Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 47 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 47; Die Wahrheit Seite 7. -Würde sich bei der Ankunft in einer europäischen Hauptstadt zu ^befinden glauben, wenn nicht die großen Scharen der arabischen Gepäckträger und Händler, mit Kopfbnnd geschmücktin langen, hellen, bis an die Sohlen reichenden Mänteln, schon dem Perron ein eigenes Gepräge geben würden. Bei der Fahrt durch die europäischen Straßen könnte man durch den Anblick von Luxus .und Eleganz.' geschmackvollen Geschäftsanslagen und vielen .Autos sich mitunter in der! Wiener Kärntnersträße wähnen, würde die Bevölkerung nicht daran erinnern, daß man' in Afrika und in einem mohammedanischen Laude ist. Auch mein .Zimmerdiener in dem ganz modern eingerichteten Hotel „Eden 'Palace" am Ezbekiahparke ist ein würdiger Mustapha von tiesbrauner Farbe mit blendend weißen Zähnen, ein übrigens intelligenter und geschickter Mensch, sicherlich ein Nachkomme der „Chartimie Mizraim“, die den König Pharao durch ihre .Künste in Erstaunen setzten. Für das leibliche Wohl der auf rituelle Kost angewiesenen Fremden sorgen inganz befriedigender Weise zwei -jüdische Restaurants, das eine „Saloniqne", - das andere „Palestine" benannt, beide in einem arabischen Stadtteil, bei der -Geschäftsstraße „Muski" gelegen, wo tagsüber und auch in den Abendstunden ein dichtes Gedränge der verschiedenartigsten 'Menschentypen herrscht, ein buntes Durcheinander von Geschäften, Werkstätten, eine Menge Straßenhändler, Eselführer und Kameeltreiber. Wir hatten der Kost der in solchem Milien gelegenen Speiseanstalten mit einem gewissen Bangen entgegengesehen; .es erwies sich jedoch, daß sie bürgerlichen jüdischen Restaurants in Europa keineswegs nachstehen. Schon wenige Stunden nach unserer Ankunft in Kairo, -am späten Abend, befanden wir uns in einem Auto anf der 'Landstraße anf dem Wege zu den Pyramiden von Gizeh. Ein amerikanischer Glaubensgenosse, der, ebenfalls nach Palästina reisend, .sich itns bereits auf dem Schiffe angeschlossen hatte, war Her Urheber der exzentrischen Idee, die Wunderwerke der Pharaonen noch in derselben Nacht — bachzi halajlo — beim schwachen Mondschein zu betrachten. Der egyptische Sicherheitswachmann, der bei der Cheopspyramide seinen Dienst hatte, -scheint an derartige nächtliche Besuche gewöhnt zu sein. Für ein kleines Geschenk kletterte er in eine der Grabkammern und beleuchtete sie von innen mit Magnesinmlicht. Selbstverständlich haben wir dann am Tage den Pyramiden noch einmal eine -formelle Visite abgestattet, nach Brauch auf Kameeleu durch die Sandwüste bis zum Sphinxtempel reitend, dessen grandiosen, zum Teil unterirdischen vier- oder fünftausend Jahre alten Wan wir besichtigten. Es galt nun, die wenigen Tage fleißig zu benützen, um auch das jüdische Kairo kennen zu lernen. Freitag, 18. Oktober, früh am Morgen, holte mich der 'Direktor der Knabenschule der Alliance Israelite Universelle, Mr. Somekh, zum Besuche seiner Anstalt ab. Sie wird von Z13 Schülern frequentiert (darunter 231 zahlende) und erhält bei einem Budget von 33.191 Frcs. von der Allianz eine -Jahressnbveution von 10.070 Frcs., von der Anglo Jewish .Association in London 1000 Frcs. jährlich. Die Vielsprachigkeit ist auch hier allen privaten Erziehungsanstalten eigentümlich, -da die Eltern entschieden verlangen, daß die Kinder außer Arabisch auch Französisch und Englisch lernen und das Hebräisch wiederum. wenn anch manche Eltern darauf verzichten wurden, ans religiösen Gründen unterrichtet wird. So kommt es, daß z. B. in der oberen Klasse 12 bis 13 jährige Knaben folgenden Lehrplan haben: 17 Stunden wöchentlich Französisch (und allgemeine Fächer in französischer Sprache) 9 Stunden wöchentlich Englisch 8 „ „ Arabisch ._5 „ „ Hebräisch (Religion) zusammen 39 Stunden wöchentlich. Der hebräische Unterricht wird von Rabbinern (Chachams) -alten Schlages erteilt. Die Kenntnisse der Kinder sind sehr verschieden, wie auch die Herkunft verschieden ist. In jeder Klasse find Schüler, dieaNs R n ß l a n d stammen, Kinder von Familien, die in den letzten Jahren eingewandert sind und im Hebräischen ganz anders vorbereitet sind, u als die im Lande geborenen Spagnoleu. Die Schule ist in einem altertümlichen, dem Zweck nicht vollkommen entsprechenden Hause, einem ehemaligen Justizgebäude, untergebracht, das die Allianz vor Jahren billig erworben hat. Der Direktor selbst weiß über viele Mißstände zu klagen- ' aber die eigentümlichen Verhältnisse der gemischten Bevölkerung erschweren sehr die Einführung der notwendigen Verbesserungen Ein ganz merkwürdiges Exemplar fand ich im Lehrerkollegium. Der Lehrer des Arabischen ist — ich traute meinen Ohren nicht — ein rechtgläubiger russischer Christ, der für Rechnnng der russischen Regierung in Nazareth erzogen wurde, ein Jahr in Haifa Lehrer war und seit neun Jahren in der Allianzschnle in Kairo die Sprachen Mnhameds unterrichtet. Er erzählt mir, daß er Gorki und Tolstoi ins Arabische übersetzt hat. Der Direktor lobt ihn als einen guten Lehrer und als Verteidiger der Inden gegenüber Angriffen in arabischen Blättern. Eine Mädchenschule der Allianz ist von 108 Schülerinnen besucht; eine andere von ihr subventionierte Knaben- und Mädchenschule besteht im Stadtteil Abbassieh. In demselben, sehr entfernten Stadtteil befindet sich die Privatwohnnng des C h a ch a m - B a s ch i, des (trotz der englischen Okkupation) durch ein Dekret des Sultans in Konstantinopel eingesetzten Oberrabbiners sämtlicher Inden in Kairo. Mit dem gegenwärtigen Inhaber dieses hohen Amtes, dem als bedeutende rabbinische Autorität geltenden Chacham Rafae l Ben Schimon seit Jahren in Korrespondenz stehend und persönlich befreundet, hatte ich es unterlassen, meinen Besuch anznmelden. Große Ueberraschnng, herzliche Begrüßung. Enttänschung darüber, daß mein Aufenthalt so kurz sein wird. Ich hatte erklärt, schon Sonntag über Port-Said nach Jaffa weiter reisen zu müssen. „Aber, sagen Sie mir nur", ruft der Ehacham-Baschi (die Konversation fand natürlich in hebräischer Sprache statt), „wie kann man nach Egypten aus bloß drei Tage kommen?" „Wie darf man denn überhaupt länger in diesem Lande weilen", erwiderte ich. „Wenn ich für länger als drei Tage gekommen wäre, hätte ich mich ja einer Uebertretnng des für jeden Inden bestehenden religiösen Verbotes schuldig gemacht, nach Egypten znrückznkehren und hier Aufenthalt zu nehmen." Kaum hatte ich diese scherzhafte Bemerkung gemacht, als der Oberrabbiner an seinen Bücherkasten eilte, einen Folianten hervorholte und eine Stelle aufschlng, mit der er sich zur Beschwichtigung religiöser Bedenken wohl oft schon befaßt haben muß. Hier, in dem von seinem seligen Vater, einem bekannten Gelehrten, verfaßten Responsenwerke nTJlam ha-Schaar^ (npwn obis), gedruckt in Jerusalem 1862, in den Nachträgen, fol. 23, war ein Gutachten zu lesen, wonach nicht weniger als acht Gründe sind, warum das religiöse Verbot, nach Egypten znrückznkehren, außer Kraft ist: Erstens sei nur verboten worden, ans Palästina nach Egypten zu reisen; zweitens sei nur verboten, anf dem Wege durch die Wüste hinzugelangen; ferner nur zur Zeit des Staates und nur um dauernd in Egypten zu wohnen; dann gilt dies speziell für Kairo überhaupt nicht; dann sind die gegenwärtigen Egypter gar keine Egypter nsw. (Vergleiche die klassische Entschuldigung wegen des zerbrochenen Kruges!) Das anfgesührle schwere Geschütz war natürlich überstüssig. Ich wußte, daß schon Autoritäten des Mittelalters ausreichende Erklärungen zur Entlastung des Gewissens frommer Inden in Egypten gegeben haben und daß darüber in den Glossen zu Maimonides' Codex und im „Raschbaz" Verschiedenes .zu lesen ist. Aber der große Eifer, mit welchem hier ein orthodoxer Oberrabbiner die halachische Rechtfertigung der Umgehung eines religiösen Verbotes produzierte, des klaren Wortes der. Thora (Deuteron. 17, 16): „Der Ewige sprach zu euch: Ihr sollt ans diesem Wege niemals znrückkehren", brachte mich doch auf seltsame Gedanken. Ist das nicht ein sehr gefährliches System, durch Analyse und Interpretation Vorschriften der Thora einfach außer Kraft zu setzen? Könnten nicht Reformrabbiner dasselbe System anf andere Gebote und Verbote an-