Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 47 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leilc 4. Die Wahrbeil. Nr. 47. aber auch der großen Gesamtheit. Das möge jeder bedenken und beherzigen! Gewiß wie zu Makkabis und zu allen Zeiten sind auch heute Abtrünnige genug und bringen Individualismus und andere Strömungen der Religion großen Schaden, am meisten der Religion einer Minorität, die in sich in fast ebensoviel Nuanciernngen gespalten ist, als sie Mitglieder zählt und täglich so viel Verluste aufweist! Wir miisseu uns aber gerade deshalb unbeschadet unserer religiösen Ueberzengung auf dein gemeinsamen Boden unserer Schrift und Geschichle einigen und mit allen Zusammengehen, die guten Willens sind. Religion ist Gottesbewußtsein, das in allen lebendig, d. h. tätig und gegen innere und äußere Schädlinge wirksam sein muß! Religion ist aber auch Bewußtsein unserer Menschenwürde, unseres „Ich', das nimmer verschwinden und verlöschen darf! Wir wollen nicht Herdentiere sein, auch nicht Herrenmenschen im Sinne einer dünkelhaften Ueberhebung über andere, voll Vorurteil und Aberwitz, sondern selbstbewußte, allen hilfreiche Gotteskinder, voll Liebe zu allem großen Schönen und wirklich Gutem! Unseren gewiß großen, menschlichen Fehlern und Gebrechen gegenüber nicht tanb und blind sein, sondern sie stets erkennen und zu beheben suchen, ist Makkabäerpflicht. Stets an uns zu arbeiten, an der Veredelung dieses alten Stammes, der Pflege feiner Reiser, das ist unser Vermächtnis und unsere Zukunft! So mögen diese Gedanken alle zu besserer Zukunft führen, wenn sie das Chauukalichtlein auzündeu, möge das Lichtlein in ihrem Herzen immer mächtiger leuchten und erwärmen! Die Kultur schreitet nur langsam vorwärts und keine Macht, Gottlob, auch die stärkste Finsternis nicht, kann dies Licht für immer verdrängen. Dessen seien wir eingedenk und kämpfen wir dort, wo Licht und Fortschritt leuchten und rufen! Da ist der Ruf des Channkafestes mit seiner wachsenden Lichterzahl! Möge auch iu und um uns Licht und Erkenntnis wachsen und uns stärken in unserem Glauben in unserer Ueberliefernng und der Zukunft unseres Volkstumes! Die Kultur läßt sich nimmer vertilgen, die Erkenntnis bricht sich Bahn und die Ideale der Väter: Die unwandelbare Treue, die unerschütterliche Ueberzengung von der lichtvollen Zukunft, sie leben und werden uns immer beleben und zu Gott und der besseren Menschheit emporführen. „Ein Licht leuchtet dem Gerechten" trotz aller Finsternis' der Hellen Zukunft entgegen. Krumau, Kislew 5673. Prof. Dr. L. Hirsch. Die öffentlichen Kehrer und Staatsbeamten in Oesterreich nnd die Inden. Seit es in Oesterreich interkonfessionelle öffentliche Schulen gibt, werden dieselben von den Kindern aller Koufessionsgenoffenschafteu benützt. Die Schulgesetzgebung überantwortete die öffentlichen Volks- und Bürgerschulen der Gewalt der Gemeinde- und Landesvertretungen nahezu vollständig. Diese Vertretungen zeigten sich keineswegs so schulfreundlich, wie es das Interesse der Schule und der Lehrerschaft erheischt hätte. Schulgemeinden und Kronläuder waren der sprichwörtlich gewordenen Lehrernot gegenüber allezeit schwerhörig und gewährten erst daun Gehaltsaufbesserungen, wenn die Lehrernot bereits skandalöse Formen angenommen hatte und dieselbe von der mittlerweile erfolgten Verteuerung aller Lebensbedürfnisse längst überholt waren. Solcher Sünden machte sich die Gesellschaft bereits unter dem liberalen Regime schuldig und der antisemitische Bürgermeister Dr. Lueger konnte nach seinem Regierungsantritte in Wien mit Recht darauf Hinweisen, daß er von den Liberalen einen verhungerten Lehrerstand übernommen habe. Auch die Rechtsverhältnisse-der Lehrerschaft befanden sich noch unter den Liberalen auf einem derart tiefen Standpunkte, daß sich die Lehrerschaft damals in Wien erst das Wahlrecht erkämpfen mußte. Es ist wohl bekannt, daß Dr. Lueger diesen Rechtskampf vor dem hohem Verwaltungsgerichtshofe siegreich zu Ende führte, freilich war er damals noch Demokrat. Dem vorurteilslosen, objektiven Beobachter der Tatsachen kann es daher nicht wunderlich erscheinen, daß es dann den demagogischen Versprechungen und Werbungen der christlichjozialen Partei gelang, den Großteil der darbenden Lehrerschaft auf ihre politische Seite zu bringen. Innerhalb der letzten 15 Jahre wurden nun die Agrarier in Oesterreich von der Regierung und den mächtigsten bürgerlichen Parteien (Christlichsoziale und Deulschnationaler Verband) derart nachdrücklich unterstützt, daß dadurch eine geradezu wahnsinnige Verteuerung aller Lebensbedürfnisse hervorgerufen wurde, die auf alle ärmeren Volksschichten unheimlich, aufreizend und beängstigend wirkt. Es ist derzeit ein schier unlösliches Rechenexempel, wie z. B. eine nur mit zwei Kindern gesegnete Arbeiterfamilie ihre allernotwendigsten Bedürfnisse decken soll, wenn das Oberhaupt nur 120 Kronen monatlich verdient, was den Tatsachen wohl meist entspricht, denn wohnen, essen und sich bekleiden müssen hierzulande alle Menschen, wenn dies noch so einfach bewerkstelligt wird. ' Denkende Menschen müssen es daher wohl begreifen,- daß die Arbeiter zum Klaffenkampf gedrängt werden mußten, nnd das Proletariat' führt diesen Kampf vor unseren Angen wacker nnd mit wachsendem Erfolge durch. Aber nur durch die im hohen Maße zutage getretene Solidarität erhielten die Arbeiter die Macht, die Löhne mindestens annähernd den dringendsten. Bedürfnissen gemäß durch Streiks und Lohnverhandlungeu mit den Fabriks- und Werksbesitzern zu erhöhen. Die Verteuerung aller Lebensbedürfnisse wird aber von der gewaltigen Masse der Beamten, Lehrer und sonstigen Fixangestellten nicht weniger schmerzlich gefühlt, aber der Streik kann von ihnen nicht als Kampfmittel benützt werden, weil derselbe den Dieustvertrag sofort lösen und die Brotgeber, seien sie nun der Staat, einzelne Länder oder Gemeinden, nur von der Pensioniernngsverpflichtnng entbinden würde. Diese intelligenten Volksschichten wurden aber durch die gemeinsame Not zu gewaltigen Verbänden zusammengeschweißt, welcher Prozeß sich vor unseren Augen vollzieht. Anfangs wendeten sich nun diese Bernfsverbände an ihre Brotgeber höflich und suchten dieselben durch Bitten und Schilderungen ihrer tristen Lage guu Verbesserung ihrer Existenz zu bewegen. Aber Staat und Gesellschaft suchten mit Vertröstungen und leeren Versicherungen ihres Wohlwollens die Petenten hinzuhalten, es sei momentan die nötige Bedeckung hiefnr nicht vorhanden, meinten sie. Dieses Spiel wirb nun mit deu Beamten und Lehrern schon ■ seit Jahren getrieben und. als nun die Versammlnngsreden derber wurden und Beamte und Lehrer mit passiver Resistenz nnd politischer Fahnenflucht drohten, fand die Regierung unddie in Oesterreich herrschende Clique, daß sichein solcher Ton für Beamte oder Lehrer nicht gezieme. Dieselben sollen wohl als Sklaven der Allgemeinheit derselben unter allen Umständen weiterdienen und ruhig — weiterdarben. Besonders den Lehrern nahm man es übel, wenn sie durch ihre Forderungen den Schulerhaltern unangenehm wurden, das war nicht ideal gehandelt. Die Beamten und Lehrer machten aber die unliebsame Erfahrung, daß nur für sie allezeit kein Geld vorhanden sei, für andere Zwecke ist aber allezeit Geld im Ueberflnsse da. Es kam daher zu aufgeregten Straßendemonstrationen und die Wiener Tagesblätter berichteten erst letzthin von einergewaltigen Straßendemonstration, die am 19. Nobember 1912 von den österreichischen Staatsbeamten in Wien durchgeführt wurde. Regierung und regierende Parteien haben trotzdem noch nicht den Plan anfgegeben, Lehrer und Beamte staatsbürgerlich und beruflich rechtlos zu machen. Geht es gegenwärtig auch nicht mehr an, den Lehrern und Beamten das Wahlrecht zu nehmen, ist der Lassersche Beamtenerlaß auch längst nicht mehr anwendbar, so versucht man es doch noch unverdrossen mit neuen Entrechtnngsmethoden. Ein der "Lehrerschaft von ihrem angeblichen Freundes?) Exzellenz Dr. Albert Geßmaun gewidmetes n.-ö. Landesgesetz (1904 und 1910) bestimmt, das Verhalten einer an einer-öffentlichen Volks- oder Bürgerschule angestellten Lehrperson habe nicht nur in der Schule, sondern auch außer der Schule den Vorgesetzten Schulbehörden zu entsprechen. Mit einem gleichen Gesetze will nun die Regierung auch die Staatsbeamten beglücken.