei seinem Eintritte in den Kultusvorstand ein festes Programm mit, und das lautete: Herstellung des Gleichgewichtes im Gemeindebaushalte und möglichste Restringiernug des Wohltätigkeitsbndgets durch Beschaffung der nötigen Mittel ohne Belastung des Gemeindesäckels. Auf seinen vielfachen Reisen im Auslände hatte Herr Salo Cohn die Verwaltungen aller großen jüdischen Zentren kennen gelernt und die Erfahrung mitgebracht, daß in keiner einzigen jüdischen Großgemeinde ein so beträchtlicher Teil des Gemeindeeinkommens den wohltätigen Zwecken zugeweudet werden müsse, wie hier in Wien, weil fast überall die humanitären Institutionen der unmittelbaren Verwaltungssphäre der Gemeinde entrückt seien und der privatem: Wohltätigkeit ein weites Feld zur Betätigung überlassen bleibe. Diesem System wollte Herr Salo Cohn auch in Wien Eingang verschaffen und er trat nicht nur theoretisch für sein Programm ein, sondern betätigte dasselbe auch in eminent praktischer Weise, indem er oft in die eigene Tasche griff, um dort nachzuhelfen, wo die Mittel der Gemeinde nicht ausreichten, oder wo es galt, eine Korporation oder einen Verein in einem ihm erstrebenswerten Zwecke zu fördern. Von gleich edlen Intentionen geleitet, betätigt sich Herr Salo Cohn als Präsident der Chewra Kadischa, so war sein Wirken in der israel. Armenanstalt, dessen Vorstand ihn vor einiger Zeit mit schwerem Herzen aus seiner Mitte scheiden sah, und so schafft er als Obmann der Kommission für das Ältersversorgungshaus, das insbesondere mit Hilfe des Damenkomitees sich die Anerkennung einer musterhaft verwalteten Anstalt erworben hat. Von echt jüdischem Geiste erfüllt, hat Herr Salo Cohn die Pflichtendes Besitzes, wie selten einer, jederzeit ernstgenommen. Den Armen und Notleidenden ist er ein hilfbereiter Schützer, für Kunst und Wisseuschaft ein hochherziger Gönner, und insbesondere die jüdische Kunst und jüdische Wissenschaft — wir erinnern nur an die kostbaren Zuwendungen, mit welchen er die Bibliothek der Wiener Kultusgemeinde bereicherte. — hat ihm vielfache Unterstützung und Förderung zu danken. So wird der Kreis derjenigen, die des . Jubilars an seinem 70. Geburtstage in Hochachtung, Wertschätzung und Dankbarkeit gedenken, ein weit ausgespannter sein und wir schließen uns mit dem Wunsche an, daß es ihm gegönnt sei, sich noch lauge Zeit ungetrübter Gesundheit zu erfreuen und im Sinne seiner bisherigen Tätigkeit sich dem Dienste der Allgemeinheit zu widmen. ...J• A r. 48 . Ans dem Mege nach Irr»latem. Reisebriefe von Rabbiiler Dr. Armand Kaminka. /'.IV. ' ’ .V^ Das egyp tisch e Babyl on. — E sr a - S y n a g og e und W o h n o r t; d e s Ramba m. — G e n isa u n d V a n D ali smus. — Die Stellewo Moses eins bem Nil ge zog e n w urde. — K e h i l l a - S t r eit i n Kai r o. Dür ch d i e W ü st e n a ch P o r t S ä i d. — A n s ch a u u n g s- - ' Exeg es e. - Alt-Kairo oder FostLt wird schon von Strabo als eine Soldatenkolonie unter dem Namen „Babylon" erwähnt. Das Heer, das unter Kambyses Egypten erobert hat. soll nach der von Josephus Flavins zitierten Tradition dort eine Festung errichtet haben, und-da die persischen Militärkolonien am Nil, wie wir jetzt ans dem Fund in Elephantine wissen, aus Juden bestanden, so könnte Alt-Kairo als von Inden gegründet betrachtet werden. Die Stadt selbst, deren Ruinen man jetzt neben armseligen arabischen Hütten sieht, wurde im 7. Jahrhundert nach der Eroberung durch Kalif Omar erbaut, aber 300 Jahre später zogen es die Landesherrscher vor, die in der Nähe ge-, gründete, neue „Siegesstadt" (Al-Kahirah) zu ihrer Residenz zn erheben. Die jüdische Gemeinde aber befand sich zur Zeit des „Rambam", im 12. Jahrhundert, in jenem Labyrinth von winkeligen, äußerst engen Gassen, in FostLt, durch die wir jetzt wandelten, um zur alten, ehrwürdigen Esra-Syuagoge (auch Moses-Synagoge genannt) zu gelangen, dem in den letzten Jahren berühmt gewordenen Fundorte uralter hebräischer Manuskripte. Würden die dahin führenden schmalen und verworrenen Wege nicht so bedeutsame historische und literarische Erinnerungen wachrufen, so würde mau sich dort sehr unheimlich fühlen, denn zu beiden Seiten sind keine bewohnten Häuser, sondern nur kahle zerfallene Steinwände. Hinter diesen Wänden mochten vor vielen Jahrhunderten dichtgedrängt wie in der alten Prager Judenstadt zahlreiche Familien leben. In den öden Fensterhöhlen wohnt jetzt das Grauen. Aber kein Zweifel, in einem dieser Häuser, unweit der alten Synagoge, muß Mose ben Maimon gelebt haben, der große Theologe, Arzt, Jurist, Mathematiker und Philosoph, der Weltweise, dessen Werke nicht nur von Inden und Arabern, sondern auch von den Leuchten der Christenheit, von Albertus Magnus, von Thomas von Aquino, vom Hohenstaufenkaiser Friedrich II. mit Begeisterung studiert wurden. Man kennt den Brief, den Maimonides an seinen Uebersetzer Jbn Tibbou schrieb, und in dem er seine-Tageseinteilung schildert, wie er an jedem Wochentag morgens von seiner Wohnung in FostLt nach Kairo zum. Sultan Saladin reiten muß, um bald diesen selbst, bald eines seiner Familienmitglieder oder einen seiner Beamten ärztlich zu behandeln, und nachmittags, wenn er nach Hanse kommt, seine Wohnung von Patienten aller Stände und Bekenntnisse belagert sindet, denen er sich bis 8 Uhr abends widmen muß. Ju einem dieser Häuser also vollendete der tagsüber als vielgeplagter Arzt und daneben als Oberrabbiner der Judengemeinde vollauf beschäftigte Mann, bei der nächtlichen Oellampe seine noch heute den religiösen Führern des Judentums unentberliche Enzyklopädie der gesamten jüdischen Tradition. Hier verfaßte er daneben seinen für die Religionsgeschichte und durch seinen Einfluß aus Spinoza auch für die neuere Philosophie von fundamentaler Bedeutung gewordenen „Führer der Schwankenden". - Es mußte natürlich für mich ein besonders erhebendes Gefühl-sein, am,Wohnorte des großen Meisters zu wandeln, dessen philosophische Schriften, vorzutragen und. zu erläutern mir Im Wiener Beth Hamidrasch, seit so vielen Jahren die dankbare Aufgabe zugefallen ist. . In neuester Zeit ist aber der,Ort für die Wissenschaft noch auf eine andere Weise bedeutsam geworden, Im Mittelalter als. wertlos erachtete' alte hebräische- Blätter und Rollen, Fragmente rabbinischer Schriften, die - durch s die übliche pietätvolle. „Aufbewahrung" (Genisa) in einer nie betretenen Bodenkammer der Synagoge der vollen Vernichtung entgangen sind, schlummerten friedlich unter-Stäub' und Schutt,. Merkwürdigerweise war esein Vorfahr Heinrich Heines, Simon Van Geldern, der zuerst /Die.Wahrheit