Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 47 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063670--08200-3075348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 47. Seite 6. Die Wahrheit gangenheit uachzuspüreu und die Steineselbst, als stumme Zeugen^verklungener Herrlichkeit.von öem Glauben und Hoffen, von dem Ringen und Streben jener / Zeit -zu uns/sprechen zu lassen. / - . - Diese Kunst intuitiven Erfasseus und mächtigen : „ Ergriffenseins" — ein Merkmal sensibler Naturen, hat den bekannten Forscher Pr. B. Wachstem ln Wien, bei der Entzifferung der Inschriften. des alten Wiener Judeufriedhofes in der Rossau geleitet, daß . wir uns noch heute in. lebendigste Gegenwart hineinversetzt fühlen, wo längst nur mehr „die Steine redend Der erste Teil des mit Spannung erwarteten monumentalen Jnschrifteuwerkes *) liegt nun vollendet vor und hat in der Tat alle an ein solches sts-näLrä. work geknüpften Hoffnungen übertroffen. Schon was den äußeren Umfang dieser splendid ausgestatteteu Publikation betrifft, liegt hier eine ganz respektable Leistung vor. Während L. A. Frankls Schrift („Inschriften des alten jüdischen Friedhofes in Wien", 1855) nur 124 Kleinoktavfeiten enthält, umfaßt der erste Teil des Wachstein'schen Werkes nahezu 600 Quartseiten. Freilich nehmen die zahlreichen Textabbildungen und vorzüglich gelungenen Tafeln einen breiten Raum ein, aber der Schwerpunkt dieser großzügigen Epitaphieusammlung liegt in der mit kritischer Meisterschaft dnrchgeführten Bearbeitung des gesamten Juschriftenmateriales. Schon in der Einleitung verrät Wachstein die eigenartige Methode des tiefer dringenden Seeleukenners, der mit der Kraft intensiven Miterlebens die Motive und unausweichlichen Notwendigkeiten der intellektuellen und moralischen Entwicklung eines in einem gewissen Ansnahmszustande lebenden Volkes zu enträtseln sich bemüht. Wie ein hellsichtiger „Seelenerleber" durch das Mittel der Sprache ins Verborgenste zu lauschen vermag, so versteht es Wachstein, aus zarten sprachlichen Andeutungen auf die merkwürdige Weltanschauung der damaligen Inden wichtige Schlüsse zu ziehen. Viele Anschriften zeichnen sich durch regsame Lebendigkeit im Ausdruck, Jdeensülle und feinste Charakterisierung führender Persönlichkeiten des Judentums im 17. Jahrhundert aus; manche von diesen Grabschriften fesseln durch ihre rhythmische Sprachgewalt, während andere durch ihre unmittelbar wirkende Frische und lebhaft znpackende Geistigkeit geradezu heute verfaßt sein könnten und durchaus nicht ihr ehrwürdiges Alter von 3—4 Jahrhunderten verraten. Das Hauptverdienst des Werkes liegt in der zumeist gelungenen Wiederherstellung der Originaltexte auf den Grabsteinen. Die in der Fränkischen Edition enthaltenen verderbten und lückenhaften Stellen wurden durch wiederholte Vergleichung photographischer Kopien und einer Reihe von Abklatschen mit den Originalen purifiziert und komplettiert. Jetzt erst, wo uns die Texte „in diplomatischer Treue" vorliegen, erlangen Form und Inhalt der Inschriften erhöhte Bedeutung. Erst die mit minutiöser Genauigkeit und viel Scharfsinn durchgeführte Textierung erschließt uns die Formenschönheit so mancher poesiednrchhauchter, wahrhaft elegische Stimmung auslösender Verse und kunstvoller Reime, die allerdings dem Stile der jüdisch-italienischen Grabschriften aus derselben Zeit nicht gleichkommen. Ein weiteres Verdienst Wachsteins besteht darin, daß er durch eindringende Analyse des Inhaltes der Inschriften eine große Fülle biographischer Notizen, -genealogischer Untersuchungen, bibliografischer Details und kulturgeschichtlichen Materials zutage gefördert hat. Allerdings konnte kein anderer, als er an die schmierige Aufgabe sich heranwagen. Denn einerseits hat er durch die vor 5 Jahren (in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften Bd. 156/4) veröffentlichte Probe der.hebräischen Epitaphien**) sich wissenschaftlich legitimiert, andererseits war er in der glücklichen Lage, durch in der Zwischenzeit neuaufgesundenes Qnellenmaterial (z. B. die von ihm und Alfred Landau herausgegebenen „Indischen Privatbriese" und das „Wiener Ghetto" von Ignaz *) Die Inschriften des alten Judeufriedhofes in Wien. Im Aufträge der historischen Kommission der israel. Kultusqemeinde in Wien, bearbeitet von Dr. Bernhard Wachstein. I. Teil 1510—1670, Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1912. **) Vgl. darüber meinen Artikel in der „Neuen Nationalzeitung" vom 7. Februar 1908. . Schwgrz)- seine Feststellungen zu ergänzen und .zu..verifizieren. In der schon erwähnten- Einleitung behandelt Wachstem unter anderem das.Alter des Friedhofes, die äußere Form der Grabsteine, die ans die Toten bezüglichen Lobsprüche, die Würden .und Aemter bezeichnenden Epitheta,, die Sprache . der7 Denkmäler, -wobei die verschiedenen Eulogien und Enphemieu unter Heranziehung des schon von Znnz gesammelten Materiales in übersichtlicher Ordnung züsammengestellt werden. ' Es würde den engen Rahmen dieser Anzeige weit überschreiten, wenn wir aus dem reichen Inhalte dieses Werkes auch nur das Interessanteste hervorheben und auf alle die hervorragenden Persönlichkeiten Hinweisen wollten, die durch Wachstein^s zuverlässige Untersuchungen ans dem tiefen Dunkel oder trüben Dämmerschein früherer Jahrhunderte in das Helle Tageslicht der Gegenwart gerückt sind. Das Buch verrät eine große Belesenheit des Autors, der einzelne Gebiete der jüdischen Literatur fast gleichmäßig beherrscht und von einem untrüglichen und stets präsenten Gedächtnis hiebei unterstützt wird. Immenser Fleiß. Kombinalionsgabe, die zumeist das Richtige trifft, und ernste Ueberzeugnug von der Größe seines Gegenstandes verbürgen die wissenschaftliche Haltbarkeit seiner Resultate. Der hohe Wert dieser Publikation leuchtet uns an vielen Stellen ein, denn die hervorragendsten Familien des Wiener Judentums im 17. Jahrhundert (wie Anerbach, Austerlitz, Cohen-Rapa, Lncerna, Bacharach, Heller-Wallerstein, Oettingen, Theomim u. s. w.) treten uns in scharfnmrissenen Zügen, ja manche ihrer Mitglieder in greifbarer Gestalt entgegen. Man lese z. B. (auf S. 93 ff.) die ausführlichen Darlegungen über R. Abraham C h a j j i m aus O p a t.o w, den berühmten, 1623 verstorbenen Rabbiner von Wien und die sarkastische, jedoch feinsinnige, von höherer Konjektnralkritik geleitete Polemik Wachstein's gegen. Cohen Zedek, der obigen Rabbi zu einem Enkel Jakob Pollak's, des berühmten Begründers des Pilpuls in Polen, .stempeln will. Sehr instruktiv ist auch der Exkurs über R. Chajjim Ra spitz, den 1633 verstorbenen Wiener Gemeindeschreiber, der von Steinschneider irrtümlich als ein Märtyrer bezeichnet wird. Durch glückliche Verwertung zeitgenössischer Quellen gelingt Wachstein der Nachweis, daß Raspitz mit dem Verfasser der Techina „Ijju.ii Tiiephillah.“ identisch ist, wodurch eine ganze, unter den Bibliographen verbreitete Legendenbildung zerstört wird. Wir eilen zum Schlüsse, indem wir dankbar anerkennen, daß sich die historische Kommission der Wiener Kultus gemein de durch die Herausgabe dieses Werkes ein hohes Verdienst um die jüdische Wissenschaft erworben hat. Auch der gelehrte Herausgeber spricht in warmen Worten allen denen seinen Dank ans, welche „diesem Werke ihre Fürsorge angedeihen ließen", so insbesondere dem berühmten Wiener Orientalisten. Herrn Hofrat D. H. Müller, der nicht nur der unerreichte Meister auf dem schier unübersehbaren Gebiete der semitischen Philologie, sondern auch eine Zierde des Judentums ist, ferner Herrn Dr. Leopold Kohn. den Wachstein so schön „den Mann mit dem Hellen Verstände und dem warmen Herzen" nennt. Diesen tiefempfundenen Dankesworten wird jeder aufmerksame Leser nach genußreichen Stunden der Lektüre dieses Werkes sich gerne anschließen. Denn es ist ein Buch, das mehr als fachgenössisches Interesse bietet; es ist eine Fundgrube für den Seelenerforscher und eine Freude für den künstlerischen Betrachter. Airs dem Mege nach Jerusalem Reisebriefe von Rabbiner Dr. Armand Kaminka. j m. Kairo. — Gin nächtlicher Besuch d er Py r a m i d en« — Di e All ia nzs ch n len. Warum das religiöse Verbot, nach Egypten znrückzukeh ren, heute nicht mehr g i l t.'— Arg lt m eute z n g u n st e n der liberale n „Richtlinie n". — FostLt. Ans dem sehr ausgedehnten, großstädtischen, elektrisch beleuchteten Bahnhof in Kairo herrscht ein reges Leben und man