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Die Wahrheit · 1912-12-06 · Heft 47 (6.12.1912) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 47 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 47. hatte Chajim auch nicht erfahren, welch schreckliches Geschick seinen Vater und mithin die ganze Familie betroffeti. Auch über die in derselben Festung befindlichen Kameraden aus seiner Heimat erfuhr er nichts, ohne daß ihn dies sonderlich beunruhigte. Nach tapferm Widerstande der belagerten Truppen, nach einem unbeschreiblichen Blutbade wurde die Festung übergeben, nachdem den wenigen am Leben gebliebenen Verteidigern freier Abzug unter der Bedingung bewilligt wurde, nie mehr unter die Waffen zu treten. Unter den wenigen befand sich auch Chajim, der verwundet und krank nun nach Hause zurückkebren sollte. Franzek aber hatte die Heimkehr nicht mehr erlebt. Er war am Fuße so schwer verwundet worden, daß dieser amputiert werden mußte; es hatte sich eine Blutvergiftung eingestellt, der er in kurzem erlegen ist. Vor seinem Tode hatte er seinem Beichtvater das Geständnis gemacht, daß erlvorigen Jahres mit einem Komplizen ein Madonnenbild beraubt hatte. Seinen Anteil an der Beute habe er in dem Schweinestalle des väterlichen Hauses vergraben. Der geistliche Herr forderte ihn auf, dieses Geständnis in Gegenwart anderer Personen zu wiederholen, da der Fall eintreten könne, daß ein Unschuldiger dieses Verbrechens wegen verfolgt werde, ihm aber es nicht gestattet sei, ein in der Beichte gehörtes Geheimnis zu verraten und er somit nichts zur Rettnug eines unschuldig Angeklagten beizntragen vermöchte. Auf Veranlassung dieses menschenfreundlichen Geistlichen begaben sich zwei höhere Offiziere zu dem Sterbenden, welche das Geständnis desselben entgegennahmen, es zu Papier brachten und das Schriftstück mit ihrer Unterschrift versahen. Die Herren versprachen, bei erster Gelegenheit dieses beglaubigte Bekenntnis in der Heimat des Soldaten zur amtlichen Kenntnis zu bringen. . . . Krank und matt, doch stolz ob der seiner Tapferkeit wegen erhaltenen Auszeichnung, war Chajim nach Hause gekommen. Endlich war er zu Hause. War diese Nuiue das Haus, in welchem er an der Seite seiner Eltern und Geschwister eine glückliche Jugend verlebt hatte? Die Mauern des väterlichen Hauses standen noch, alles andere aber war verwüstet. An den Fenstern war kaum eine Scheibe ganz geblieben, das Strohdach war zerzaust, ganze Lücken darin wiesen daraufhin, daß es eine Beute habgieriger, von wütendem Fanatismus ausgestachelter Gesellen geworden war. Das Haus war unbewohnbar. Wo waren die Seinen hingekommeu? Schräg gegenüber gewahrte er an einem Hause das Schild, das ehemals am Mietshause des Vaters befestigt war. Neue Hoffnung beseelte ihn. Vielleicht war die Kretschma nur durch einen Zufall zerstört und der Vater hatte sich indessen anderswo angesiedelt. Mühsam schleppte er sich dahin. Dort fand er wohl von dem ihm unbekannten polnischen Wirte einen freundlichen Empfang. Der brachte ihnen wohl zur Stärkung ein Glas Wudka und ein Stück Schwarzbrot, aber von dem Vater wußte er nicht viel, und Pas nichts Gutes zu sagen. Er war ein Fremder, und hatte nur gehört, daß er wegen Kirchenraubes eingesperrt sei und daß sein Haus und Eigentum von den Ortsbewohnern geplündert und zerstört wurde. Von deni Aufenthalt der jüngeren Geschwister Chajims wußte er nichts. Jetzt ging dem unglücklichen jungen Manne ein Licht auf. Jetzt verstand er alles, was ihm bisher dunkel war. Daß Franzek irgend etwas Schreckliches verübt hatte und es vor seinem Tode in Gegenwart seiner Vorgesetzten gestanden hatte, davon hatte man in der Festung vieles gemunkelt, so etwas bleibt nicht geheim, aber daß ein ganz Unschuldiger das Verbrechen eines anderen mit dem Verluste seiner Freiheit und materiellen Existenz büßen sollte, das ging über alle Begriffe des in weltlichen Dingen recht unerfahrenen Chajims In seiner Verzweiflung faßte Chajim den Entschluß, sich an den alten Petru zu wenden und ihm Vorwürfe darüber zu machen, daß er sich des unschuldigen Nachbars nicht angenommen hatte. Aber bei dem kam er schön an.. „Warum hast du auch den dummen Brief geschrieben?" fuhr er ihn an. „Wenn es der arme Franzek auch wollte, so hättest du ihm nicht folgen sollen. Franzek war halt ein dummer Junge, der hat es nicht besser verstanden. Aber du bist so ein geschickter Mensch, der lesen und schreiben kann, du hättest wissen sollen, was daraus kommen kanti." Mit keinem Worte hatte sich der Bauer nach den letzten. Lebenstagen seines gefallenen Sohnes bei dessen Kameraden erkundigt. Der Ekel über diese soeben vernommenen Gemeinheiten unterdrückte fast'den herben Schmerz des unter so traurigem Verhältnissen heimgekehrten Soldaten. Er erkundigte sich nur über den Aufenthalt seiner Geschwister,, und verließ den Ort,, wo er geboren und erzogen wurde, und wo man die stete Hilfsbereitschaft seines Vaters so schlecht gelohnt hatte, auf Nimmer-- Wiedersehen. Seine Geschwister fand er in der nahen Gemeinde, woselbst sie sein alter Rebbe untergebracht hatte. Dinah, die älteste, welche zu Hause die Wirtschaft geführt hatte, stand als Köchin und Pflegerin' bei einer alten halbgelähmten Witwe in. Dienst. Lebele hatte man zu einem Schneider in die Lehre gegeben, wo ihn die Schwester mit ihrem- Lohne unterstützte, und klein Moschele ging ins Cheder, wo er in der Gemeinde Kosttage aß. Nachdem Chajim wenigstens in dieser Sache etwas beruhige war, trat die Pflicht an ihn heran, sich um das Schicksalseinesunglücklichen Vaters zu kümmern. Es war ihn als Juden mtr schwer möglich, vor den Chef der Behörde zu gelangen, in derem Händen das Schicksal des Vaters ruhte. Das Verdienstkreuz,, das er sich durch seine Tapferkeit und Unerschrockenheit im Kriege erworben, verschaffte ihm schließlich den Zutritt. Mit einer Schlichtheit, die dennoch eines gewissen Freimutes nicht entbehrte, schilderte er dem hohen Herrn den Charakter des eiligekerkerten Vaters, und ließ sich nicht durch das höhnische Lächeln welches die Züge seines Zuhörers umspielte, abschrecken. Als er auf die Vorgänge in der Festung zu sprechen kam und erzählte, wie er aus Gefälligkeit gegen den des Lesens und Schreibens unkundigen Kameraden jenen ominösen Brief geschrieben habe, ohne dessen Gefährlichkeit auch uur zu ahnen, von Franzeks Verwundung und dessen Bekenntnis auf dem Sterbebette, da verschwand das höhnische Lächeln auf dem Antlitz des Beamten, um einem tiefen Ernst Platz zu machen. Die schlichte und doch so eindrucksvolle Erzählung des jungen Soldaten hatte den eben nicht als judenfreundlich bekannten Herrn sehr für den jungen Mann eingenommen, und erjagte in mildem Tone:' - „Ich für meine Person glaube Ihnen alles das, was Sie soeben erzählten, aber das reicht zur Freilassung eines Gefangenen nicht hin. Können Sie Beweise für das Gesagte Vorbringen?"' Chajim sann eine Weile nach. * * . . „Der Beichtvater jenes Soldaten wäre leicht ausfindige zu macheu, uud wenn der auch nicht das Beichtgeheimnis verraten wird, so kann er doch die Namen der beiden Offiziere tiennen, welche das Bekenntnis des Sterbenden gehört und uiedergeschrieben haben. Wenn sie noch am Leben sind, so werden sie die Wahrheit meiner Worte bezeugen."-- In den Wirren, welche nach dem Kriege und dem darauf' folgenden Friedensschlüsse herrschten, war es keine leichte Aufgabe, die betreffenden Personen ausfindig zu machen. Aber schließlich gelang es dennoch. Abrahams Unschuld wurde sohaarklein bewiesen, daß er nach kurzer Verhandlung freigesprochen und sogleich entlassen wurde. Er hatte nun, dank den Bemühungen desSohnes und des diesem wohlgesinnten, einstußreichen Herrn seine Freiheit und Ehre wiedergewonneu, aber sein Vermögen war vernichtet, seine Gesundheit durch die lange Untersuchungshaft uud die damit, verbundenen Entbehrungen und^ Herzensqnalen untergraben. Als gebrochener Greis hat Abraham das Gefängnis verlassen, ein Greis aber, der von neuem streben mußte, sich eine- Existenz zu gründen. In diesem Bestreben wurde er von Chajim unterstützt,, welchem es gelungen war, in dem Hause eines Brennereipächters als sogenannter Hausbachur unterzukommen Sein Bestreben, sich weitere talmndische und etwas profane Kenntnisse änzueignen, fand in dieser Stellung die größtmögliche Förderung. Hoffen wir, daß er durch Fleiß und Ausdauer senk Ziel erreichen wird, als Rabbiner in einer großen Gemeinde auf der Kanzel und in der Schule das Wort Gottes zu lehren und Wissen und Bildung zu verbreiten. Wird er doch niemals daran vergessen, was er und die Seinen durch Analphabeten - erlitten haben.

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