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Die Wahrheit · 1912-11-22 · Heft 45 (22.11.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 45 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 Seite 11. Analphabeten. Eine Episode ans dein rnssisch-japanischen Kriege. Bon Babette Fried, Prag. '' (Fortsetzung.) > . Bei diesen Worten glitt ein wehmutsvoller Zug über das -Gesicht des Jünglings. Der dumme Bauer nannte ihn einen Gelehrten, während er sich tatsächlich über seine Unwissenheit .innerlich kränkte.. . Er galt in der Talnindschnle als ein guter fleißiger Schüler, der es mit so manchem guten Talmndisten ausnehmen "konnte. Aber das genügte ihm nicht mehr; er wußte, daß die Welt heutzutage auch die Kenntnis profaner Wissenschaften verlangte, daß er ohne diese sein Ziel, Rabbiner zu werden, schwerlich erreichen werde. Bisher hatte ihm jede Gelegenheit zur -Erlangung dieser Kenntnisse gefehlt, so sehr er auch danach gedürstet hatte, in das Meer des Wissens zu tauchen und daraus Schätze zu heben, die ihm und mehrern gleich ihm den Einblick .in die Wunder der Natur und Kunst gestatten würden. Er aber, Schamröte bedeckte bei diesem Gedanken seine bleichen Wangen, er aber konnte weder schreiben noch lesen. Das, was er im Eheder bei dem alten Melamed gelernt hatte, beschränkte sich ans den gebräuchlichen Jargon,, das Jiddisch. Eine andere Sprache beherrschte er nicht, eine andere Schrift konnte er nicht lesen. Grade war er daran, seine Sehnsucht nach Wissen einigermaßen zu befriedigen, indem ein Freund, der infolge seiner ^Kenntnis der deutschen Sprache und Literatur allen Talmndjüngern als unerreichbares Vorbild erschien, versprochen hatte, mehrere Kollegen, unter denen sich auch Chajim Goldfinger befand, , in die Geheimnisse .des Lesens und Schreibens der deutschen Sprache einzuweihen. Wie hatte sich unser Chajim darauf gefreut! Er sah sich im Geiste als Rabbiner in einer großen Gemeinde, lehrend und weiter forschend, bestrebt, die Macht der Finsternis und Unwissenheit, die ach so viele seiner Glaubensgenossen beherrschte, zu brechen, und Wissen und wahren Glanbeil in seiner Gemeinde zu verbreiten. Und jetzt war all diesem ein Ende bereitet. Er sollte hinaus in den Krieg, von wo er nicht hoffen .durfte, wenn überhaupt, heil znrückzukommen, in jedem Falle -als Last für seinen Vater, dem er doch so gerne eine Stütze geworden wäre. Und doch wurde noch er beneidet, und zwar -von seinem Schicksalsgenossen Franzek. Dieser und sein Vater Petru waren vollständige Analphabeten, sie konnten weder lesen moch schreiben. Abraham antwortete dem Bauern auf seine diesbezügliche Bemerkung: „Ja wir können leider auch nur jiddisch schreiben, und -das polnische und russische Alphabet ist uns ebenso fremd, als ^nch das jiddische, sonst hätte ich euch den Vorschlag gemacht, daß mein Chajim euerm Franzek die Briefe an euch schreiben .wird, unh ich sie euch daun vorleseu könnte. Schade!" „Was schade? rief Petru eifrig, „das kann ja doch ge- Ichehen. Soll der Chajim nur jiddisch schreiben, ihr-werdet es :mir dann übersetzen. „Das heißt, wenn wir beisammen bleiben," warf Chajim bedächtig ein. „Hoffen wir es." beruhigte Abraham. Mit einem kräftigen Handschlag verabschiedeten sich Petra mnd Franzek, und verließen die Kretschma, ohne mehr an den begehrten und ihnen versagten Branntwein zu denken. * * * Wie zu befürchten war, so geschah es auch. Franzek und Ehajim wurden zum Kriegsdienste tauglich befunden und in die Soldatenuniform gesteckt. Ohne die mindeste vorherige Abrichtung wurden sie sofort znm Kriegsschauplatz geschickt. „Futter fürs Pulver," hieß es. Nachdem sie in der Festung einigermaßen instruiert waren, hatte man sie zu der Arbeit an den Wällen kommandiert. Es war das eine harte, aber vorderhand gefahrlose Arbeit, die dem kräftigen, an körpliche Arbeit gewöhnten Franzek viel leichter ankam, als dem. Stubenhocker Chajim, dem .wohl die Beantwortung einer -schweren talmndischen Frage keine Beschwerden verursachte, der aber einen Korb voll Erde nur mit Anspannung aller Kräfte fortbringeu konnte. ' Erst bei vollständiger Dunkelheit war es der ermüdeten Mannschaft gestaltet, nach dem anstrengenden Tagewerke der Ruhe zu Pflegen. Während sich seine Kameraden auf den Matratzen Herum-« wälzten und Lieber sangen, ließ sich Chajim in einem Winkelchen nieder, und las ans einem in Taschenformat gebundenen Thillim Psalmen vor sich hin. Das war seine Erholung. Da näherte sich ein Soldat dem Platze, wo er saß und sprach ihn an. Unwillig ob der Störung wollte Chajim schon eine abweisende Bewegung machen; da erkannte er in dem Angekommenen feilten Landsmann und Jugendgespielen Franzek. „Ach, du bist es Franzek," rief ihm Chajim freundlich zu. „Ich habe dich lange nicht gesehen, wo kommst im her?" Die beiden Freunde arbeiteten an entgegengesetzten Enden der Festüng, weswegen sie nilr selten zilsammenkamen. „Ja, das ist nicht wie zu Hanse" meinte Franzek achselznckend. „man bekommt nur schwer die Erlaubnis seinen Posten zu verlassen, aber heute habe ich es doch erbettelt. Ich habe mit dir zu reden. Hast du Brief von zu Hause?" „Nein, schon die längste Zeit nicht." „Und wirst dii nach Hause schreiben?" „Nein, ich habe nichts zu schreiben-. Gutes kann mau nicht schreiben, uiid Böses will mau nicht. Ein Kamerad ans der Stadt hat nach Hause geschrieben, und da werden schon seine Leute den unseren von unserm Wohlbefinden sagen. Er hat sie drum gebeten. Mehr ist nicht notwendig Franzek kraute sich gewohnter Weise hinter den Ohren. „Weißt du, Chajim, ich hätte etwas Wichtiges nach Hause zu schreiben. Wenn wir belagert werden, daun kann kein Brief von hier nach Hause kommen, und wenn ich dann umkomme, ist es schade um das Geheimnis, das ich im Herzen trage. „Geheimnisse dürfen ans der Festung heraus nicht verraten werden," warnt Chajim. „Das ist kein Geheimnis von der Festung, das ist noch von zu Hanse." „Chammer, warum hast du es nicht dem Vater gesagt, bevor du eingerückt bist?" „Erst habe ich mich nicht recht getraut, und dann ist es zu spät dazu geworden. Ich möchte es aber schreiben, wenn ich schreiben könnte." „Jetzt verstehe ich dich. Du möchtest, ich soll es dir schreiben." ..Ja, ja," bestätigte Franzek aufs frerldigste. „Schreib mir den Brief, ich gebe dir meine Portion Tabak dafür." „Behalt nur du deinen Tabak, das tue ich dir gern umsonst, ich habe es ja deinem Vater versprochen. Aber weißt du, ich kann nur jiddisch schreiben. „Macht nichts. Schreib, wie du willst. Der Alte kann es ja ohnehin nicht lesen, du mußt es schon den deinen vvrlesen." Cbajim steckte sein Thillim ein, entnahm seinem Kofierchen die mitgenommenen Schreibrequisiten, und schrieb so, als würde er direkt an seinen Vater schreiben, den Brief mit der gewohnten Anrede: Mein guter Vaterleben, ad meio schonim! Der Arme kannte es nicht anders. Im übrigen ließ er sich alles andere von Franzek diktieren. Einige Zeit nach Absenduug des Briefes finden wir Reb Awrom wieder in feiner Schenkstnbe, den wenigen Gästen seinen gepriesenen Wodka einschenkend. Er hatte sich in das Unabänderliche gefügt und sich mit der Tatsache abgefnuden, daß sein Chajim bei den Soldaten war. Tags zuvor hatte ihn ein Bekannter aus der nahen Stadt besucht, dessen Sohn in derselben Festung wie Chajim interniert war. Dieser Bekannter zeigte ihm einen Brief des Sohnes, worin anch ein Gruß von Chajim an den Vater war. mit der Meldung, daß es sowohl ihm als des Nachbars Franzek gut gehe. Mehr verlangte Reb Awrom nicht zu wissen. Das Uebrige stellte er ja Gott anheim, der ihn und sein frommes Kind nicht verlassen werde. Dieses Vertrauen an die göttliche Gnade hielt ihn doch in jeder Lage seines Lebens aufrecht und.ließ ihn alles Ungemach ruhig ertragen. (Fortsetzung folgt.)

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