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Die Wahrheit · 1912-11-22 · Heft 45 (22.11.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 45 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45. Die Wahrheit Seite 9. Man ruft sich ins Gedächtnis zurück, daß die großen Denkmäler; längst zerstört wurden, daß die berühmten Obelisken, die beiden Madeln der' Kleopatra, nach-London und New-Iork gewandert Mnd, daß der Chalis Omar die wertvollen Bücherschätze zur Heizung der Bäder verwenden ließ. Alexandrien ist jetzt nichts als eine orientalische Provinzstadt mit vorwiegend arabischer, reilweise aber auch sehr gemischter europäischer Bevölkerung, das Peht man schon an den Trachten und hört man vom Kreischen und Schreien der die Ankunft des Schiffes erwartenden, wie ein Ameisenhaufen sich bewegenden Menschengruppen. Zwei europäisch gekleidete Herren, mitten im morgenländischen Menschengewirr leicht bemerkbar, winken uns von der Landnugsbrncke zu. Es sind der Oberrabbiner von Alexandrien, 'Ehacham Baschi Prof. Raffaelo della Pergola und der Direktor der Alliance-Schule Mr. Dauou. Der außerordentlichen Liebenswürdigkeit dieser beiden Herren, die trotz der frühen Morgenstunde uns persönlich erwarteten.und sich uns mit herzlicher .Kollegialität znr Verfügung stellten, war es zu verdanken, daß wir in der für den Aufenthalt in Alexandrien in unserem Programm kurz bemessenen Zeit die wichttgsten Anstalten und Institutionen der jüdischen Gemeinde kennen zu lernen vermochten. Prof, della Pergola, der würdige Nachfolger des im Jahre 1908 Hingeschiedenen gelehrten Chacham Baschi Elia Chasan, ist ein Schüler des Öberrabbiners Dr. S. H. Margnlies in Florenz. Er schreibt und spricht — außer französisch, italienisch, -englisch und arabisch — ein klassisches Hebräisch und ist die Seele der zahlreichen großartigen humanitären und erziehlichen Anstalten der ans etwa 15.000 Seelen geschätzten jüdischen Genneinde. Man'ist angenehm überrascht, nach allen Wandlungen -er Weltgeschichte, „post tot discrimina rerum“, auch im Alexandrien der Gegenwart nicht nur zahlreiche Synagogen zu Pn.de» — darunter den prachtvollen „Tempel des Propheten Elias" („Knesseth Elijahu“, schon von Nabbi Obadja - Bertinoro in einem Neisebriefe vom Jahre 1487 erwähnt) und .Die von Baron Menasce erbaute Synagoge — sondern auch herrliche jüdische Schulen, die jeder großen jüdischen Gemeinde in Europa zur Zier gereichen würden, ebenso eine nach modernen Grundsätzen geordnete Armennnterstütznng und Krankenpstege. Die Wohltätigkeits-Gesellschaft (8ocieta Israelitica di Beneüeenza) hat ein Budget von 273.000 Piaster (zirka 68.000 Frs.), die größten Beiträge werden von Baron I. L. de Menasce -.(der auch Präsident der Gemeinde ist) und den Familien Aghion und Tuby (die ebenfalls im Gemeindevorstand vertreten sind) geleistet. Das israelitische Spital, in welchem im Jahre 1911 insgesamt 726 Kranke Pflege gefunden, hat ein Bildget von ^263.000 Piaster (zirka 66.000 Frcs.). wozll die Stadtgemeinde einen Beitrag von 10.000 Piaster leistet. Die großartigste Anstalt der Gemeinde ist aber die israelitische Freichule, in welcher nahezu 1500 (im verflossenen Schuljahre genau 1436) arme Schüler und Schülerinnen nicht nur unterrichtet, sondern auch täglich zu Mittag gespeist und alljährlich bekleidet und beschuht werden. Die Schule, ein drei- Itöckiges, in der Straße des „Propheten Daniel" (Nabi-Daniel) gelegenes, nach den neusten hygienischen Grundsätzen eingerichtetes .Hans, enthält einen Kindergarten, eine Talmud-Thora für Knaben, eine Mädchenschule (mit dem bezeichnenden hebräischen 'Namen: „Schaddai Jaasor“ —Gott wird helfen) und Handarbeitsknrse. Die Kosten der Schule betragen jährlich 345.000 Piaster (zirka 86.000 Frcs.). die Speisung, Bekleidung und Beschnhuug geschieht durch einen besonderen Verein „Amele Thora“. Einen sehr breiten Raum nimmt im Lehrplan das Hebräische ein — mehr als zweitausend Jahre, nachdem in Alexandrien die Kenntnis des Hebräischen beinahe ganz erloschen ist und statt 'des Textes der Thora die griechische Uebersetznng eingeführt wurde! In manchen Klassen lernen Schüler und Schülerinnen „ibrith be-ibrith“, vermittelst des Hebräischen als Unterrichtssprache, deren sie sich frei bedienein sie singen hebräische Lieder, die ihnen von ihren zum Teil in Palästina herangebildeten hebräisch sprechenden Lehrerinnen beigebracht werden. Daneben lernen sie die arabische Landessprache und 'Französisch; in zwei Jahrgängen auch Italienisch, wodurch sie -für das dort bestehende italienische Lizeum vorbereitet werden. Die Vielsprachigkeit ist eine frappante Eigentümlichkeit der Bevölkerung, auch die Berichte der Gemeinde und der Vereine erscheinen teils italienisch, teils französich, teils in arabischer Sprache. ' Außer der Gemeindeschnle, die der armen jüdischen Bevölkerung dient, bestehen noch zwei jüdische Schuten, die eine von Baron Menasce, die andere von der Alliance Israelite Universelle gegründet. Die Leistungen beider Anstalten, die auch von besser situierten Schülern frequentiert werden, werden vom Oberrabbiner sehr hoch veranschlagt, besonders mit Rücksicht ans den Umstand, daß wenn sie nicht bestehen würden, die Schüler zumeist die christlichen Missionsschulen aussuchen würden. Die Alliance-Schule, die von 115 Knaben und 131 Mädchen besucht wird, wird eigentlich zum größten Teil durch Schulgelder erhallen. Sie führt einen schweren Kampf, um nach Möglichkeit den hebräischen Unterricht zu erhalten und auszudehnen, da gerade die begüterten jüdischen Familien znmetst das Hebräische als nutzlosen Ballast betrachten und die Eltern sich darüber beschweren, daß man ihre Kinder damit plage. In der Schule wird natürlich auch Arabisch, ferner Französisch und Englisch gelehrt, wofür außer der Alliance auch die Anglo Jewish Association in London eine Subvention gewährt. Ein trauriges Kapitel bildet die Notwendigkeit einer intensiven Bekämpfung des Mädchenhandels, der besonders in Alexandrien stark grassiert. Das Ortskomitee der internationalen Gesellschaft „pour la repression de la Traite des Blanchestt, an dessen Spitze der Gouverneur von Alexandrien Monstapha Hadi Pascha steht nnd zu welchem sämtliche Konsuln nnd die Präsidenten sämtlicher wohltätigen Vereine gehören, darunter auch der Präsident der jüdischen Gemeinde, hatte im verflossenen Jahre in nicht weniger als 35 Fällen znr Rettung jüdischer, zumeist aus Rumänien und Galizien nach Egypten gebrachter Mädchen und Fraiteu zu intervenieren. Ans dem Wege von Ahxandrien nach Kairo (3 Stunden mit dem Schnellzug), hielten wir uns für einige Stunden in Tantah auf, der drittgrößten egyptischen Stadt (zirka 60.000 Einwohner), in der etwa 800 Inden leben, zum großen Teil in ärmlichen Verhältnissen, und eine Schule der Alliance besieht, die von 92 Knaben und 116 Mädchen besucht wird. Hier im Innern des Landes herrscht das Arabische souverän. Man trifft keinen Menschen, der irgendeine europäische Sprache versteht. In der von Mr. Alphandary geleiteten Alliance-Schule werden der Landessprache viele Stunden gewidmet, daneben hat aber auch hier das Nenhebräische als Unterrichtssprache für Religion nnd biblische Geschichte sich Eingang verschafft. Wenn man so vielsach, besonders in manchen deutsch-jüdischen Blättern, Schauergeschichten gelesen hat, wie die Alliance angeblich das Jüdische und namentlich das Hebräische ausmerze, ist man ein wenig verblüfft, das gerade Gegenteil wiederholt bestätigt zu finden. In der dritten Klasse der Schule zu Tantah fanden wir 30 Schüler im Alter von 8—10 Jahren, die — mit Kopfbedeckung! — den Wochenabschnitt (Wajera) mit der Neginah lasen und übersetzten nnd sich zum Teil aus Grund des Unterrichtes in hebräischer Sprache verständigen konnten, in dieser Sprache uns auch Fragen aus der biblischen Geschichte gut beantworteten. Nachdem wir noch unter Führung-des Direktors Alphandary die berühmte Moschee in Tantah besuchten, die dem Andenken des Wundertäters Said el Bedavi geweiht ist und wo Hunderte arabischer Jünglinge auf dem Boden kauernd den Koran mit seilten Kommentaren eifrig studieren, trafen wir am selben Abend im eigentlichen „Mizraim", in Kairo, in der Nähe der Pyramiden ein. Gin moderner Caprstrano »«Mahre«. Bekanntlich kam 1464 der Franziskaner Bettelmönch Johannes Capistrano, dessen fanatische Predigten zur Vergießung unschuldigen Blutes in den von ihm besuchten Ländern beigetragen, auch nach Mähren. In Olmütz, wo er mehrere Monate verweilte, hetzte er, wie früher in Breslau und in anderen Städten, das Volk gegen die Ketzer, das heißt: gegen die

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