Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 47 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Beite 5. Nr. 47. Die Wahrheit Ihr Verhalten soll nach.einem-.Gesetzvorschlage, dem im Staatsbeamtenausschnsse auch der Beamtenanwalt Dr. Wader (?) zustimmte, künftig nicht nur im Amte, sondern auch.außer dem Amte dem Wunsche der Vorgesetzten entsprechen müssen. - Die jüdischen Steuerträger, die bekanntlich einen verhältnismäßig großen Teil der allgemeinen Steuerlasten tragen, sind nun bei der leider gegenwärtig in Oesterreich grassierenden Jndenfeindschaft noch mehr als andere Staatsbürger an einem zufriedenen und der bitteren Lebenssorgen überhobenen Beamten- und Lehrerstande interessiert. Werden Lehrer und Staatsbeamte bis zur Verzweiflung versklavt, dann werden sie sich bald, wie gegenwärtig viele n.-ö. Landes- und Wiener Gemeindebeamte als spezifische Diener einer Partei fühlen oder — unzufriedene Feinde unserer Staatsgenieinschaft werden. Auf keinen Fall können unzufriedene und versklavte Menschen immer gerecht und objektiv handeln; des Inden Heil liegt aber allezeit in der ehrlichen, unvoreingenommenen Ausführung der bestehenden Gesetze. Aufrechte Inden müssen daher alle berechtigten Forderungen der angeführten Bernfsstände in ihrem eigenen Interesse unterstützen. Wer dies nicht tut, fühlt nicht mehr als Jude und stellt andere Interessen dem Interesse der Judengemeinschaft voran. R. L.. Die Wiener Knitiiswohlei». Bei der am Mittwoch, den 4. Dezember 1912 stattgehabten Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern der israelitischen Kttltnsgemeinde Wien durch die Kurie der höherbestenerten Gemeind.emitglieder wurden w i ed e r g ew äh l t: Für eine 6jährige M a n d a t s d a n e r: . Moriz B. Eißler, Dr. Le opold Kohn, D r. Arth u r K u r a n d a, -'Y Mn x Z i r n e r. Nenge wählt: F ü r e i n e 4 j ä h r i g e M a n d a t s d a u e r: Eduard Sch w a rz. Wie man Antisemiten kariert. Unter dem Titel: „Zins trägt W o h l t n n" erzählt das „Wiener Montags-Journal" folgende höchst lehrreiche Geschichte: Gerade gestellt heißt das Sprichwort allerdings: Wohltun trägt Zinsen, das wissen wir. In diesem Falle ist aber die Verdrehung der Wortfolge von tiefem Sinn. Und nebenbei handelt es sich um eine sympathische Zinssteigerung, eine Hausherreneinnahme, der sonst dieses Epitheton selten freiwillig zngestanden wird. Aber, man höre nur zu: Ein reicher Industrieller, der sich die Behauptung seiner Mitmenschen zum einträglichen Beruf gemacht hat und als reichster in seiner Branche bis zum wirklichen Millionär emporgediehen ist, dieser Industrielle hatte eine arme Kontoristin, die mit ihrem kargen Gehalt sich und ihre arme Mutter redlich ernährte und keine anderen Forderungen an das Leben stellte, als in diesem ärmlichen, aber sicheren Kontorwinkel itugestört sitzen bleiben zu können. Allein, sie hatte einen Geburtsfehler. sie war Jüdin. Zwar hat ltnsere aufgeklärte Zeit, selbst manchen euragierten Antisemiten schon die Duldung solcher armer Arbeitsmenschen beigebracht, man ist im wesentlichen davon abgekommen, bei den ärmsten Hausierern mit dem praktischen Antisemitismus zu beginnen. Aber es gibt doch noch arische Herren, die in ihren Kontors keine Juden leiden mögen und auch keine Jüdinnen, selbst wenn sie noch so sauber sind und die kleinsten Ansprüche stellen. Und so hörte der besagte Millionär, daß er eine kleine Jüdin in seinem Kontor hatte und die Folge davon war die Kündigung und Entlassung aus der Stellung. Man kann sich denken, daß eine derartige Maßregel angesichts des nahenden Winters dem armen Mädchen nicht angenehm war; beim Verlassen des Kontors weinte sich die Äermste bitterlich ans und als ein Vorübergehender sie um den Grund ihres Schmerzes befragte, ' erzählte ihm das Mädchen ihr Schicksal bereilwilllg. Nun hat zufällig der Fabrikant ein vornehmes Detailgeschäft in einer der vornehmsten Straßen Wiens, und der Hausherr des besagten Fabrikanten ist auch ein Millionär, noch dazu ein mehrfacher, tind ist, was eigentlich das Pikante an der Sache ist, Jude. Keiner, der ein Aufhebens davon macht und auch keiner, der zu den Frömmsten gehört, aber einer, der sich selbst wegen der schönsten Heirat in seiner Familie nicht zum „schmatten" hergegeben. Man nennt seinen Namen in der Sportwelt mit dem größten Respekt und in einer kürzlich erst ausgebrochenen Tnrfasiäre haben sich selbst die enragieriesten Fendalherren eifrig auf die Seite des Herrn gestellt, dessen Diener seinen guten Namen zu beschmutzen gewagt. Dieser Herr nun hatte, wetß der liebe Himmel wie, von der Entlassung der kleinen Kontoristin Kenntnis erhalten und in seiner klugen, stillen Art beschloß er, den biederen Antisemiten zu bestrafen. Er ließ ihn zu sich rufen und eröffnete ihm, daß der Laden, den er in seinem Hause bisher innegehabt, von nun au 4800 Kronen mehr koste. Der Fabrikant protestierte und weinte über schlichte Zeiten und hohe Zinse, aber es half ihm nichts. Der Hausherr eröffnete ihm, daß er sich rasch entschließen müsse, weil sonst, der Laden um 10.000 Kronen mehr kosten würde. Also beeilte sich der Fabrikant und kleinere Millionär, in die große Millionärshand einznschlagen und den geforderten Zins zu bewilligen. Und nun kam das Tableau. Noch in Anwesenheit des Mieters ließ der Millionär die arme Kontoristin holen, die wohl nebenan gewartet hatte, und eröffnete ihr, daß sie fortab bis auf weiteres jeden Monat 400 Kronen au seiner Geschäftskasse erheben könne. Ueber das Gesicht des anwesenden Mieters ist freilich nichts gesagt worden, Photograph war leider, auch keiner anwesend, aber die kleine, lustige Zinssteigerungsgeschichte hat rasch die Runde im Viertel gemacht und selbst die enragiertesten Zinssteigerungsgegner und die heißesten Antisemiten konnten sich eines schadenfrohen Lächelns nicht erwehren. So hat einmal eine Zinssteigerung auch einen anderen Segen gestiftet, als den bisherigen für die Tasche des Hausherrn und des Staates, und nebenbei ist der betroffene Fabrikant auch dabei als der bekannt geworden, der er nie sein wollte: weil er ja auch jüdische Kavaliere zu seinen Kunden hat. Er wird sich nun über die erfahrene Steigerung und auch über den Verlust manches guten Kunden trösten müssen. Zum Glück ist er reich und kanns leichter verwinden. Der edle Wohltäter braucht sich also auch keine Gewissensskrupel zu machen und die arme Kontoristin mag sich einen schönen Weihtiachtsbanm gönnen, weil, das eigentlich eine altgermanische Sitte ist und mit dem Glauben an sich nichts zu tun hat. Die Geschichte soll buchstäblich wahr fein und wenn sie es nicht wäre, so könnte sie immerhin die gute Moral lehren und etwaigen Hausherren zur Nachahmung dienen. Vivant seqnentes . . .! Wie Inschriften des alten Wiener Indenfriedhofes. Bon Dr. L. Lazarus Die Kunst, fremde Gemütszustände wie eigene zu empfinden, ist ein unerläßliches Kriterium für die richtige Deutung und kritische Prüfung alter Denkmäler. Wenn die Forderung des Kunstkritikers lautet: Das Kunstwerk in den Sinn seines Schöpfers znrückzudenken, dann ist es die Aufgabe der historischen Kritik überhaupt, nicht bloß objektiv das Milieu zu ergründen, auf welches sich geschichtliche Urkunden, Inschriften und andere' Dokumente beziehen, sondern auch diese selbst mit den Augen ihrer Urheber — also subjektiv — anzusehen. Diese Gabe der „Einfühlung" in längst entschwundene Tage und wesensverschiedene Individualitäten befähigt den Forscher, der Seele der Ber-