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Die Wahrheit · 1912-12-13 · Heft 48 (13.12.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 48 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Sidunnistration: Wien. 11/, Nvvaragasie 27 Delephon: Redaktion 5509/1V. Unabhängige Hertfchrift für jüöische Aerngoprei»: Ganzjährig.K l*.— Halbiährig.K- 7.— Administraiion -1933,11. R. k. bsterr. Postsparkaüa- Eevect-Roiuo 3!r. lüv.9l8. Airteresteu. Für NnltttSbraiutk: '^»„zjährig.K io - Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areilng. Für Ausland: NbonnrmenlSliub Jnsertions- <ts„„zltthrig.8 Mark bekräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes iet Wahrheit!“ t> 9tii0irt oder US Fre» Kr. 48. Wien, 13 Dezember 11*12. Inhalt: Die Gründung des „großdeuischen Blockes" in Wien.— Aus der Woche. —Salo Cohn.— Auf dem Wege nach Jerusalem. — M. Emanuel Stern. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit." — Große und kleine Vergeßlichkeiten. Die Gründung des „großdenischen Stockes" in Wien. In den Tagesblättern war jüngst ein Bericht über den unter obiger Bezeichnung erfolgten Zusammenschluß der freisinnigen dentschbürgerlichen Parteien zu lesen. Dies wäre wohl sehr zu begrüßen, wenn nicht einige für jüdische Bürger schwerwiegende Bedenken schon bei der Gründung dieser sonst wünschenswerten Koalition unterlaufen wären. Unter den veröffentlichten Namen der Teilnehmer an der ersten konstituierenden Versammlung findet sich auffallender Weise kein Jude, dagegen die vielen bekannten, notorischen Antisemiten, wie Arnold, Lorenz, Dr. Heilinger, Dr. Pollanf. Dr. Waber hat diese konstituierende Versammlung znmgroßenMißvergnügendesdeutschnationalenHerrn Mehlo zwar nicht besucht, doch soll er.sich in einer vertraulichen Vorbesprechung warm für einen derartigen Zusammenschluß ausgesprochen haben. Von den liberalen Männern sollen bei dieser Versammlung Gemeinderat Moißl, die Leopoldstädter Gemeinderäte Golz und Schäfer, der.Bezirksvorsteher Herr Blasel und Professor Wolkan anwesend gewesen sein. Diese judenreine Vereinigung sichert nun jeder in ihr vertretenen politischen Gruppe ihre „programmatische Selbständigkeit" zu. Darnach behielten die Judenfeinde volle Freiheit, ihre judenfeindlichen Bestrebungen unentwegt weiter verfolgen zu dürfen, obgleich sie bekanntlich nur durch Wahlhilfe der jüdischen Wähler in Wien dnrchdringen können. Sehr bedenklich ist die in dieser Vereinigung für alle Mitglieder festgesetzte Verpflichtung, nicht nur zur „Niederringung der christlich-sozialen Partei", sondern auch behufs „Befreiung von der roten Herrschaft" und zum Zwecke des „Schützes vor roter Ueberflutung" mithelfen zu müssen. Ebenso wie man keine christlich-sozialen Kandidaten unterstützen dürfe, soll auch jede Unterstützung sozialdemokratischer Kandidaten überall dort ausgeschlossen sein, wo es Deutschbürgerliche gebe. Die dem deutsch-nationalen Verbände ungehörigen, wenn auch durch Unaufrichtigkeiten mit Hilfe der jüdischen Wählerschaft zu Mandaten gelangten antisemitischen Volksvertreter nennen sich bekanntlich trotz ihres bestialischen Rässenstandpunktes freisinnig. Es wäre gegebenen Falles daher jeder diesem „großdeutschen Verbände" angehöriger jüdischer Wähler gezwungen, den Rassenantisemiten gegen einen Sozialdemokraten zu wählen. Für Rassenantisemiten wie Dr. Waber, Dr. Pollauf, Dr. Heilinger u. dgl. wäre eine derartige Mandatsversicherungsanstalt wohl sehr angenehm und ersprießlich, falls man eine genügende Anzahl politischer Kocher unter den wahlberechtigten jüdischen Bürgern hereinbekommen könnte. Die Herren Proponenten vergessen aber wohl, daß es heute mehr Inden gibt, als ihnen lieb ist, welchen das solidarische Gefühl für ihre ungerecht verfolgten Konfessionsgenossen höher steht als etwaige oligarchische Bestrebungen. Die Herren Raffenantisemiten suchen jüdische Bewerber um Beamten- und Lehrerstellen ebenso auszusckilüßen, wie dies heute die Christlichsozialen tun und auch wohlhabende Juden werden dadurch in ihren Kindern empfindlich getroffen. Nenestens sollen sie ja auch vom Offiziersstande abgedrängt werden. Solange diesem Verbände daher nicht auch alle jüdischen Mandatsträger und politisch bedeutenden Männer beigezogen werden, werden hoffentlich derartige Bestrebungen, „die Inden mit Kotzen zu fangen", erfolglos bleiben. Aufrechte Juden können sich nämlich nicht mit der nnr die engste Gegenwart berücksichtigenden Losung befreunden, die da lautet: „Mit Satan und Belzebub gegen die Christlichsozialeu", sondern ihre Meinung lautet: „Vor allem gegen alle erklärten Antisemiten". Um alle jüdischen Wähler in diesen Verband hineinzubekommen, wird man wohl früher den Judenboykott in demselben ausdrücklich und öffentlich verdammen müssen und diese Verltrteilung des Rassenhasses zum Vereinsgrundsatze erheben müssen. Tatsächlich sind leider die Sozialdemokraten in Oesterreich gegenwärtig die einzige Partei, welche mutig die vielen Schäden anfzeigt, die an den Gesetzen und deren Anwendung sichtbar werden. Wenn man auch kein Republikaner ist und an Klassenpolitik keine Freude findet, so kann man mit den Sozialdemokraten doch noch ein gutes Stück Weges gehen, ohne „Genosse" zu sein. Der Vertreter der Staatsbeamten, Herr Rechnungsrat Schidl, sprach den Gedanken auch ans, daß ein solcher bürgerlicher Zusammenschluß nnr dann Aussicht aus Erfolg habe, wenn die Bürgerlichen durch eng- und hartherzige Politik nicht weiter „die Beamtenschaft der Sozialdemokratie zutreiben." Zielbewnßte jüdische Bürger werden ihre Stimmen nur solchen Wahlwerbern geben, denen alle Staatsbürger ohne Unterschied der Nation und Konfession vor dem Gesetze gleich scheinen. R. L. Ans der Woche. Die unmittelbare Gefahr eines großen Weltkrieges ist glücklicher Weise vorläufig beseitigt, doch die Eventualität ernster Konflikte der Monarchie mit unserem böswilligen Nachbar an

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