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Die Wahrheit · 1912-11-22 · Heft 45 (22.11.1912) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 45 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 45. Inden. Ladislaus Posthmnns, dieser junge Fürst, der um die Gunst des Volkes buhlte und kein Mittel scheute, so es galt, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, ließ im Juli 1454 auf Anregung des Blmmenscheu Capistrauo, der kurz zuvor im Mai 1454 in Breslau es durchgesetzt hatte, daß einundvierzig Juden auf falsche Gerüchte hin auf dem „Salzriug" vor seiner Wohnung zum Ergötzen der frommen Christen verbrannt wurden, aus den Städten Brünn, Olmütz, Znaim, Neustadt u. s. w. sämtliche Juden answeisen. Den Fleischern in Brünn, die ihr Schlachthaus bereitwilligst zum Baue eines Franziskanerklosters hergegeben, schenkte Ladislaus, König von Böhmen, einen Teil der jüdischen Synagoge, wo sie Fleisch ausschrotten sollten. Auch der Stadt Olmütz schenkte Ladislaus die Judenhäuser, die Synagoge und den Friedhos. — So geschah im Jahre 1454! Nun sollte man glauben, daß die Zeit, wo die Menschen verrohr, verwildert, vertiert, die Geister wahnnmnachtet waren, längst vorüber fei’ da inzwischen die Kultur sich hüben wie drüben Bahn gebrochen und die zivilisierten Völker der Erde die Ueberzeugung gewonnen, daß es töricht, sündhaft sei, Menschen um ihres Glaubens willen grausam zu verfolgen und zu bedrücken. Weit gefehlt! Selbst heute, im goldenen Zeitalter der Elektrizität, Eisenbahn und Lnftschiffahrt, gibt es noch Lehrer der Religion der Liebe, die sich am Anblicke brennender Ketzer ergötzen würden. Wer diese Behauptung aber für ein Fantasiegebilde hält, lese folgende Notiz, die vor wenigen Tagen das „Mähr. Tagblatt" ans O l m ü tz gebracht. Man höre und staune: „Der Dominikanerpater Schnee, dieser klerikale Heißsporn, dessen Predigten schon sehr oft ausgesprochene politische Exzesse waren, scheint den letzten, mühsam gewahrten Nest priesterlicher Mäßigung verloren zu haben. Die Predigt, die er vorige Woche in der Dominikanerkircbe hielt, überbot wenigstens, wie uns Ohrenzeugen berichten, alles, was Pater Schnee in dieser Richtung an „Gottes Wort" geboten hat. Er wetterte gegen „Inden", „Sozialisten" und „Freiheitliche" und wutschnaubend apostrophierte er die Anhänger der fakultativen Feuerbestattung — expressis verbis — als diese Tiere!", nachdem er zuvor das Prinzip der Feuerbestattung beispiellos verdächtigt' und bespöttelt hatte. Die Verlegung der Friedhöfe ans dem Stadtbilde hinaus habe nur die Furcht vor dem Tode zur Ursache, die hygienische Rücksicht sei nur ein Vorwand! „Meinetwegen" — sagte Schnee — sollen sich die Juden und Sozialisten nur verbrennen lassen. Wenn sie sich lebendig (!) verbrennen lassen, trage ich den ersten Scheit herbei." — Nun glaubt man da nicht die Sprache eines Johannes Capistrauo zn hören? Bei Gelegenheit sei bemerkt, daß unter den Eskulanten, die 1454 Brünn verlassen mußten, sich auch der damalige Brunner Rabbiner, Rabbi Israel Bruno, der ein vorzüglicher Schüler des gefeierten talmudischen Koryphäen R. Jakob in Erfurt und R. Israel Jsserlein in Wr.-Nenftadt war, befand. Seine Responsen „Schaalot utescbubot“ werden heute noch in Fachkreisen sehr geschätzt. Fr. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Die Ve.rdiählung des Freiherrn Alfons v. R o th s ch i1 b.) Ans London wird telegraphiert: In der Zentralsynagoge in der Grear Portland Street hat Mittwoch, den 20. d. M.. um 2 Uhr nachmitltags, der Chefrabbiner Dr. Michael Adler in feierlicher Weise die Vermählung des Barons Alfons Rothschild mit Miß Clairice Sebag-Montefiore, Tochter des Mr. Edmund Sebag-Montefiore und der verblichenen Mrs. Julia Sebag-Montefiore. vollzogen. Von seiten der Familie Rothschild hatten sich zur Hochzeitsfeier eingefnnden: Die Brüder des Bräutigams, die Barone Louis und Engen Rothschild, die Schwester Frau Valentine Springer-Rothschild mit ihrem Gemahl Herrn Siegmund Springer, ferner die Mitglieder der Londoner Familie Lord und Lady Rothschild, Mr. und Mrs. Leopold Rothschild, Mr. und Mrs. Charles Rothschild. Mr. und Airs. Lionel Rothschild, Antony und Evelyn Rothschild; aus Paris Baron und Baronin Edouard Rothschild, Baron James Rothschild, Baron Maurice Rothschild, Mr. und Mine. Maurice Ephrussi; weiter die Familie und die Verwandten der Braut; der Botschafter am großbritanmschen Hofe Gras Alfons Mensdorff-Pouilly-Dietrichstein war mit den Herren der Botschaft erschienen, und auch der deutsche Botschafter Fürst Lichuowsky wohnte der Trauung bei. Außer den Geuaunten waren einige zum intimsten Freundeskreise des Barons gehörige Persönlichkeiten aus Wien und zahlreiche Mitglieder -der englischen Gesell-- schaft anwesend. — Baron Alfons Rothschild hat aus Anlaß seiner Vermählung einen Gesamtbetrag von 130.000 Kronen für verschiedene Wohltätigkeitszwecke gewidmet. Der Berrag kam schon heule in folgender Weise zur Verteilung: Für Arme 10.000 Kronen, und zwar je 5000 Kronen, durch die. n.-ö. Sratthalterei und die israel. Kultusgemeinde; für die Poliklinik, die Oesterreichische Gesellschaft vom Roten Kreuze, den „Bettina"- Pavlllon. das Rothschild-Spiral und die Israel. Altersversorgnngsanstalt: je 20.000 Kronen und je 10.000 Kronen für Wohltätigkeitsakte auf den- Herrschaften Langau und Schillersdorf. Wien. (B e k l e i d u n g s s e st). Die große Anerkennung, deren sich das humanitäre Wirken des „Vereines zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer israel. Kon-- f e s s i o n" in den weitesten Kreisen ersreut, kam auch heuer in dem außerordentlich starken Besuche des am 17. d. M., 4 Uhr nachmittags, >m Hotel Continenlal stattgehabten Bekleidungssestes zum Ausdruck. Anwesend waren: Kultusvorsteher Adolf S ch r a m e k in Verlrelung der israel. Kultusgemeinde, Bezirksvorsteher B l a s e l, Landtagsabgeordneter Cornel- Spitzer, die Kultusvorsteher Carl L e m b e r g e r, Emanuel Grünwal d und S- B r o d. Gemeinderal N e u st a d t l, die Vorsteher Theodor Kohn und Leopold Otto, die-Bezirksräre Philipp Back und Edmund Hosmann, die Oberkantoren Bauer und Morgenstern, Kantor L ö w i r, Oberlandesgerichtsrat S p i tz k o p s, Hofrat Schlag, kais. Rat Dr. Arnold Ascher n. v. A. Professor Storch leitete die Feier mit einem stimmungsvollen Präludium ein und hierauf brachte nach Begrüßung der Festgäste durch den Vizepräsidenten Dr. Elias M ü n z, Fräulein Melly> Weiß ein von Rabbiner Dr. Schmied! verfaßtes Gedicht „Der erste Schnee" fein nuanciert znm Vortrage. Die Festrede hielt Rabbiner Drv Fenchtwang, der deu Gedanken „Wohltun ist Gottesdienst" in kurzer aber meisterhafter Rede auf die Tätigkeit des Vereines anwendere. Die künstlerischen Darbietungen der Frau Dr. Tausky aus Prerali, die sich als eine Sängerin von reichen Stimmitteln und feinem Geschmack zeigte, sowie die Chöre des Kaufmännischen Gesangvereines, in deren Leitung sich- Chormeister A. v. H e n r i gn e z und Komponist Leo Ascher teilten,' wurden stürmisch akklamiert. Bezirksvorsteher B l a s e l nutz Kultusvorsteher- S ch r a m e k zollten in ihren Ansprachen dem Wirken des Vereines große- Anerkennung. Die Schlußrede des Vereinspräsidenten Isidor Schwarz,, der unter -anderem auch dem Andenken des verstorbenen Gönners des- Vereines, Herrn David Ritter v. Gut m a n n, pietätvolle Worte widmete,' klang in ein dreifaches Hoch auf S e. Majestät den Kaiser ans, in das die Festversaiumlung begeistert eiiistlininte. Wien. (B e t - H a m i d r,a s ch „T a l m n d - T h o r a. II., Malzgasse 16.) Sonntag, den 24. d. M., 5 Uhr nachmittags, wird daselbst ein Vortrag über „Oberrabbiner Josef W e i s s e und sein Wirken", anläßlichseines bevorstehenden 100. Geburtstages, von Herrn Prof. Mor. A n t s ch e r l abgehalten werden. — Die nächsten Freitag-Abend-Vorträge, beginnend um halb 8 Uhr abends. Am 22. d. M. Herr Rabbiner H. Schenk: „Die Psalmen", und am 29. d. M. Herr Rabbiner L. Goldstein: „Eine Geschichte aus dem Mittelalter. Wien. (Jüdische T o y n b e e h a l l e, XX., Othmargasse 46.) Beginn der Vorträge: An Wochentagen 1/28 Uhr, Samstag, sowie an Soun- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Vortrags-Programm für die Zeit vom 23. November 1912 bis 29. November 1912: Freitag, den 22. November, Bibelvortrag, Lehrer Benj. Benedikt. Samstag, den 23. November, Konzert. Sonntag, den 24. November. „Der Talmud über die Frauen", Rabbiner Dr. M. Bauer.. Montag, den 25. November. „Ueber Geschlechtskrankheiten und deren Bekämpfung (für Männer)", Dozent Dr. M. Oppenheim. Dienstag, den 26. November, „Vom Verbrechen zur Strafe", Dr. M. Reiß. Mittwoch, den 27. November. „Deutscher Literatur-Zyklus, dritter Abend. Donnerstag, den 28. November, „Angewandte Astronomie", cand. ing. S t e i n d l i n g.- Freilag, den 29. November, Bibelvortrag. Wien. Der B e t h a u s - V e r e i » „Tefilath Ieschuru Prater, 11/8, Ausstellnngsstraße 53, veranstaltet Samstag, den 7. Dezember. in M. P e r t l s 3. Kaffeehaus, k. k. Prater-Hanptallee eine C h a n u k a- Fei er mit anschließendem Tanzkränzchen. Ihre Mitwirkung haben bereits, Herr Rich. Waldemar und Fräulein Grete D i e r k e n s vom Carltheater, sowie andere erstklassige Knustkräfte zugesagt. Die Musik besorgt: die Kapelle des k. u. k. Infanterie-Regimentes Nr. 82. Beginn des Konzertes 8 Uhr. Karten sind bei sämtlichen Mitgliedern des Vorstandes und des Jnng-Herren- und Jung-Damen-Komitees erhältlich. Alle Zuschriften erbeten an Obmann Heinrich Bondy, II., Ausstellnngsstraße 23. Prestburg. (T r a u e r f a l l.1 Im Alter von 21 Jahren verschiedhier Fräulein Berta G o l d st e i n, Schwester des Herrn Rabbiners und Feldpredigers Leop. G o l d st e i n-Wien, und wurde mit besonderen Ehren zn Grabe getragen.-Sie begründete den „Israelitischen Mädchen-Klub" iw Preßbnrg, der sich Wohltärigkeit, Krankenpflege. Geselligkeit und Pflege echter Religiosität zur Aufgabe gemacht hat und sich besonderer Sympatieen überall erfreut. Die Verewigte war die Seele dieser' Vereinigung und die Trauer um sie ist eine allgemeine. Beweise aufrichtiger Teilnahme kamen der Familie von allen Seiten zn. Der Verewigten Andenken sei gesegnet!' Budapest. In der letzten Sonntag stattgehabten Generalversammlung der Budapester Kulmsgemeinde wurde der bisherige Präsident-Stellvertreter. Herr Ludwig Adler, nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt. Zu Vorstehern wurden gewählt: Dr.Friedrich Halaß und Baron Moritz Leopold Herzog. Der Ausschuß -wurde mit den Herren Josef' Brody und Max Grün bäum ergänzt. Der ausführliche Bericht überdie Generalversammlung folgt in nächster Nummer dieses Blattes.

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