Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 48 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Die Wadrdett. Nr. 48. der Südgrenze besteht leider noch immer. Aus allen Teilen des Reiches kommen patriotische Kundgebungen und alle Völker Oesterreich-Ungarns werden mannhaft zusammenstehen, wenn die Stunde der. Entscheidung schlagen sollte. Unter anderen Loyalitätskuudgebungeu ist an die kaiserl. Kabinetskanzlei folgende Depesche aus Lemberg eingesaudl worden: „Die überaus zahlreich besuchte Generalversammlung des zionistisch-konservativen Bürgervereines in Lemberg beschloß e i 11 ft i m m i g unter allgemeiner Begeisterung den Ausdruck der allernnlertänigsten Ergebenheit in tiefster Ehrfurcht vor die Stufen des Thrones Eurer Majestät zu bringen unter heiligster Versicherung daß wie immer auch heute in diesen bewegten Tagen und in aller Znkunft die ganze Judenschaft bis zum letzten Atemzuge treu und unentwegt zn Kaiser und Monarchie steht. Gott schütze und segne unseren geliebten Kaiser Franz Josef I. Der Präsident: Großgrundbesitzer Dr. Samuel Rappaport." * Im wohltuenden Gegensätze zn seiner früheren Haltung hat der „Uugarländische kaufmännische Verband", der trotzdem er fast ausschließlich aus Inden besteht, bei der Vorbereitung des Souutagsruhegesetzes ans die strengreligiösen jüdischen Kaulente keinerlei Rücksicht nahm, nunmehr doch Verständnis für die große Not gezeigt, denen die gesetzestreuen Juden durch ein drakonisches Sonntagsrnhegesetz ausgesetzt wären. Dieser Gesinnungswechsel ist auf den Zusammenschluß der unter der energischen Führung Desider Koreins stehenden gesetzestreuen Kaufmannschaft znrückzuführen. Bei der jüngst abgehaltenen großen Sitzung wurde, wie 'der „Israelit" mitteilt, über die Achtuhrsperre am Samstag diskutiert. Desider Korein wies in einem mit statistischem Material erhärtetem Referat den volkswirtschaftlichen Schaden nach, den die Kaufmannschaft erleiden müsse, wenn man am Abend, knapp nach der Auszahlung des Wochenlohues der Arbeiter, diesen die Möglichkeit nehme, ihre Einkäufe zu besorgen. Ohne das religiöse Moment zu berühren, überreichte er den Antrag: wonach der Ausschuß des Verbandes dem Handelsminister ein Memorandum dringend zu überreichen habe, mit der Bitte, daß in dem projektierten Sonntagsrnhegesetz ausgesprochen werden möge, daß der Samstag- Abend im ganzen Laude von der Achtnhrsperrstnnde ausgenommen werden solle. Der Antrag wurde vom Präsidenten Berthold Fürst unterstützt und dann einhellig angenommen. Als im Verlause der späteren Diskussion durch ein Mitglied dukonfessionelles Moment in die Debatte geworfen wurde, benutzte dies der unermüdliche Koreiu, um einen feurigen Appell an die Kaufmannschaft zn richten, einen weiteren Schritt im Interesse ihrer orthodoxen Genossen zn machen und Toleranz im wahrsten Sinne des Wortes zu üben: Er bewies,. welch unermeßlichen Schaden die gesetzestrene Kaufmannschaft dadurch habe, daß in vielen Städten die Wochen- und Jahresmärkte am Schabbos seien. Dadurch wird recht oft sogar die Freizügigkeit vieler Bürger beschränkt, da sie als Schabbos haltende Inden, in keinem Orte wohnen können, wo durch diesen Umstand ihre Existenzmöglichkeit unterbunden ist. Viele,'die der bittersten Not gehorchend, das jüdische Lebensgesetz zerbrochen, stehen moralisch gebrochen, im Innersten getroffen, vor ihrer Marktbude am Schabbos. Es ist darum eine moralische Notwendigkeit, daß wir den Zusammenbruch der jüdischen kaufmännischen Genossen zn verhüten trachten und so weit wir es vermögen, zu verhindern suchen. In Würdigung dieser Tatsache hat der Landesverband einhellig beschlossen, in dieser Sache ein Memorandum an den Handels nun ister zu schreiben, und von ihm die Verlegung der Märkte auf einen Wochentag zu erbitten. * * Zur Beendigung des „Aüianz-Konffiktes" teilt nus das Deutsche Bureau der Allianze Jsraelite Universelle folgendes mit : „In einer am 24. v. M. in Berlin stattgehabten, von Herrn Siegfried Brünn und Herrn Dr. Horwitz einberufenen und von letzterem geleiteten Versammlung der Vertreter der Deutschen Lokalkomitees Allianze Jsraelite Universelle sind einstimmig die schon von einer Vorkonferenz angenommeuen und vori dem Zentralkomitee in Paris genehmigten Grundzüge znm Beschlüsse erhoben worden, in welchem die Beziehungen der deutschen Mitglieder der Allianz untereinander und zu dem Zentralkomitee eine neue Regelung gefunden haben. Es treten danach alle in einem größeren Bezirk bestehenden Lokalkomitees zit einer Anzahl von Bezirkskomitees und diese Bezirkskomitees wiederum zu einer freien.deutschen Organisation zusammen. Ein unter der Oberleitung des Zentralkomitees stehendes Deutsches Bureau wird gebildet,, und ein Präsentationsrecht für die Wahlen der deutschen Mitglieder des Zentralkomitees ist der deutschen Organisation Vorbehalten worden. Damit haben durch das einmütige Zusammenwirken der deutschen Lokalkomitees die Streitigkeiten, welche längere Zeit obgewaltet haben, ihr Ende gefunden." Von einem vollen Frieden kann man eigentlich nicht sprechen, denn die Organisation, die sich als „Deutsches L a n d e s k o m i t e e der Allgemeinen Israelitischen A l l i a n z" etablierte, besteht noch immer fort. * * Die bereits in den politischen Tagesblättern verbreiteten Nachrichten über die Ausschreitungen der Griechen gegen die Inden in Saloniki, werden durch folgende Darstellung der „Hazefira" ergänzt, der unter dem Titel: „Das Tal des Mordeus" geschrieben wird: Man kann heute Mazedonien nicht anders bezeichnen als mit diesem Namen. Im wahrsten Sinne des Wortes durchstießen Ströme von Blut das Land: Greise und Frauen werden gemordet. Säuglinge hingeschlachtet, Jungfrauen geschändet. Ohne Maß sind die Grausamkeiten, welche die Christen unter den unglücklichen Muselmanen verüben, und in vielen Städten hat das harte Los auch die Inden getroffen. In den Städten wo Konsuln wohnen, wagte es die Soldateska nicht, ihren Leidenschaften die Zügel, schießen zn lassen, aber im inneren Lande, wo niemand sie beobachtete, überfiel sie rücksichtslos die Bewohner. Viele Landbewohner haben ihr Hab und Gut im Stiche gelassen und sind rechtzeitig in die Stadt geflohen. Mehr als 7000--sind völlig mittellos nach Saloniki geflüchtet und füllen die türkischen und jüdischen Schulen. Viele wohnen im Freien und leiden entsetzlich unter der Kälte. Am 29. Cheschwan, einem Sabbat, verbreitete sich das Gerücht, daß die Griechen in die Stadt einziehen würden. Die griechischen Einwohner der Stadt schmückten sofort ihre Häuser -mit griechischen Fahnen. Um 4 Uhr nachmittags zog das Heer ein. Die Inden weigerten sich selbstverständlich, an der Freude der Griechen teilzunehmen-,, kein einziger von uns hatte eine Fahne ausgesteckt, man nahm das Verhängnis als ein solches ans. Dies sahen unsere griechischen Nachbarn und gerieten in Zorn. Am Abend brachte die griechische Zeitung „Ambros" einen heftigen Artikel gegen die Inden, die angeblich nur ihren Vorteilen nachgingen. Der in französischer Sprache erscheinende „Jnde'pendant", dessen Redakteure nationale Juden sind, erwiderte darauf und betonte, daß die Inden als besiegte Ottomanen die Niederlage nicht anders als mit Betrübnis aufnehmen könnten. Auch als der griechische Thronfolger, der König und die Königin von Griecheiüand einzogen, bereiteten ihnen die'Inden keinen Empfang und auch dies erbitterte die Griechen aufs neue. Am Dienstag, den 3. Kislew, verbreitete sich das Gerücht, daß einige Soldaten, welche in einer jüdischen Schänke Kognak getrunken hätten, gestorben wären. Die Griechen benutzten dies und verbreiteten Nachrichten, daß jener Jude mit Absicht den Kognak vergiftet hätte. Daraufhin umzingelten griechische Soldaten und Einwohner die jüdische Siedlung und verletzten zahlreiche Juden. Der Inhaber jener Schänke wurde' verhaftet. Noch in derselben Nacht drangen Griechen 'und griechische Soldaten in die Häuser der Inden und stahlen Geld und Wertgegenstände, soviel sie vorfanden. Sie erbrachen die Türen der jüdischen Bethänser, zerrissen die Töraryllen und traten auf ihnen herum, und vergewaltigten eine jüdische Witwe. Die jüdische Gemeinde sandte an den Stadtkommandanten eine Deputation mit dem Rabbiner an der Spitze. Die Deputation schilderte ihm die Läge der Juden nud die Gefährlichkeit der äntijüdischen Agitation. Daraufhin dementierte