Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 48 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheil Seile 5. der Kommandierende das jndenfeiudliche Gerücht in allen Ortszeitungen, lnd die Redakteure ^der Zeitungen zu sich und bat sie, für die Eintracht unter den Bewohnern zu wirken. Es.muß bemerkt werden, daß jene Soldaten bereitsbetrunken in. den Laden des Schankers kamen und daß sie nicht gestorben sind, vielmehr am nächsten Tage gesund wurden. Doch, es ist sehr zu befürchten, daß die lokalen griechischen Zeitungen das Gerücht in andere Zentren tragen werden, wo Griechen und Inden beisammen wohnen; schon haben einige griechische Zeitungen heftige Angriffe gegen die Inden erhoben. Ohne Zweifel werden unsere Brüder in Rhodos, Kreta und Korfu sehr viel darunter zn leiden haben. Das sind die Mittel, mit welchen die Griechen sich die Liebe der Unterworfenen zn erwerben suchen, und dennoch rufen sie in die Welt hinaus, daß sie gekommen sind, um den ungerechten und grausamen Taten der früheren Herrscher ein Ende zu bereiten. * * * Aus Paris wird geschrieben: Das Schreiben, welches der französische Ministerpräsident Poincars an den Präsidenten der Liga für Menschenrechte, Francis de Pressenss, in Angelegenheit der Behandlung stanzösischer Inden in Rußland gerichtet hat, hat in den Kreisen der Inden Frankreichs einen geradezu niederschmetternden Eindruck gemacht. Man war wohl darauf gefaßt, daß die französische Negierung keinen entscheidenden Schritt zugunsten der französischen Juden bei der russischen Regierung unternehmen werde, doch konnte man es nicht glauben, daß der französische Ministerpräsident durch eine solche Kundgebung die russische Bureaukratie noch aufmnntern und die amerikanische Regierung wegen ihres energischen Schrittes in der Paßfrage verhöhnen werde, wie dies Poincarv getan hat. Mit Recht befürchtet man, daß diese Haltung Poincarös auch die französischen Antisemiten aufmnntern und den Antisemitismus in Frankreich von neuem fördern werde. Tatsächlich haben die nationalistischen und royalistischen Blätter das Schreiben Poincarös bereits zu aufreizenden Artikeln gegen die Juden verwendet. Dagegen polemisieren jüdische und nichtjüdische französische Blätter aufs schärfste gegen das Schreiben des Ministers. Sie finden es unzulässig: 1. weil es einem formellen Versprechen keine Rechnung trägt; 2. weil es im Namen der französischen Republik eine Sprache redet, zn der sich weder die Julimonarchie noch eine andere Regierung entwürdig: habe; 3. weil es Frankreich von 1912 unter die Türkei von 1815 setzt; 4. weil die Vereinigten Staaten Amerikas einen viel höheren und gerechteren Sinn für ihre Würde besitzen; 5. weil sich Frankreich dadurch znm Mitschuldigen Rußlands macht, daß es seinen Bürgern indiskrete und unerträgliche Fragen über ihre Religion raubt. * * * Auch in England ist die Behandlung englischer Juden in Rußland zum Gegenstand ernster Vorstellungen beim Minister des Auswärtigen. Sir Edward Grey, gemocht worden, der im vergangenen Jahre im Gegensätze zu Präsident Taft sich geweigert hat, bei der russischen Regierung vorstellig zu werden. Wie allgemein bekannt, stehen die russischen Juden unter einer Art Bann. Ihnen werden bestimmte Stadtteile zum Bewohnen zugewiesen, sie dürfen nicht überall Handel treiben und sind auch noch anderen strengen Einschränkungen unterworfen. Beschwerden sind nun eingelaufen, daß ähnliche und zum Teil noch weitergehende Einschränkungen auch den in Rußland lebenden britischen Untertanen jüdischer Religion anferlegt wurden. Die Beschwerde fußt auf dem zwischen Großbritannien und Rußland im Jahre 1859 abgeschlossenen Abkommen, wonach den Untertanen eines Landes in dem Lande der anderen Nationen die gleiche Behandlung widerfahren soll wie den eigenen Untertanen. Die russische Regierung ist nun der Ansicht, daß russische Inden, wenn sie auswandern, oder dessen Nachkommen, wenn sie in ihrer neuen Heimat naturalisiert sind, hiemit nicht ihre russische Nationalität abwerfen. Von verschiedenen Seiten sind nun Beschwerden eingelaufen, daß die Beschränkungen der russischen Regierung mit bezug auf die englischen Juden noch viel ausgedehntere sind. Es wird ihnen sogar das Recht des Eintrittes in Rußland verweigert oder nur unter sehr erschwerenden Bedingungen, denen nur wenige Nachkommen können. Die Freiheit des Aufenthaltes und des Handels soll ihnen gleichsalls beschnitten sein. Das Londoner Komitee der britischen Juden und die auglo-jüdische Vereinigung haben zusammen dem britischen Ministerium des Aeußeren eine Beschwerde überreicht, in der sie darauf Hinweisen, daß die Klauseln des Vertrages von 1859 über die „gleiche Behandlung" falsch ausgelegt seien. Es wird in der Beschwerde darum ersucht, daß die britische Regierung bei der russischen freundschaftliche Vorstellungen machen sollte, um eineu neuen Vertrag oder eine vernünftigere Auslegung zn erlangen. Sollten diese Vorstellungen jedoch erfolglos sein, wird die britische Regierung ersucht, bei der russischen dahin zn wirken, daß diese den Vertrag dem Haager Schiedsgericht zur Auslegung unterbreiten sollte. Es war hier daran erinnert worden, daß die amerikanische Regierung bei einer gleichen Behandlung der amerikanischen Juden in Rußland den bestehenden Handelsvertrag mit Rußland kündigte, der am 1. Jänner ablänst. Dann sollen Verhandlungen über einen neuen Handelsvertrag begonnen werden. * * * In der englischen Presse wird der Oberrabbiner des britischen Reiches ein „jüdischer Erzbischof" genannt. Seit geraumer Zeit ist man in anglo-jüdischen Kreisen eifrig bemüht, die durch das Ableben des Londoner Chiefrabbis Dr. Hermann Adler vakant gewordene Stelle zu besetzen. Da es sich aber um eine höchst verantwortliche Stellung handelt, kann man die große Sorgfalt wohl verstehen, die bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für den so populären Dr. Adler an den Tag gelegt wird. Von drei Kandidaten hat wohl Dr. Drachmann ans Newyork die besten Aussichten, der Nachfolger Dr. Adlers zu werden. Nichts deutet aber darauf hin, daß in absehbarer Zeit eine Einigung zustande kommen wird, um so mehr, als jeder von den drei Kandidaten über zahlreiche und zähe Anhänger verfügt. Vielfach macht sich die Ansicht geltend, daß das hohe Amt für einen einzelnen Mann eine zu große Bürde bedeutet, und daß es daher zweckmäßig wäre, zu gewisien Reformen in dieser Hinsicht zu schreiten. Allerdings ist das Amt eines Chefrabbis mit wichtigen Pflichten verbunden. Sein Einfluß erstreckt sich, von England abgesehen, ans Südafrika und Australien, Kanada und Indien. Er ist eine Art König von Israel, ein moderner Salomo, der in allen Fragen der jüdischen Theologie wohlbeschlageu sein muß. Dem Chefrabbi fällt die Pflicht zu, das Heiratsdoknment jeder religiösen jüdischen Ehe zu unterzeichnen. Der Chefrabbi ist auch eine Art oberster Richter des religiösen Gerichtshofes „Beth Din" in Whitechapel. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß dieser rituelle Gerichtshof trotz der weltlichen Gerichtshöfe in England existieren kann und seine Funktionen mit ungehinderter Wirksamkeit ausübt. Seine Existenz trägt nicht unwesentlich dazu bei, daß die Anzahl von Prozessen, wo beide Parteien orthodoxe sind, vor englischen Gerichten nicht unwesentlich verringert wird. * * * Die Polen haben ihre Drohungen, die Wahltaktik der Juden mit der wirtschaftlichen Aushungerung zn quittieren, gründlich eingelöst. Was sich die Polen in Warschau heute an Gewaltakten gegen die Juden leisten, spottet jeder Beschreibung. Es wurde ein regelrechter Wachdienst organisiert und vor allen jüdischen Geschäften so etwas wie Streikposten aufgestellt, die jeden polnischen Käufer durch gütliches Zureden oder auch mit Gewalt verhindern, den jüdischen Laden zu betreten. Auf den Märkten kommen täglich blutige Schlägereien vor, da die Bauern vorm Laden mit allen Gewaltmitteln verhindert werden mit den jüdischen Händlern in Beziehung zu treten. Die russische Verwaltung sieht diesem Treiben mit sichtlichem Wohlwollen zu, da es ihr gar nicht einfällt, der Inden wegen es mit den polnischen Machthabern zu verderben.